Disput

Die Werrraa soll leawe!

Zwischen Taunus und Vogelsberg: der Kreisverband Wetterau (Hessen)

Von Gabi Faulhaber

»Die Wetterau soll leben!« – Diese Liebeserklärung richtete der Mundartdichter Peter Geibel an seine Heimat. Nur bei dem 48er-Revolutionär hörte sich das für den Rest der Welt eher unverständlich an: »Die Werrraa soll leawe!«

Die Wetterau ist ein großer Landkreis nördlich von Frankfurt am Main, eingebettet zwischen Taunus und Vogelsberg.

Im Westteil des Kreises ist die Infrastruktur gut ausgebaut, mittelständische Betriebe haben sich angesiedelt, viele Menschen wohnen hier und pendeln nach Frankfurt. Hier ist das Land fruchtbar, und es wird intensiv Ackerbau betrieben.

Im strukturschwachen Ostteil sind Arbeitsplätze rar. Die Handwerksbetriebe nehmen Aufträge aus der gesamten Rhein-Main-Region an und weite Wege in Kauf. Nicht selten pendeln Arbeiter/innen und Angestellte 50 bis 60 Kilometer zum Arbeitsplatz. Der öffentliche Nahverkehr lässt zu wünschen übrig. Im Ostkreis leben vermehrt einkommensschwache Familien, weil sie die hohen Mieten im Westkreis und in der Umgebung Frankfurts nicht bezahlen können. Vieh- und Waldwirtschaft prägen eine schöne ländliche Gegend.

Unsere Kreisorganisation hatte zunächst mehr für negative Schlagzeilen gesorgt: Zur Landtagswahl in Hessen traten fünf Wetterauer LINKE gegen DIE LINKE in allen denkbaren Medien auf. Die anderen Parteien mussten sich gar nicht erst die Mühe machen, uns zu diskreditieren. Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde. Von sieben Mandaten verloren wir fünf durch diese Querelen und einen Übertritt in die SPD. Doch das ist vorbei.

Wir sind inzwischen eine stabile Kreisorganisation von ungefähr 80 Mitgliedern. Zwei Ortsverbände gibt es im Westkreis: in der Kreisstadt Friedberg und in Karben. Seit März 2010 freuen wir uns über eine Gruppe in Nidda und Umgebung. Das ist uns besonders wichtig, denn im Ostkreis erzielten wir bei Wahlen gute Ergebnisse. Wir haben noch ein Mandat im Kreistag und eines in der Stadtverordnetenversammlung von Friedberg. Zur Kommunalwahl im März 2011 treten wir wieder mit einer Liste zum Kreistag an, und auch die Ortsverbände kandidieren für ihre Stadtparlamente und teilweise für Ortsbeiräte. Es ist uns gelungen, einige Parteilose für die Kandidaturen zu gewinnen.

Unsere Öffentlichkeitsarbeit wirkt

Ein großes Problem für uns ist, dass uns die örtlichen Medien überwiegend totschweigen. Nur ein kleiner Teil unserer Pressemeldungen erscheint, und dann meist verfälscht. Deswegen geben wir an einigen Orten kleine Zeitungen heraus. Wir berichten über die Kommunalpolitik und aus dem Kreistag und verbinden die Themen vor Ort mit der großen Politik. Die Gruppe in Karben zum Beispiel druckt fünf bis sechs Ausgaben pro Jahr und verteilt eine Auflage von 5.600 in die Briefkästen. Dafür wurden feste Verteiler und Bezirke vereinbart. Das schaffen die anderen Gruppen noch nicht in dieser Dichte. Dennoch ist festzustellen: Unsere Öffentlichkeitsarbeit wirkt. Leserinnen und Leser melden sich und unterrichten uns über berichtenswerte Themen: die Gebührenerhöhungen im Kindergarten, Ein-Euro-Jobber in den Einrichtungen des Kreises, die Privatisierungsabsichten beim städtischen Pflegedienst, die schlechte Behandlung bei der JobKomm usw.

Die politischen Gegner ärgern sich, dass wir mit unseren Themen eine Plattform haben, und fürchten die spitze Feder.

Einige Themen konnten wir wirksam aufgreifen und bekannt machen. Zum Beispiel den gesetzeswidrigen Einsatz von Ein-Euro-Jobbern. Eine gemeinnützige Beschäftigungsgesellschaft des Kreises, die WAUS, schickte die Jobber als Hausmeister an Schulen, verlieh sie in die Privatwirtschaft oder beschäftigte sie im Tourismusbereich. DIE LINKE im Kreistag deckte das auf und forderte feste sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse. Die ungesetzliche Praxis musste nach unseren Veröffentlichungen eingestellt werden.

DIE LINKE in der Wetterau unterstützt eine Erwerbsloseninitiative, die regelmäßig Treffen und Beratungen durchführt. Diese Initiative hat regen Zulauf.

Bei der OVAG – dem oberhessischen Enegieversorgungsunternehmen dreier Landkreise – kommen mehr als 40 Prozent des Stroms aus Atomenergie. Wir machten darauf aufmerksam und forderten die Ausweitung regenerativer Energien. CDU, FWG und FDP im Kreistag sehen hier keinen Handlungsbedarf. Auch die SPD wagt sich nicht vor. Denn in der Wetterau gibt es an einigen Orten eine Initiative gegen »Windkraftmonster«. Doch DIE LINKE tritt für den Bau von Windenergieanlagen ein.

Continental in Karben stellte die Zahlung von Gewerbesteuern ein, so dass ein Loch von zwei Millionen in die Stadtkasse gerissen wurde. Die Übernahme Contis durch Siemens hatte so viel gekostet, dass jetzt eine Abwälzungsmöglichkeit gesucht wurde. Den anderen Parteien war dies keinen Protest wert. Doch seither wird unsere Zeitung auch am Werkstor von Conti verteilt und gern genommen. Wir berichten auch immer wieder über Conti, über Kurzarbeit, über Lohnkürzungen oder unsichere Arbeitsplätze.

Nette Sache mit Marx

Neben kommunalpolitischen Themen beschäftigt unsere Kreisorganisation, dass es in der Wetterau eine lebhafte neofaschistische Szene gibt. Seit Jahren sitzt die NPD in Wölfersheim im Gemeinderat. In der letzten Legislaturperiode stellte sie Abgeordnete im Kreistag und in mehreren Gemeindeparlamenten. Die Auftaktveranstaltung für den Kommunalwahlkampf der NPD Hessen fand im Dezember in Büdingen statt. Gemeinsam mit Initiativen gegen rechts und der Antifa-Bi protestieren wir und klären auf. Das ist uns sehr wichtig!

Über bundespolitische Themen informieren wir auch außerhalb von Wahlzeiten: sei es Hartz IV, die Gesundheitsreform oder der Krieg in Afghanistan. Dazu finden immer wieder Infostände statt.

Wir können nicht über alle Aktivitäten berichten, doch zuletzt noch ein kleines Zuckerstückchen: Junge Leute richteten im linken Büro einen Marx-Lesekreis ein, den wir unterstützen. Dass es in Universitätsstädten solche Lesekreise gibt, verwundert niemanden. Aber in einem Landkreis wie der Wetterau ist das schon eine nette Sache.

Gabi Faulhaber ist Kreisvorsitzende des Wetteraukreises.

www.die-linke-wetterau.de