Disput

Schicksalswahlen

Feuilleton

Von Jens Jansen

In Deutschland werden Wahlen gern zu »Schicksalswahlen« erklärt. Die »bürgerlichen Parteien der Mitte« – und nur die! – ringen um die Verteidigung des Abendlandes und seiner fundamentalen Werte, vor allem des Mehrwertes. Gegner sind die Protestwähler, Wechselwähler, Linkswähler und Nichtwähler, kurz: die »Wutbürger«. Das zeigt sich in Stuttgart und Sachsen-Anhalt, Hamburg und Saarbrücken, Hessen und Bremen und bald in Berlin.

Das Schöne am Schicksal ist, dass nur der liebe Gott dafür verantwortlich ist. Das ist eben eine »Verkettung unglücklicher Umstände«, deren Ursprung außerhalb unserer Wahrnehmung oder Einflussmöglichkeit liegt. Deshalb deutete Frau Merkel auch an, dass die Strahlen aus Fukushima das Grüne in Bremen wachsen ließen. Das ist wie eine außerirdische Macht. Da werden einzelne Menschen oder ganze Völkerschaften in den Abgrund gejagt. Stimmt ja auch, wenn die privaten Betreiber der AKW in Japan erst nach drei Monaten melden, dass es drei Kernschmelzen gab. Oder wenn private Netzbetreiber in Deutschland eine totale Finsternis androhen.

Aber mit Schicksal hat das alles nichts zu tun. Die Mutter des Schicksals ist die Blindheit gegenüber realen Zusammenhängen. Die Herrschenden beklagen das »Schicksal«, wenn die Widersprüche ihres Tuns unbeherrschbar werden! Und davon ist die Lage in Deutschland und der Welt geprägt. Natürlich nicht, wenn man die Wahlreden hört. Da ist Deutschland unschlagbar im Krisenschachspiel. Aber die das verkünden, ähneln doch sehr jenem Lügenbaron, der ohne Quellenangabe und Gewähr die Gipfel der Wissenschaft und Politik erstürmte. Viele Kabinettsmitglieder wirken sehr ähnlich als Alleskönner. Aber die Wähler sehen oder spüren doch, was wirklich los ist:

Die Finanzen stehen auf tönernen Füßen. Die Verschuldung im In- und Ausland und der drohende Kollaps des Dollars als Leitwährung sorgen für Gänsehaut. Die Wirtschaft kann deshalb keine großen Sprünge machen. Zumal die rechtzeitige Orientierung auf Zukunftsprodukte in vielen Bereichen verpennt wurde. Die Bildung bleibt in Quantität und Qualität ein Stiefkind, was durch die sechzehn Pflegemütter des Bundes nicht so bald besser wird. Das kommunale Leben in Stadt und Land wird durch die Sparzwänge fast erdrückt. Vieles, was einst zur Lebensqualität gehörte, fiel dem Rotstift zum Opfer. Das Gesundheitswesen lässt die Armen früher sterben und hat mit den Verbrechen der Nahrungsproduzenten zu tun. Die Außenpolitik, die anderswo von Diplomaten getragen wird, ist hierzulande weitgehend den Regimentern der Bundeswehr übertragen. Selbst die geplante Reduzierung der Truppenstärke wird mit mehr Beweglichkeit für mehr Kriegsschauplätze begründet.

Das alles ist das Gegenteil von dem, was die Bürger erwarten und was die Zeit verlangt. Deshalb wachsen Wut und Protest. Und das Erschrecken der Obrigkeiten beweist nur, wie weit sie abgehoben sind von den Daseinsfragen ihrer Wähler. Deshalb formieren sich neue Mehrheiten. Das könnte ja Großkapital und Großbürgertum kalt lassen, wenn es sich nicht wie Vulkanasche oder Kernstrahlung rund um den Globus ausbreiten würde. Ob Kairo oder Athen, Libyen oder Syrien, Kiew oder Barcelona, Paris oder Rom – überall läuft den Regierenden das Staatsschiff aus dem Ruder. Überall suchen die Wähler rettende Ufer. Überall kommen Alternativen zum Durchbruch, die keiner so erwartet hatte. Der Viermaster »Kapitalismus« schien unsinkbar. Nun sind die Segel verschlissen, der Kompass klemmt, die Laderäume stehen unter Wasser, die Kapitäne üben den Zickzackkurs. Besatzung und Passagiere hängen über der Reling. Aber die Bordkapelle spielt Schunkelwalzer.

Das ist kein Schicksalsschlag. Da hilft kein Bittgottesdienst. Der liebe Gott hat sein Handy abgestellt. Alle unsere Probleme sind Menschenwerk. Nicht von irgendwelchen Menschen, sondern von den Machtmenschen, deren Besitz und Einfluss ständig wachsen. Deren politischen Geschäftsführern droht – je länger, umso öfter – die Abwahl. Wenn dann neue Koalitionen entstehen, ist das nicht der Untergang des Abendlandes, sondern der Versuch, die Erde vor der Gier und Gewalt jener Pokerspieler zu retten, die uns ihren Fuß auf die Gurgel setzen. Denen müssen Fußfesseln angelegt werden, damit ein friedfertiges, ökologisches und soziales Zusammenleben mit nachhaltigem Nutzen für alle Erdteile möglich wird.

Die Linken haben dabei nichts zu verlieren, wenn sie sich nicht selber die Füße platt hauen. Sie können überall dort gewinnen, wo sie mit den »Unbeherrschten« gegen die Herrschenden zu Felde ziehen.