Disput

Käufliche Liebe - die Frau als Ware

Wenn wir es nicht schaffen, Hilfsorganisationen mit den nötigen Mitteln auszustatten, stellen wir uns selbst ein Armutszeugnis aus

Von Sabine Bomeier

Prostitution, auch die unfreiwillige, gilt als das älteste Gewerbe der Welt, in allen Zeiten und Kulturen zu finden, mal hochangesehen, mal zutiefst verachtet. Stets aber ist damit viel Geld zu machen.

Allein im Land Bremen arbeiten circa 1.000 Sexarbeiterinnen, keinesfalls immer freiwillig. Sie müssen im Durchschnitt drei Freier pro Tag bedienen für jeweils 50 Euro. Das macht, eine Sechstagewoche vorausgesetzt, einen Umsatz von circa 37 Millionen Euro im Jahr. Einige arbeiten in sogenannten Bordellwohnungen, andere gehen ihrem Gewerbe auf dem Straßenstrich nach. Die Zahlen für andere Bundesländer sind je nach Größe und Einwohnerzahl vergleichbar.

Anna war eine von ihnen. Ihre Geschichte gleicht der weiterer Frauen aus dem Rotlichtmilieu. Die Tochter aus einer Arztfamilie wuchs in Polen auf. Noch während des Studiums wurde sie Mutter und heiratete. Doch die Ehe ging schief. Sie wollte dem strengen katholischen Elternhaus entfliehen. Naiv folgte sie den Versprechungen eines Mannes, meinte, in Deutschland schnell viel Geld verdienen zu können. Ein Zuhälter, ihr späterer Ehemann, hat sie dem Menschenhändler abgekauft. Aber Anna glaubte an die ganz große Liebe und daran, dass dieser Mann nur momentan etwas knapp bei Kasse sei. Für ihn ging sie anschaffen. Wie er sie dazu gebracht hat, mag sie nicht erzählen. Es sollte ja nur vorübergehend sein. Wenn die Lage besser sei, würde sie in seinem Büro arbeiten, versprach er ihr.

Bei der Beratungsstelle für Betroffene von Menschenhandel und Zwangsprostitution der Inneren Mission in Bremen (BBMeZ) berichten die Mitarbeiterinnen aber auch von Frauen, die schon als kleine Mädchen in den Heimatländern in die Prostitution verkauft werden. Alt genug, werden sie dann unter anderem nach Deutschland gebracht. Die Frauen sind in der Regel Analphabetinnen und sprechen kaum Deutsch, was ihre Hilflosigkeit steigert. Die Kindheitserfahrungen dieser jungen Frauen sind geprägt von Gewalt und Missbrauch. Sie brauchen dringend Hilfe, wenn sie aus der Prostitution herausgeholt werden sollen. Nicht allein bei BBMeZ wird über die mangelnde personelle und finanzielle Ausstattung geklagt. Hier stehen, auf insgesamt drei Mitarbeiterinnen verteilt, 21 Arbeitsstunden in der Woche zur Verfügung.

»Zwangsprostitution ist Teil organisierter Kriminalität, bei der es um sehr viel Geld geht«, berichtet ein Kripobeamter. Zur Zeit wird der »Markt« in der Hansestadt von den Hells Angels und bulgarischen Schleppern und Zuhältern beherrscht. Die Opfer kommen derzeit überwiegend aus Osteuropa. Sie werden innerhalb der Bundesrepublik »verschoben«, das heißt, die Frauen wechseln in mehr oder weniger beliebigen Abständen die Stadt.

Kommen Streetworkerinnen oder Kripobeamte in eine der Wohnungen, so sagen viele der Frauen, dass sie freiwillig hier seien – und meinen das auch so. »Manchmal ist die Prostitution die einzige Möglichkeit, die Familie in der Heimat zu unterstützen«, erklärt Susanne Coors vom Gesundheitsamt Bremen. Hinzu kommt die Scham, wenn zu Hause niemand weiß, womit das Geld verdient wird. Dabei sind die Verhältnisse, unter denen die Frauen teilweise leben müssen, als menschenverachtend anzusehen. Nicht nur, dass sie zur entwürdigenden Sexarbeit gezwungen werden, obendrein ist oft nicht einmal eine ausreichende Ernährung sichergestellt. Das Geld, das sie von den Freiern bekommen, wird ihnen abgenommen. Die Wohnungen dürfen die Frauen oft nur unter Aufsicht verlassen. Das Zimmer müssen sich mehrere Frauen teilen. Durch die weitgehende Isolierung erfahren die Zwangsprostituierten nicht, dass sie hier durchaus Rechte haben. Dennoch geht es vielen in Deutschland tatsächlich besser als in der Heimat. Das spricht nicht für die Lebensverhältnisse in den sogenannten Modellwohnungen, sehr wohl aber gegen die Lebensumstände in den Heimatländern.

Aber was bedeutet denn »freiwillig«? Karl Marx und Friedrich Engels sagen, dass die Freiheit dort beginnt, wo die Notwendigkeit endet. Für diese Frauen besteht die Notwendigkeit, sich zu verkaufen.

Von Menschenhandel spricht das Gesetz, wenn jemand zu seiner persönlichen Bereicherung auf eine Person in einer Zwangslage dahin gehend einwirkt, dass diese Person der Prostitution zum Vorteil des Schädigers nachgeht (§ 180b Absatz 1 Satz 1 Strafgesetzbuch). Mögen die einen wirklich naiv auf falsche Versprechungen hereingefallen sein, andere folgen einer Notwendigkeit, aus der es vordergründig zunächst kein Entkommen für sie gibt. Die Familie will unterstützt werden, der Onkel droht mit Gewalt, das Geld für die Rückreise in die Heimat ist nicht vorhanden und, und, und ... Wieder anderen Frauen kommt es gar nicht in den Sinn, dass sie eine Alternative hätten. Sie haben gelernt, sich dem Willen des Mannes bedingungslos unterzuordnen. Woher sollen sie wissen, dass hier unter Strafe steht, was zu Hause normal erscheint? Allein der Umstand, dass nicht widersprochen wird, bedeutet jedoch längst noch keine Zustimmung.

Wegen geringfügiger Delikte wurde Anna schon wenig später wieder nach Polen abgeschoben, die EU war damals noch nicht so offen wie heute. Aber die hübsche Anna war offensichtlich ein wertvolles Gut, vielleicht wegen ihrer guten Deutschkenntnisse. Jedenfalls reiste ihr der Zuhälter nach, heiratete sie und brachte sie zurück. Heirat ist unter Zuhältern ein beliebtes Mittel, um den Frauen einen legalen Aufenthaltsstatus zu sichern. Die Frauen macht das noch abhängiger.

Mit Gewalt und Missbrauch werden die Frauen gefügig gehalten. So auch Anna. Sie ging weiter anschaffen, immer öfter mit einem kräftigen Schluck Hochprozentigem vorweg, wie sonst hätte sie es ertragen sollen? Wie die Realität mit den Träumen von Liebe und Glück vereinbaren können? Zwischendurch gab es Prügel. Die Zeiten würden sich schon bessern, glaubte sie. Das wurden sie in gewisser Weise, denn mittlerweile durfte Anna neue Mädchen und Frauen anlernen. Darauf ist sie bis heute stolz. »Ich war eben besser als die«, meint sie und durchschaut nicht das perfide Spiel. Trotz all der Versprechungen eskalierte die Situation irgendwann, wohl auch, weil mal wieder zu viel Alkohol im Spiel war. Sie tötete ihren Mann im Affekt.

Hilfsorganisationen sind mehr als bemüht, derart tragische »Auswege« zu vermeiden. Aber nur wenige Frauen sind bereit, vor Gericht gegen ihre Zuhälter auszusagen. Polizei und Justiz werden aufgrund von Erfahrungen im Heimatland oft als bedrohlich empfunden. Zudem bleibt nach wie vor offen, wo und wovon die Frauen leben sollen, wenn sie sich dazu entschließen, gegen ihre Zuhälter auszusagen. Es fehlt vor allem an Dolmetscherinnen, die die Frauen zu den Gerichten begleiten. Eine unzureichende Bleiberechtsregelung vermindert die Aussagebereitschaft weiter. Den Frauen kann keine Garantie gegeben werden, dass sie nach der Gerichtsverhandlung in Deutschland bleiben können. Für Frauen aus Nicht-EU-Staaten ist das ein nur schwer zu überwindendes Hindernis. Dabei sind es gerade die betroffenen Frauen, die über die Umstände der Zwangsprostitution authentisch berichten können. Dennoch werden immerhin 43 Prozent der Anzeigen von den Opfern gemacht, aber nur 20 Prozent durch die Freier.

Dabei fordern sogar Organisationen der freien Huren ein stärkeres Eingreifen des Staates. Julia von Lengerke von Nitribitt, Beratungsstelle und Treffpunkt für Prostituierte in Bremen, meint: »Vielmehr ist es an der Zeit, dass sich über die Schaffung des rechtlichen Rahmens der Prostitution (Prostitutionsgesetz) hinaus die Politik mit der Kontrolle des Milieus beschäftigen muss. Der freie Markt regelt sich, auch in dieser Branche, nicht von selbst und funktioniert nicht von allein nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit. Gerade wegen des Gefährdungspotenzials des Milieus und der Prostitutionstätigkeit an sich muss die Ausübung der Prostitution zum Schutze und im Sinne der Frauen geregelt werden.«

So sagt denn Monique Troedel von der Fraktion der LINKEN in der Bremischen Bürgerschaft: »Wenn wir der Zwangsprostitution Einhalt gebieten wollen, dann müssen wir am Selbstbildnis und Selbstverständnis der Frauen arbeiten. Und wenn wir es nicht schaffen, Hilfsorganisationen mit den nötigen personellen und finanziellen Mitteln auszustatten, dann stellen wir uns selbst ein Armutszeugnis aus. Es kann nicht sein, dass wir es hinnehmen, dass der Körper von Frauen zu einer handelbaren Ware wird. Das ist moderne Sklaverei.«

Eine ausführliche Broschüre zum Thema ist zu beziehen über: Fraktion DIE LINKE. in der Bremischen Bürgerschaft, Tiefer 8, 28195 Bremen