Disput

Nur wer sich einmischt ...

Esther Broß kandidiert im Wahlkreis 52 (Kehl) in Baden-Württemberg

Was hat dich in die Politik gebracht, was hat dich bewogen, dich gesellschaftlich zu engagieren?

Zur Politik bzw. zur LINKEN bin ich über die antifaschistische Arbeit in der VVN-BdA (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der AntifaschistInnen) und meine aktive Gewerkschaftsmitgliedschaft gekommen. Ein sehr prägender Moment war, als ich gebeten wurde, aus meiner Abschlussarbeit an der Akademie der Arbeit (Frankfurt am Main) einen Beitrag für eine Veröffentlichung zu schreiben. Die Arbeit beschäftigte sich mit der historisch gewachsenen Notwendigkeit gewerkschaftlicher Arbeitslosenarbeit und wurde von Prof. Dr. Friedhelm Hengsbach SJ betreut. Ich stellte fest, dass ich einen Beitrag zu diesem Zeitpunkt anders schreiben würde, da die fehlenden politischen Entschlüsse die späte Einführung der Arbeitslosenversicherung bewirkten und die Gewerkschaften nur bedingt handlungsfähig waren. Dabei wurde mir klar, dass es darum geht, auch auf politischer Ebene aktiv zu werden. Da ich die PDS vor Ort schon aufgrund ihres klaren Engagements gegen Rassismus und Krieg als Sympathisantin unterstützt hatte, war der Weg vorgezeichnet. Ich bin dann am 8. Mai 2005 in die PDS eingetreten.

Wie schwer ist es, in deiner Region für die Ziele der LINKEN aktiv zu sein?

Was heißt schwer? Der Ortenaukreis ist der flächenmäßig größte Landkreis in Baden-Württemberg und immer noch sehr ländlich geprägt. Es ist auch der Wahlkreis von Herrn Schäuble, und das schon sehr lange ...

Wir mussten uns alles erkämpfen – angefangen damit, dass wir als Partei von der Presse wahrgenommen werden bis hin zur Mitgliedergewinnung. Wir sind ein fitter Kreisverband geworden, machen gute politische Arbeit und sind, unter anderem durch unsere anderen Funktionen, als verlässliche Bündnispartner anerkannt, vor allem bei den Gewerkschaften oder in antifaschistischen Bündnissen.

DIE LINKE ist dabei! Mittlerweile konnten wir einiges im Ortenaukreis erreichen, was natürlich sich auch in der zunehmenden Akzeptanz linker Politik niederschlägt. Bei den Wahlen in den vergangenen Jahren haben wir stetig zugelegt, und seit den letzten Kommunalwahlen konnte sowohl in Kehl als auch in Lahr ein Genosse in den Stadtrat einziehen. Im Kreistag sind wir ebenfalls mit einem Genossen vertreten. Das ist schon mal gut und wird beim nächsten Mal bestimmt noch besser. Um es mit Bertolt Brecht zu sagen: Es sind die Mühen der Ebene, die es zu meistern gilt!

Warum kandidierst du, obwohl die Chancen für deinen Einzug in den Landtag sicherlich nicht riesig sind?

Weil ich der festen Überzeugung bin, dass gerade junge Frauen sich politisch einmischen sollen. Dazu gehört auch, am 27. März als Landtagskandidatin für unsere Partei anzutreten.

Ich gehe davon aus, dass ich mit meinen Vorstellungen im Bildungsbereich, den Themen Ökologie und Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs ein gutes Ergebnis in meinem Wahlkreis in Kehl erreichen werde (die »schwarzen Schwarzwaldtäler« ausgenommen). Mein Motto ist: Nur wer sich einmischt, kann etwas verändern.

Welche Eindrücke hast du in diesem Wahlkampf?

Die Chancen, dass DIE LINKE in den Landtag einziehen wird, sind meiner Meinung nach ganz gut. An Infoständen, bei Veranstaltungen, im Freundes- und Bekanntenkreis oder auch beim Einkaufen habe ich fast durchweg eine positive Resonanz zu meiner Kandidatur und zu unserer Partei erfahren.

Vor Ort kann ich mich auf eine gute und heitere Wahlkampftruppe verlassen, die mich solidarisch und tatkräftig unterstützt.

Es macht sich für mich allerdings bemerkbar, dass sich der Wahlkampf in Baden-Württemberg von Region zu Region stark unterscheidet und dass wir auf Landesebene die ländlich geprägten Räume in unseren Planungen stärker berücksichtigen müssen.

Was würdest du im Landtag als erstes anstreben?

Ich würde mich besonders in der Bildungspolitik einbringen. Dazu zählen die Abschaffung der Studiengebühren, die Gebührenfreiheit von Bildung überhaupt sowie die großen Anstrengungen, die nötig sind, das mehrgliedrige Schulsystem abzuschaffen, um eine inklusive Gemeinschaftsschule zu erreichen.

Wie lassen sich mehr Bürgerinnen und Bürger für Politik interessieren?

Politische Entscheidungen müssen transparent gestaltet werden. Wenn sich für den Einzelnen der Eindruck festigt, dass sich etwas verändern kann, entsteht auch wieder Hoffnung und das Bedürfnis, sich einzumischen. Es ist wichtig, dass gerade wir präsent sind, in Initiativen und Bündnissen mitarbeiten, Betriebe und Kindergärten besuchen und direkt ansprechbar sind.

Was machst du ansonsten in der Freizeit? Schreinerst du noch ab und zu für den »Hausgebrauch«?

Meine letzte schreinerische »Tat« habe ich bei Renovierungsarbeiten in meinem neuen Domizil in Kehl ausgeführt – und es fehlen immer noch ein paar Fußbodenleisten ... Neben dem Studium, der Parteiarbeit im Kreisvorstand, der Arbeit in der VVN-BdA auf Kreis-, Landes- und Bundesebene bleibt mir als aktiver Sportschützin nur wenig Zeit zum Schießen.

Interview: Florian Müller

Esther Broß: geboren 1976, lebt in Kehl, Schreinerin, Empirische Kulturwissenschaftlerin, Mitglied im Kreisvorstand der LINKEN. Ortenau