Disput

Atomausstieg selber machen

Soziale Energiewende jetzt! Ein paar Tipps

Von Jürgen Stopel

Aus der Katastrophe in Fukushima am 11. März 2011 sollten Lehren gezogen werden: Wer sich auf Atomenergie einlässt, betreibt ein Spiel mit dem Feuer, denn die Endlager-Frage ist zumindest in Deutschland nicht gelöst, und die Technik ist für Menschen im Grunde nicht beherrschbar. Dies zeigten auch schon frühere Atom-Katastrophen, wie die von Tschernobyl vor 25 Jahren.

Die Durch- und Umsetzung der – längst überfälligen – sozialen Energiewende ist nicht allein Sache der Politik, sie betrifft alle Bürgerinnen und Bürger. Mit dem Ziel der sozialen Energiewende ist eng verknüpft das andere Ziel, die Macht der Energiekonzerne zu brechen. Dieser Beitrag konzentriert sich auf die Frage nach einem Stromanbieterwechsel. Umweltverbände sprechen davon, den »Atomausstieg selber zu machen!«.

Den Stromanbieter zu wechseln, ist in aller Regel völlig problemlos möglich, und zwar ziemlich kurzfristig. Jeder Verbraucher ist dazu grundsätzlich berechtigt. Was sollte der Verbraucher beachten?

  • Er sollte sich zunächst genau überlegen, zu welchem Versorger (= Energielieferanten) er wechseln möchte.
  • Danach teilt der Verbraucher seinem neuen Versorger (Anbieter) seine Absicht schriftlich mit, den Stromanbieter zu wechseln, und bittet darum, für ihn (den Verbraucher) alle notwendigen Formalitäten zu erledigen.
  • In der Regel kommt der neue Anbieter diesem Wunsch nach. In dem Zusammenhang stellt der neue Versorger einige Fragen an den neuen Kunden, zum Beispiel nach der Höhe seines Stromverbrauchs im letzten Jahr. Diese Fragen sollte man korrekt beantworten, damit sich der neue Anbieter (und sein neuer Kunde) ein Bild von der ungefähren Höhe des Stromverbrauchs machen können, wovon die »tarifliche Eingruppierung« abhängig sein dürfte.
  • Der neue Anbieter teilt dann den Zeitpunkt mit, zu dem der neue Kunde von ihm mit Strom beliefert wird.
  • Die gelegentlich geäußerte Befürchtung, infolge des Stromanbieterwechsels könne es etwa zu einem völligen Stromausfall für den Verbraucher kommen, ist völlig grundlos. Selbst dann, wenn der neue Versorger Konkurs anmelden sollte, hat der Verbraucher ein gesetzlich garantiertes Recht auf lückenlose Fortsetzung der Belieferung mit Energie, zum Beispiel Strom.

Kriterien für die Wahl eines (neuen) Stromanbieters

1. Steht eindeutig fest, daß der neue Stromanbieter keinen Atomstrom liefert, auch nicht in (scheinbar nur) geringen Mengen? Auf welche Anbieter trifft dies zu? Dazu mehr weiter unten. Eine Anfrage an die örtliche Verbraucherzentrale oder eine »Nachfrage« etwa im Internet unter www.verivox.de können weiterhelfen.

2. Ist der Tarif des neuen Anbieters sozial, ist er für den Verbraucher bezahlbar?

3. Kann der neue Anbieter als seriös gelten? Mit anderen Worten: Gehört er nicht zu den Abzockern, die durch die Bank falsche und für die Kunden ungünstige Abrechnungen versenden? Hier könnte eine Anfrage zum Beispiel an die örtliche Verbraucherzentrale hilfreich sein.

4. Es kommt nicht auf den Standort (Firmensitz) des neuen Stromanbieters an! Beispielsweise kann ein Verbraucher in Hamburg problemlos mit Strom der Elektrizitätswerke Schönau in Baden-Württemberg versorgt werden.

Welche Öko-Stromanbieter sind empfehlenswert?

  • Elektrizitätswerke Schönau (EWS Schönau): 79677 Schönau, Friedrichstraße 53-55, Telefon: 07673 – 88550, www.ews-schoenau.de/
  • Greenpeace Energy eG: 20357 Hamburg, Schulterblatt 120, 040 – 808 110-330, www.greenpeace-energy.de
  • Naturstrom AG: 40227 Düsseldorf, Mindener Straße 12; 0211 – 77900 – 0, www.naturstrom.de
  • Stadtwerke Flensburg: 24939 Flensburg, Batteriestraße 48, 0461 – 487 – 0, www.stadtwerke-flensburg.de
  • Stadtwerke Wedel GmbH: 22880 Wedel, Feldstraße 150, 04103 – 805 – 0, www.sw-wedel.de

Diese Stromanbieter betreiben keine Atomkraftwerke, sie bauen auch keine Kohlekraftwerke, und sie liegen an der unteren Preisgrenze.

Viele ehemalige Kunden haben Vattenfall, E.ON & Co. den Rücken gekehrt. Das sind Beispiele, die Schule machen sollten!

Das Beispiel: EWS Schönau

Die Elektrizitätswerke Schönau erhielten im April 2011 den Internationalen Umweltpreis, den Goldman Environmental Prize, dotiert mit umgerechnet 100.000 Euro. 650 Bürger/innen, darunter die »Stromrebellin« Ursula Sladek, hatten 1994 die Elektrizitätswerke Schönau gegründet. Sie ließen sich von der Idee leiten, in Schönau das Stromnetz selbst zu übernehmen, »damit wir die Rahmenbedingungen für den Einsatz von erneuerbaren Energien oder von Kraftwärmekopplung selbst bestimmen konnten« (U. Sladek). Heute beliefert EWS mehr als 100.000 Haushalte mit Strom – in ganz Deutschland. Die Nachfrage nach Fukushima wuchs um das Zehnfache.

Warum ist ein Wechsel grundsätzlich empfehlenswert?

Vor allem aus zwei Gründen: aus ökologischen und aus politischen Gründen. Die »Großen Vier« (E.ON, Vattenfall, RWE, EnBW AG) ließen und lassen – auch nach Fukushima – nichts unversucht, um einen endgültigen und unumkehrbaren Ausstieg aus der Atomenergie ganz zu verhindern. Über ihre Lobbyisten, die zum Teil in Ministerien sitzen, versuchen sie, selbst noch so zaghafte Ansätze in Richtung Ausstieg aus der Atomenergie zu torpedieren. E.ON, Vattenfall & Co. haben jahrelang fette Gewinne auf Kosten der Bevölkerung eingefahren. Die Sicherheit der Bevölkerung vor den Gefahren, die von der Atomenergie ausgehen (siehe Tschnernobyl und Fukushima), interessiert diese Konzerne nicht.

Die Forderung der LINKEN nach einer Wiedereinführung einer staatlichen Preisaufsicht ist vollauf berechtigt.

Eine nachhaltige Bewegung hin zu wirklichen Öko-Stromanbietern, hin zu erneuerbaren Energien ist zugleich die adäquate Antwort der Verbraucher auf die jahrelangen und durch nichts gerechtfertigten Preiserhöhungen dieser Konzerne.

In Hamburg wird jetzt das Volksbegehren »Unser Hamburg – Unser Netz« vorbereitet. Die Rückführung der Energienetze, die zur Zeit noch Vattenfall und E.ON gehören, in die Öffentliche Hand steht damit auf der Tagesordnung.

Jürgen Stopel ist einer der Sprecher/innen der Hamburger Stadtteilgruppe Winterhude-Eppendorf-Hoheluft-Ost der LINKEN.