Disput

Wie steht es mit der Gleichstellung?

Die LAG Forsch hat sich in Mecklenburg-Vorpommern umgehört

Die Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Forsch des Landesverbandes Mecklenburg-Vorpommern hat sich anlässlich des 100. Internationalen Frauentages etwas Besonderes ausgedacht: einen Meinungscountdown. 100 Tage lang veröffentlicht die LAG im Internet Antworten von Frauen und Männern auf die Frage »Was muss sich verändern, um die Gleichstellung von Frauen und Männern zu erreichen?«. DISPUT hat bei der Sprecherin der LAG Forsch, Wenke Brüdgam-Pick, nachgefragt, was es mit der Idee auf sich hat.

Wie ist die Idee zum Meinungscountdown entstanden?

Wir haben lange überlegt, was wir als feministische LAG in Mecklenburg-Vorpommern zum Frauentag machen können, und wollten uns abwenden von den üblichen Ideen wie Vorträgen, Kaffeeklatsch oder Ähnlichem.

Die Idee, Meinungen zum Frauentag zu sammeln, gestaltete sich dann dahin gehend, dies über einen Zeitraum von 100 Tagen zu machen, um eben die Symbolkraft der Zahl weiter zu verwenden. Aber nur 100 Frauen zu befragen, war uns zu wenig. Deswegen entschieden wir uns, 100 Frauen und 100 Männer zur Gleichstellungsproblematik zu befragen. Unser Anspruch war es, die Frage möglichst einfach zu formulieren, so dass jede und jeder sie aus dem täglichen Erleben beantworten kann.

Weiterhin wollten wir nicht nur Meinungen sammeln und veröffentlichen, sondern diese auch auswerten und dazu im Frühjahr eine Konferenz organisieren. Dort soll es vor allem darum gehen, aus der Meinung vieler politische Forderungen zu formulieren.

Nach welchen Kriterien werden die Einsendungen ausgewählt?

Wir haben kein Auswahlverfahren entworfen, daher sind die Ergebnisse natürlich auch nicht repräsentativ. Uns ging es vielmehr darum, mit den Menschen auf den Straßen in Kontakt zu kommen.

Welche Kanäle habt ihr genutzt, um den Countdown publik zu machen und die Menschen zum Mitmachen zu bewegen?

Wir haben Flyer und Visitenkarten mit der Frage und unseren Kontaktdaten gedruckt und nutzen die, um den Leuten die Möglichkeit zu geben, sich auch anschließend bei uns zu melden.

Die Mitglieder der LAG sollten ihr Umfeld und ihre Kontakte in ihren Heimatorten nutzen, um Leute anzusprechen. Zeitgleich haben wir eine Facebook-Seite geschaltet, die aber leider kaum genutzt wurde, um Antworten zu geben.

Wie ist die Resonanz auf den Countdown?

Anfangs hatten wir eine große Euphorie und bekamen viele Antworten. Dies ebbte leider über den Jahreswechsel stark ab und muss nun glaube ich dringend wieder angefacht werden, denn viel Zeit bleibt uns nicht mehr.

Es ist besonders schwer, Männer zu einer Antwort zu bewegen. Aber das liegt häufig natürlich auch an der Eigeninitiative, denn unsere Mitglieder arbeiten alle und dadurch kann die Umfrage nur nebenbei laufen.

Plant ihr eine Fortsetzung der Aktion?

Nein, abgesehen von der Auswertung, der Konferenz und gegebenenfalls einem Reader mit anonymisierten Antworten.

Gab es Einsendungen, die aus dem Rahmen fielen?

Wir haben keinen Rahmen gesetzt, daher gab es auch keine Einsendungen, die aus dem Rahmen fielen. Kritische Äußerungen sind durchaus erwünscht, denn es geht ja auch darum, die Gleichstellungsproblematik gesellschaftlich zu verankern. Dafür ist es wichtig, auch die Kritikpunkte Einzelner zu kennen. Falls Anfeindungen gemeint waren, nein, die hat es nicht gegeben. Im Gegenteil, der Landesfrauenrat war absolut begeistert von unserer Aktion, und auch der DGB verteilt fleißig.

Was muss sich verändern, um die Gleichstellung von Frauen und Männern zu erreichen?

Nicole, Nähe Ribnitz-Damgarten: Meiner Meinung nach muss sich nur die veraltete Einstellung der Männer ändern. Männer versuchen doch nur, ihre Armseligkeit zu überspielen, indem sie versuchen, immer alles besser zu wissen, zu können. Egal, was man als Frau sagt, Männer reden immer dagegen.

Der Klügere gibt nach. Lasst sie reden und denken, was sie wollen. Also liebe Frauen, alles Blödsinn, wir sind die Stärkeren. Oder wer kriegt die Kinder, geht danach in vielen Fällen recht bald wieder arbeiten (oft ganztags), kümmert sich danach um den Haushalt, Kinder und die armen Männer? Liebe Frauen, die meisten Männer würden das alles gar nicht in einen Tag bekommen.

Irene Müller, 55 Jahre, Landtagsabgeordnete: Als Frau mit Behinderung stelle ich immer wieder fest, dass in Deutschland doppelt diskriminiert wird. Es gibt keine gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe zum einen, zum anderen werden Menschen mit Behinderung oft als Neutrum betrachtet. Man ist kritischen Blicken ausgesetzt, wenn man als behinderte Frau über Familie, Kinder, Arbeit, Freizeit und Teilhabe an Kultur spricht.

Detlef Ansorge, 72, Jabel: Es sollten mehr Erfahrungen mit der Gleichstellung aus der DDR übernommen werden. Die Gleichstellung der Geschlechter muss Bestandteil der Verfassung sein.

Barbara Borchardt, Landtagsabgeordnete: Wenn wir etwas erreichen wollen, müssen wir uns selbst ernster nehmen. Das bedeutet für mich, dass wir unsere eigenen Beschlüsse umsetzen, die Quote in unserer Partei nicht bei jeder Gelegenheit in Frage stellen, Rahmenbedingungen schaffen, damit Frauen in unserer Partei Politik machen können, bei Konferenzen darauf achten, dass kompetente Frauen einbezogen werden, nicht nur Männer, die wir immer auf dem Zettel haben.

Daniel Borchert, 19, Waren (Müritz): Es sollte eine Frauenquote für höhere Wirtschaftspositionen, zum Beispiel in Aufsichtsräten, eingeführt werden.

Anonym, weiblich, 28, Rostock: Gleichstellung begreife ich in erster Linie als eine Lebenseinstellung – als ein natürliches Verständnis des Zusammenlebens, welches mit der zunehmenden Teilnahme an der Gesellschaft wächst.

Den Blick für geschlechtliche Ungerechtigkeiten bekam ich erst durch die intensive Auseinandersetzung mit diesem Thema. Deshalb erscheint mir die Sensibilisierung bezüglich der herrschenden Missstände als eine erste Herausforderung, um dem Ziel der gleichgestellten Gesellschaft näherzukommen.

André Walther, 23, Schwerin: Um eine Gleichstellung von Frauen und Männern zu gewährleisten, müssen gleiche Löhne für die gleiche Arbeit gezahlt werden, und das Gender-übergreifend! Umso mehr Bedeutung erhält der gesetzliche Mindestlohn. Dazu ist es wichtig, gerade in Zeiten des Fachkräftemangels, Frauen und Mädchen an Berufe heranzuführen, die eher männertypisch waren, wie im Handwerk oder spezielle Dienstleistungen etc. Es bedarf viel mehr Förderung in dieser Hinsicht; eine Gleichberechtigung erreicht man vielleicht durch quotierte Bewerbungsverfahren.

Anonym, weiblich, 48, Hamburg: Vaterschaftsurlaub sollte Pflicht werden, um die Bedeutsamkeit der Vaterrolle auch in der Arbeitswelt klar zu stellen.

Judith, 33, Wismar: Frauen und Männer sind erst gleichgestellt, wenn sich Frauen nicht mehr ernsthaft die Zukunftsfrage stellen müssen: Karriere oder Familie? Sondern wenn es selbstverständlich heißen kann: Karriere und Familie!

Helmut Holter, Fraktionsvorsitzender DIE LINKE. im Landtag Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin: Gender Mainstreaming beginnt im Kopf, das heißt die unterschiedlichen Bedürfnisse und Situationen von Frauen und Männern zu verstehen. Bei allen Maßnahmen, die geplant und ergriffen werden, muss berücksichtigt werden, wie sie sich speziell auf Frauen und auf Männer auswirken. Durch eine Gleichbehandlung allein wird noch keine Gleichstellung erreicht.

Thomas, 50, Parchim: Wenn ich »hohe Tiere« reden höre oder irgendwo auftreten sehe, sind es doch überwiegend Männer. Wo bleiben die Damen?

Jana, 13, Schwerin: Männer tun sich immer so hervor, obwohl sie nicht mehr aufm Kasten haben wie Frauen.

Elke-Annette Schmidt, Mecklenburgische Seenplatte: Es müssen gesellschaftliche Strukturen, tradierte Rollenzuschreibungen aufgebrochen werden. Die heute besser ausgebildeten Frauen haben es trotzdem schwerer, Karriere im Beruf zu machen, und kommen auf der Aufstiegsleiter nicht so weit wie ihre männlichen Kollegen. Sie müssen oft weitaus bessere Leistungen erbringen, um in eine Führungsposition zu gelangen. Die Tatsache von Mutter- bzw. Vaterschaft ist für Männer in Führungspositionen eher ein Plus auf dem Karriereweg nach oben, bei Frau wird dann oft die Frage gestellt, wie sie beide Aufgaben vereinbaren können und ob sie damit nicht überfordert sei.

Anonym, männlich, 37, Rostock: … dass jeder sich für Veränderungen in der Gesellschaft öffnet und diese anzunehmen bereit ist. Immer aus beiden Perspektiven – männlicher wie weiblicher.

Henry, 23, Greifswald: Es ist immer noch irgendwie ein Tabu, dass auch Männer Opfer von häuslicher Gewalt sein können. Sie müssen genauso wie die Frauen Hilfseinrichtungen vorfinden. Ich denke, die meisten männlichen Opfer denken gar nicht daran, sich irgendwo hinzuwenden, und ertragen ihre Situation stillschweigend. Zudem glaube ich, dass viele männliche und weibliche Opfer gar nicht wissen, wo sie sich hinwenden können, und vertrauen sich schließlich niemandem an.

Lars Kulesch, 27, Rostock: Wir müssen uns bewusst machen, dass Männer und Frauen verschiedene Stärken haben und dass wir beide brauchen, um eine emanzipierte Gesellschaft aufzubauen. Dafür muss ein Klima geschaffen werden, in dem Frauen und Männer sich gleich frei, beruflich und privat, einbringen können.

... die Männer sich mehr auch um ihre Familien kümmern können und die Frauen sich auf gleicher Augenhöhe beruflich verwirklichen können.

Jan Matalla, 31, Ludwigslust: Gleichberechtigte Freistellung von Repressalien bei jungen Vätern mit ALG-II-Bezug – wie bei Frauen drei Jahre!

Annegret Tschersich, 53, Nordwestmecklenburg: Die Anerkennung der Familienarbeiten und Erziehungsleistungen, egal, ob Mann oder Frau die leisten.

... Beispiel: Es kann nicht sein, wenn eine Trennung erfolgt und die Kinder bleiben beim Vater, dass die Frau dann eine »Rabenmutter« ist; wenn eine Wohnung nicht aufgeräumt ist, dass die Frau die Schuld bekommt, obwohl eventuell der Mann das Chaos verursacht hat.

Peter Ritter, 51, Stavenhagen, Landtagsabgeordneter: Die Welt muss FEMINISTISCHER, OFFENER, ROTER, SOZIALER, CLEVERER, HARTNÄCKIGER werden! Es braucht also mehr FORSCH!

Interview: Nadia Zitouni