Disput

Ein ganz normaler Tag

Gedanken zum 22. Juni

Von Mario Gesiarz

Es ist ein ganz normaler Tag geworden, der 22. Juni 2011. Fast genauso wie vor 70 Jahren, in der kleinen Wohnsiedlung Engelsruhe in Unterliederbach, einem Stadtteil von Frankfurt am Main. Alltagsgeräusche waren zu hören, vielleicht hörte man damals etwas mehr Hundegebell und den einen oder anderen Hahn krähen. Autos waren sicher kaum zu hören und zu sehen. Dafür bewegten sich auf der Straße Fahrräder. Nachbarn grüßten sich, redeten miteinander. Etwas mehr als heute. Man ging in den Garten und schaute nach den Gemüsebeeten, holte etwas zum Mittagessen.

Richard, mein Großvater, war seit genau zwei Monaten wieder aus dem Zuchthaus zurück. Vier Jahre hatte er verbüßt wegen Hochverrats in Dietz und Butzbach. Hochverrat, so nannte man es, wenn Menschen nicht beim großen Haufen mitlaufen wollten, wenn sie Hitler als »Daachdieb«, Tagedieb, betrachteten und nicht wollten, dass Menschen im Krieg aufeinandergehetzt werden.

Jetzt saß der zierliche 35-Jährige blass und gebrechlich zu Hause, im Chattenweg, am Küchentisch, aß die dicke pampige Erbsensuppe und hustete gotterbärmlich. Und schwieg vor sich hin. Es ging ihm nicht gut. Das Husten und auch das Schweigen waren die Folgen der langen Haftzeit.

Zerbrochen

Arbeit gab es keine, schon gar nicht für Leute wie ihn. Ein blauer Ausweis bezeichnete ihn als »wehrunwürdig«. Er hatte das Recht verwirkt, sich für »Volk und Vaterland« totschießen lassen zu dürfen. Welch kuriose Strafe! Und welch eine heroische Auszeichnung. Ein Dokument des kleinen, bescheidenen und doch so großen aufrechten Gangs eines ganz normalen Schlossers.

Aber es hatte auch seinen Preis. Vier Jahre seines Lebens hatte er dafür hergeben müssen. Vier Jahre Knast – damals nannte man es Zuchthaus. Nicht mitgerechnet die Erniedrigungen, die er erleiden musste, in den Verhören, beim Prozess. Es war etwas in ihm zerbrochen. Es sollte ihn bis zu seinem Tod begleiten, er sollte nie mehr richtig auf die Beine kommen.

Im April 1936 hatten sie ihn und fast hundert Gleichgesinnte aller Couleur verhaftet. Auf der Engelsruhe war es in jenen Tagen hoch hergegangen: Gebrüll, geborstene Türen, Hausdurchsuchungen, Verhaftungen. Aber sonst hatte sich kaum jemand gerührt. Macht man doch nicht: gegen den Führer und seine Partei sein ... So mancher, der sich nun empörte, hatte erst kurz zuvor seine Farbe von Rot auf Braun gewechselt. Menschen mit der Grundfarbe »durchsichtig«.

Jetzt, am Küchentisch, waren die Haftfolgen recht deutlich spürbar, der Husten, die Auswürfe. Die Erkrankung rettete ihm wahrscheinlich das Leben, denn es bewahrte ihn vor dem Strafbataillon. Aber das kam erst wenige Wochen später, nach diesem 22. Juni.

Er wirkte sehr zerbrechlich, wie er so dasaß und die Suppe löffelte. Seine Frau Hilde, die kleine resolute Person, hatte einen Tender, einen Behälter, voll aus der Volksküche mitgebracht. Sie arbeitete dort seit einiger Zeit, um wenigstens etwas Geld zur Verfügung zu haben. Für sich, die kleine Tochter und den gezeichneten Rückkehrer aus dem Zuchthaus.

Es sollte ein ganz normaler Tag werden. Aber fern im Osten, viele hundert Kilometer entfernt, begann zur gleichen Zeit die Aktion »Barbarossa«, der Überfall auf die Sowjetunion. Das, was Richard, seine Hilde und viele andere in der Familie verhindern wollten. Der Schwager Karl, der 1941 noch ein fünftes Jahr abzusitzen hatte, dann ins Moor und bis zum Kriegsende nach Dachau geschleppt werden sollte. Dessen jüngerer Bruder Friedrich, der schon 1934 ins Saargebiet floh, im Oktober ’36 zum Thälmann-Bataillon kam und schon im Juli 1937 in der Nähe von Madrid sein Leben lassen musste. Aber das sollte erst sehr viel später bekannt werden. Das, was sie und einige andere verhindern wollten, hatte nun begonnen: der volle brutale Krieg.

Siebzig Jahre später

Siebzig Jahre später sollte dieser 22. Juni ebenfalls ein ganz normaler Tag werden. Eigentlich ein zu normaler. Denn kaum jemand erinnerte an die Ereignisse vor 70 Jahren. Weitgehend »übersehen« wurde, dass alleine das überfallene Land 27 Millionen Menschenopfer zu beklagen hatte. Man ließ unerwähnt, dass diese Opfer dazu beitrugen, Europa und die Welt vom deutschen Faschismus zu befreien. Finden der Krieg und dessen Ende im Seifenfernsehen doch einmal Erwähnung, ist es keine Seltenheit, wenn dort die Befreiung erst mit der US-Invasion 1944, dem D-Day, einsetzt. Welch freche Geschichtsklitterung. Welch unmenschliches Verhalten gegenüber den Opfern.

Zu spät kommt mir in den Sinn, dieses Ereignis irgendwie öffentlich zu würdigen, zu begehen. Vielleicht werde ich diesen Text einigen Menschen schicken, mit denen ich schon seit Jahren das Gedenken an andere Opfer aufrechterhalte. Unsere Initiative »9. November 1938« arbeitet seit über 30 Jahren zu diesem Thema, macht Lesungen und andere Veranstaltungen, forscht in der Nachbarschaft, sorgt für würdiges Gedenken am Ort der ehemaligen Synagoge, verlegt Stolpersteine.

Mehr als einmal wurde beim Vorbereiten der Gedenkveranstaltung zum 9. November die Frage gestellt: Warum haben so wenige gegen die Nazi-Gewalt protestiert und sich gewehrt? Diese Frage haben sich meine Altvorderen auch gestellt, als zwei Jahre zuvor die Polizei in die Wohnungen und Häuser eingebrochen war und Verhaftungen vorgenommen hatte.

Nur noch Jubel

Als dann wenige Jahre später der Ostfeldzug begann, gab es scheinbar nur noch Jubel. Wer sollte jetzt noch protestieren? Die jüdischen Mitbürger waren in die Konzentrationslager deportiert, auch wenn einige davon gern im Osten mit marschiert wären. Die Antifaschisten waren verhaftet, im Zuchthaus, zerbrochen und mundtot gemacht, auch wenn einige davon durchaus nichts gegen die Judenverfolgung gesagt hätten.

Die jährliche Gedenkveranstaltung am Platz der ehemaligen Synagoge ist mehr als nur das Gedenken an die Pogrome. Sie ist für mich und – ich bin fest davon überzeugt – für die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer vielmehr ein Symbol des Gedenkens an alle Opfer des Nationalsozialismus. Ein Gedenken an die viel zu schwachen Proteste dagegen, ein Gedenken an die durchaus vorhandenen kleinen Widerstandshandlungen im braunen Alltag.

Und genau deshalb sollte der 22. Juni nicht in Vergessenheit geraten. Er gehört dazu, denn er war eine weitere Stufe auf der Höllenleiter der Nazi. Aber er war auch der Anfang vom Ende. Denn es waren die Menschen der Sowjetunion, die mit der Zerschlagung der Moskauer Belagerung den Eroberungsfeldzug der Deutschen stoppten und in vier weiteren blutigen Jahren die Befreiung und schließlich das Kriegsende in Europa am 8. Mai 1945 ermöglichten.

Dessen sollten wir stets gedenken, eben allen Opfern des Nationalsozialismus.