Disput

Der Preis geht an …

Erstmals hat DIE LINKE einen Frauenpreis ausgelobt. Die Preisträgerinnen wurden am 12. März geehrt

Von Nadia Zitouni

Die Arbeit von Frauen erfährt auch heute oftmals noch nicht die gleiche Anerkennung wie die der Männer. Mit dem Clara-Zetkin-Frauenpreis will die Partei DIE LINKE dazu beitragen, dem Wirken und Schaffen der Frauen eine angemessene Öffentlichkeit zuteilwerden zu lassen. Die Auszeichnung gilt der Anerkennung des gesellschaftlichen und politischen Engagements von Frauen. Parteimitglieder und Nicht-Mitglieder waren aufgerufen, Vorschläge für die Auszeichnung mit dem Frauenpreis einzureichen. Knapp 100 Bewerbungen erreichten den Parteivorstand bis zum Einsendeschluss – keine leichte Aufgabe für die sechsköpfige Jury, aus dieser Vielzahl von interessanten und ehrungswürdigen Bewerbungen auszuwählen.

Dr. Florence Hervé – Auszeichnung für das Lebenswerk

Für die Auszeichnung mit dem Clara-Zetkin-Frauenpreis der Partei DIE LINKE erwählte die Jury die Journalistin, Schriftstellerin und Autorin Dr. Florence Hervé. Damit wird eine Frau geehrt, deren Handeln und Schaffen einen wertvollen Beitrag zur Gleichstellung von Frauen und Männern in der Gesellschaft geleistet hat und die ein Vorbild für viele Frauen darstellt.

Die gebürtige Französin mit Lebensmittelpunkt in Deutschland setzt sich seit Jahren für die Rechte der Frauen ein. In einem konservativen Elternhaus aufgewachsen, beginnt Florence Hervé Anfang der 60er Jahre ein Studium der Germanistik in Bonn, Heidelberg und Paris, begleitet von einer Dolmetscherausbildung. Schon während der Studienzeit wird sie politisch insbesondere für die Arbeiter- und Frauenbewegung aktiv. Stets von dem Bestreben nach Freiheit und Unabhängigkeit getrieben, engagiert sie sich fortan in verschiedenen Frauenbewegungen und gründet den 1977 erstmals erscheinenden Rundbrief der Demokratischen Fraueninitiative (DFI) und die Zeitschrift und anschließend den dazugehörigen Verein WIR FRAUEN. Damit wollen sie und ihre Mitstreiterinnen Frauenpublizistik fördern und Projekte von Frauen bekannter machen, sie miteinander vernetzen und eine Plattform für Diskussionen bieten.

Die internationale Zusammenarbeit ist ein starkes persönliches Anliegen von Florence Hervé und so hat sie viele Begegnungen zwischen Frauen von unterschiedlichen Kontinenten und Kulturen organisiert. Nicht nur das erste große Solidaritätsfest der DFI oder ein Internationales Frauenseminar zur Durchsetzung der Frauenförderung in Zusammenarbeit mit der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit, sondern auch die erste Demonstration zum Internationalen Frauentag 1980 in Düsseldorf sind Ergebnisse ihres Engagements. Enthusiasmus, Realismus und die Arbeit an konkreten Projekten und Aktivitäten sind für Florence Hervé treibende Kräfte für ihr Wirken. Ob Frauenprojekte in Südafrika und Namibia (1988-1990), ihr Einsatz für die Freilassung der kurdischen Ex-Abgeordneten Leyla Zana aus türkischer Haft oder ihr Bemühen, israelische und palästinensische Frauenaktivistinnen miteinander in den Dialog zu bringen – ihre Bemühungen sind in vielen Teilen der Welt und für viele Frauen nachhaltig spürbar.

Neben ihrem beruflichen und politischen Engagement ist es ihre Persönlichkeit, die beeindruckende Spuren bei ihren Weggefährtinnen und Weggefährten hinterlassen hat. Ihr Vertrauen in die Menschen, gemeinsam etwas bewegen zu können, begleitet von einer ungehörigen Portion Optimismus – so beschreiben sie langjährige Kolleginnen und Vertraute. »Selbst in kontroversesten Diskussionen bleibt sie ihrem Gegenüber wertschätzend«, beschreibt Gabriele Bischoff, Redakteurin der Zeitschrift »WIR FRAUEN«, dessen Mitbegründerin und Mitherausgeberin Florence Hervé ist und für die sie noch heute als Redakteurin tätig ist. »Ihre unbedingte Integrität und Klugheit, ihr Humor sowie ihre solidarische Haltung sind den Frauen im Verein und in der Redaktion ›WIR FRAUEN‹ Beispiel und Vorbild.«

Getrieben von ihrer Neugier auf engagierte Frauen, sucht Hervé immer wieder das Gespräch mit ihnen, trifft sie in deren persönlichem Umfeld und skizziert ihre Lebens- und Alltagssituationen. Seit Ende der 60er Jahre beschäftigt sich die als Internationalistin beschriebene Journalistin sehr intensiv mit dem Leben von Clara Zetkin. Sie beteiligt sich unter anderem an der Übersetzung der Zetkin-Biografie von Gilbert Badia und hat selbst Artikel und Texte zum Leben und Schaffen der Frauenrechtlerin verfasst. Ihr umfangreiches Wissen über die Begründerin des Internationalen Frauentages gibt Hervé seit vielen Jahren in Vorträgen und Lesungen weiter.

Discover Football – Auszeichnung in der Kategorie Projekt

Spätestens seit den Erfolgen der Frauennationalmannschaft hat sich der Frauenfußball in Deutschland weg von einer medialen »Randsportart« hin zu einem gesellschaftlich akzeptierten Sport entwickelt. In vielen anderen Ländern jedoch ist das Kicken immer noch ein reines Männervergnügen.

Dem entgegenzuwirken, ist eins der Ziele des Vereins Fußball und Begegnung e.V. aus Berlin, dessen Projekt »Discover Football« von der Jury mit dem Clara-Zetkin-Frauenpreis ausgezeichnet wurde. Mit dem Projekt wurde ein internationales Frauenfußballturnier ins Leben gerufen, an dem sieben Teams aus allen Teilen der Welt nach Berlin kommen und um den Pokal kicken. Ziel ist es, den Frauenfußball weltweit zu stärken. Es geht aber um viel mehr als den reinen Sportsgeist: Der kulturelle Austausch und die Begegnungen der Frauen auf dem Feld und abseits des Feldes spielen dabei eine mindestens genauso große Rolle.

Geboren wurde die Idee eines internationalen Frauenfußballturniers vor fast genau fünf Jahren in Teheran. Damals spielten Mitwirkende des heutigen Projektteams in einem historischen Match gegen die iranische Frauennationalmannschaft – im ersten öffentlichen Match einer weiblichen Mannschaft seit der Revolution 1979.

Dieses für alle Beteiligten sehr eindrucksvolle und nachhaltige Erlebnis war Ansporn und Ausgangspunkt für die Vereinsgründung und das Projekt Discover Football. »Die Erfahrung, dass Fußball über vermeintliche Grenzen und Unterschiede hinweg verbinden kann und Frauen Kraft und Lebensfreude gibt, hat uns dazu gebracht, Discover Football ins Leben zu rufen«, so Andrea Linke, Projektverantwortliche von Discover Football. Nach dreijähriger Vorbereitung dann der Anpfiff: Im vorigen Sommer reisten sieben Mannschaften zum ersten Fußballturnier nach Berlin. Die Frauen kamen aus Afghanistan, Ecuador, Paraguay, Sambia, Israel und den palästinensischen Gebieten, Österreich und Serbien nach Berlin, um sich, unabhängig von sozialen und politischen Hürden, in einem sportlichen Wettkampf zu messen, aber auch, um sich mit ihren Mitstreiterinnen abseits des Feldes auszutauschen.

Insbesondere dieser interkulturelle Austausch nach Abpfiff ist den Teilnehmerinnen nachhaltig im Gedächtnis geblieben ist – Begegnungen, die in dieser Form ohne Weiteres nicht so einfach hätten realisiert werden können. »Beim gemeinsamen Grillen auf dem alten Tempelhofer Flughafen tanzten alle mit den sambischen Spielerinnen, die mit den serbischen Fußballerinnen auch für den größten Gänsehaut-Moment von Discover Football 2010 sorgten: Im Neunmeterschießen des Turnier-Halbfinales zitterten beide Mannschaften für eine gefühlte Ewigkeit um den Sieg. Nach nervenzerreißenden 24 Neunmeterschüssen für beide Teams fiel endlich die Entscheidung und Sambia zog ins Finale ein«, erinnert sich Andrea Linke.

Viel mehr als »nur« Fußball

Heute engagieren sich über 20 fußballbegeisterte Frauen und eine Handvoll Männer ehrenamtlich, um das Projekt weiter zu entwickeln. Die verschiedenen beruflichen Hintergründe und Kompetenzen, die die einzelnen Mitstreiter einbringen, tragen zur erfolgreichen Umsetzung des Projektes bei. So werden durch die Struktur des Vereins und der erforderlichen Arbeitsabläufe die Fähigkeiten von Frauen gefordert und gefördert. Die Zusammenarbeit mit verschiedenen Berliner Vereinen, die sich für die Förderung von Jugendlichen und Mädchen stark machen, ermöglicht, dass Frauen und Mädchen Teil der interkulturellen Begegnungen werden können.

Andrea Linke: »Sie finden Vorbilder in Frauen, die sich, wie im Fall der afghanischen Frauennationalelf oder dem Masco HIV Aids Sports Project, unter widrigsten Bedingungen und gegen große Widerstände Freiräume und Entfaltungsmöglichkeiten geschaffen haben.« Freiraum heißt in diesem Fall auch, überhaupt erst einmal an einem Fußballspiel teilzunehmen, denn nicht alle Mannschaften, die sich für das Turnier anmelden, können aufgrund der politischen Situation in ihren Heimatländern nach Deutschland kommen.

Die Mannschaften, die von einem Komitee ausgewählt und nach Berlin eingeladen werden, zeichnen sich durch ihr Engagement in ihren Herkunftsländern aus, beispielsweise für die Gleichberechtigung von Frauen im Sport und in der Gesellschaft. Damit erhält das Projekt neben dem Sportsgeist eine höchst politische Aussage: Es vereint interkulturelle Verständigung mit Integration und Emanzipation. Für die Jury eines der ausschlaggebenden Kriterien, das Projekt mit dem Clara-Zetkin-Frauenpreis auszuzeichnen.

Nach dem erfolgreichen Auftaktturnier im vorigen Sommer findet auch 2011 wieder ein einwöchiges Fußballturnier statt. Discover Football ist im Jahr der FIFA-Weltmeisterschaft der Frauen, die in Deutschland ausgetragen wird, offizieller Teil des begleitenden Kulturprogramms des Deutschen Fußball Bundes (DFB). Vom 27. Juni bis 3. Juli treten die Mannschaften aus Indien, Ruanda, Brasilien, Israel, Kamerun, Afghanistan, Togo und Berlin gegeneinander an.