Disput

»Schulfrieden« für alle

Für eine demokratische, fördernde, verlässliche und alle Kinder wertschätzende Schule

Von Sabine Boeddinghaus, Kandidatin für die Bezirksversammlung Harburg in Hamburg

Was mich in meiner politischen Arbeit antreibt, sind reale Erlebnisse von Ungleichheit, Dünkel und elitärem Habitus. Was mich motiviert, ist der Wille, unser bestehendes ungleiches, sozial zutiefst ungerechtes, hierarchisch strukturiertes Bildungssystem zu verändern.

Als mein ältester Sohn vor 25 Jahren in die Schule kam, traf ich auf Eltern, die für ihr behindertes Kind um einen Platz in der »ganz normalen« Grundschule in ihrem Wohnumfeld kämpften. Das hat mir sehr imponiert und sofort begann ich, mich im Elternrat für die Integration zu engagieren. Es gelang, die erste Integrationsklasse wurde gegründet. Mein zweitältester Sohn kam zwei Jahre später in den Genuss einer solchen Klasse. Es herrschte damals eine enorme Aufbruchstimmung an den Schulen. Die Integration wurde von einer immer größeren Zahl von Eltern, aber auch Lehrerinnen und Lehrern unterstützt. Es war eine riesige Herausforderung, diesen neuen Weg zu gestalten und zu organisieren. Die Bewegung steckte an, sie breitete sich über Hamburgs Stadtgebiet aus. Die Anhängerschaft unter Eltern und der Lehrerschaft wuchs und war jederzeit mobilisierbar, wenn Ungemach in Form von Kürzungen und Ähnlichem zu befürchten war.

Netzwerkarbeit, der politische Austausch in Gruppen, das Ringen um Inhalte und Strategien ihrer Umsetzung haben mir immer schon enorme Befriedigung gegeben. Die Elternarbeit hat mich darum sehr inspiriert. Es gab so viel zu diskutieren und zu besprechen, sich gegenseitig stark zu machen und bei Problemen zu helfen.

Ich habe diese Arbeit aber auch immer mit der politischen, kreativen Dimension verknüpft. In zahlreichen Aktionsbündnissen war und bin ich aktiv. Damals haben wir Eltern in der Volkspetition »Bildung ist Menschenrecht« maßgeblich dazu beigetragen, dass der FDP-Bildungssenator »Konteradmiral« von Bord gehen musste. Als wir unser Begehr im Rahmen einer bürgerschaftlichen Schulausschusssitzung vortragen durften, wurde erstmals in der parlamentarischen Geschichte des Hamburger Rathauses ob der anbrandenden Menschenmenge der große Festsaal geöffnet. Heute ist eine solche Elternbewegung leider nicht mehr vorstellbar.

Erst als mein fünfter Sohn in den Kindergarten kam, entschied ich mich, mein Engagement in eine Partei zu tragen. Ich trat in die SPD ein, weil viele meiner Mitstreiter/innen SozialdemokratInnen waren und ich damals glaubte, eine grundlegende Wende in unserem Schulsystem könne nur mit dieser Partei gelingen. Weit gefehlt! Ich musste schnell lernen, dass meine Vorstellungen von einer demokratischen Schule dort »nur« von einem kleinen (aber feinen!) Kreis geteilt, sie ansonsten als sozialromantisch und nicht durchsetzbar abgetan wurden. Als SPD-Bürgerschaftsabgeordnete gründete ich mit anderen in der Zeit der CDU-Alleinregierung die Volksinitiative »Eine Schule für Alle«. Wir waren fest entschlossen, damit die CDU-Pläne, ein sogenanntes 2-Säulen-Modell in Hamburg zu installieren, zu vereiteln.

Für die Mehrheit der damaligen Fraktion und Partei der Sozialdemokratie war ich mit meinem Vorgehen eine unerträgliche Provokation. »Eine Schule für Alle« stand zwar im Bundesprogramm, auf Landesebene sollte sie aber ewiges Fernziel bleiben. Ich zog die Notbremse, trat aus und arbeitete fortan in der Landesarbeitsgemeinschaft Bildung der Partei DIE LINKE mit, deren Mitglieder ich allesamt in der Ini-Arbeit von »Eine Schule für Alle« kennen- und schätzen gelernt hatte. Den Anspruch der LINKEN, sich in sozialen Bewegungen zu engagieren, haben die Hamburger LINKEN in vorbildlicher Weise umgesetzt. Das war ein gewichtiger Grund dafür, dass ich ein Jahr später Mitglied bei ihnen wurde.

Wie die Sache mit der Volksinitiative »Eine Schule für Alle« ausging, ist allgemein bekannt. Wir haben den zweiten Schritt, das Volksbegehren, unter anderem deshalb verloren, weil er in die Zeit der schwarz-grünen Koalitionspläne für eine sechsjährige Primarschule fiel. Die GAL verloren wir damit als wichtigen Bündnispartner. Eine weitere bittere Niederlage war dann das Ergebnis des dadurch erst möglich gewordenen Volksentscheides »Wir wollen lernen« gegen die Primarschule.

Was mich nicht aufgeben lässt, ist mein Wissen um die Sorgen, Nöte und Ängste der Eltern, ist mein Wissen, theoretisch wie praktisch, um die Ursachen, Zusammenhänge und Folgen unseres überholten Schulsystems. Es ist immer noch darauf angelegt, junge Menschen auf Grund ihrer sozialen und kulturellen Herkunft zu demütigen und zu demotivieren.

Dahinter steht für mich die zentrale Frage, welches Menschenbild und welchen Bildungsbegriff wir haben. Wollen wir Bildung als ein rein outputorientiertes Instrument verstehen, oder gestehen wir allen unseren jungen Menschen ein Recht auf eine umfassende Bildung, kognitiv wie sozial, zu, mit der sie ihr Leben meistern können?

In Hamburg haben wir erleben müssen, wie eine selbst ernannte Elite erfolgreich längeres gemeinsames Lernen verhindern konnte, um ihr geliebtes Gymnasium zu retten. Alle erziehungswissenschaftlichen Erkenntnisse und Studien bewerten das deutsche Schulsystem als sozial ungerecht und wenig erfolgreich. Der Weg hin zu einer inklusiven Schule ist noch weit, aber viele haben sich schon aufgemacht, quer durch alle Parteien und gesellschaftlichen Schichten. Solange es keine demokratische, fördernde, verlässliche und alle Kinder wertschätzende Schule gibt, solange gibt es keinen »Schulfrieden« und solange höre ich nicht auf zu kämpfen.

Nun kandidiere ich für die Harburger Bezirksversammlung als Spitzenkandidatin. Ich möchte mithelfen, das »Projekt« DIE LINKE durch glaubwürdige politische Arbeit auch vor Ort zu entwickeln und zu festigen.