Disput

Im Zeichen der roten Fahne

Geschichte, Werk und Modernität der Pariser Kommune. Vor 140 Jahren niedergeschlagen, leben ihre Ideale

Von Yves Lenoir

Die Pariser Kommune beginnt am 18. März 1871. An diesem Tag befiehlt der »Chef der Exekutive« Adolphe Thiers der Armee, sich der Kanonen der Nationalgarde zu bemächtigen, die von der Pariser Bevölkerung während der preußischen Belagerung der Stadt bezahlt worden waren.

Die Truppe überrascht die Nationalgardisten, verletzt einen von ihnen lebensgefährlich und erbeutet die Kanonen auf dem Montmartre-Hügel.

Bei Morgengrauen entdeckt die Bevölkerung vom Montmartre das Eindringen der Militärs. Allen voran die Frauen, die sehr früh auf den Beinen sind. Sie diskutieren mit den Soldaten. Ein General befiehlt, auf die Menge zu schießen, aber die Soldaten verbrüdern sich mit der Bevölkerung. Diese Nachricht verbreitet sich über Paris. Die Bataillone der Nationalgarde besetzen öffentliche Gebäude und Kasernen.

Thiers flüchtet nach Versailles. Das Zentralkomitee der Nationalgarde bezieht das Rathaus und organisiert Wahlen zu einem Kommunerat, die am 26. März stattfinden.

Der Aufstand vom 18. März bricht nicht wie ein plötzlicher Donnerschlag an einem wolkenlosen Himmel herein. Er resultiert vor allem aus der sozialen Situation. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen sind schwer: Arbeitstage von zehn bis zwölf Stunden, manchmal noch mehr; Kinderarbeit ab acht Jahren; sehr niedrige Löhne; kein bezahlter Urlaub, aber lange Zeiten von entschädigungsloser Arbeitslosigkeit; keine Kranken- und Rentenversicherung; alte Menschen liegen ihren Kindern auf der Tasche; winzige und ungesunde Wohnräume; hohe Mieten.

1869 gibt es zahlreiche und machtvolle Streiks. Die Internationale, 1864 gegründet, fördert die Gründung von Arbeitervereinigungen, die mehr und mehr die Rolle von Gewerkschaften übernehmen, die ihrerseits verboten sind.

Gleichzeitig gewinnt die republikanische Bewegung an Bedeutung. Kaiser Napoleon III. versucht, der sozialen und republikanischen Bewegung zu begegnen, indem er Preußen im Juli 1870 den Krieg erklärt. Es kommt zu einer verheerenden Niederlage. Der Kaiser wird geschlagen und in Sedan gefangen genommen.

Am 4. September 1870 erhebt sich das Volk in Paris und weiteren Städten. Die Republik wird ausgerufen. Eine »Regierung der Nationalen Verteidigung« zieht ins Pariser Rathaus ein.

Paris wird von den Preußen belagert; die Nationalgarde, die sich proletarisiert, wird zum Volk unter Waffen. In den Stadtbezirken werden Überwachungskomitees eingesetzt, um die Republik zu verteidigen. Die Bataillone der Nationalgarde schließen sich am 15. März 1871 zu einem Zentralkomitee zusammen; es wird zum Sprachrohr für die sozialen und demokratischen Forderungen.

Unterdessen ist am 8. Februar 1871 eine Nationalversammlung gewählt worden, die Bismarck gefordert hat, um den Friedensvertrag ratifizieren zu lassen. Die Mehrheit der Versammlung ist monarchistisch. Sie wählt zu ihrem Sitz Versailles, die Hauptstadt der Könige vor der Revolution von 1789, und handelt einen Waffenstillstand aus, in dessen Ergebnis das Elsass und ein Teil Lothringens an Deutschland abgetreten werden. Die Nationalversammlung provoziert die Pariser Bevölkerung: Sie streicht den Sold für die Nationalgarde und hebt das Moratorium für Mieten und Schulden auf.

Die 72 Tage der Kommune

Die Pariser Proletarier lehnen die Kapitulation ab. Sie erstreben eine demokratische Republik in Fortführung der Revolutionen von 1793 und 1848. Sie wollen ihre Stadt durch gewählte Gemeinderäte regieren, deren Vertreter sie kennen und von denen sie Rechenschaft fordern können.

Die Kommune wird am 28. März vor dem Rathaus in Anwesenheit von 200.000 begeisterten Pariserinnen und Parisern ausgerufen.

Der Kommunerat verabschiedet die Dekrete, die von zehn Ausschüssen nach Beratung mit den Volksorganisationen ausgearbeitet werden: mit den Klubs, den Komites der Frauenunion, Sektionen der Internationale, Berufsverbänden, der Nationalgarde, der Künstlervereinigung. Die nunmehr freie Presse spielt eine große Rolle.

Werk der Kommune

Die Kommune baut eine echte Demokratie auf. Die Gewählten sind an ein imperatives Mandat gebunden und können abberufen werden, wenn sie ihre Verpflichtungen nicht einhalten.

Die Arbeitskommission unter Leitung des ungarischen Arbeiters Léo Frankel arbeitet in enger Abstimmung mit den Volksorganisationen. Sie veranlasst Maßnahmen zur Arbeitszeitverkürzung, die Abschaffung der Nachtarbeit in Bäckereien, Lohnerhöhungen, die Arbeiterselbstverwaltung in Betrieben, die von ihren Eigentümern verlassen wurden, die kostenlose Verteilung von Werkzeug aus den Pfandhäusern, die Wiedereinführung des Moratoriums für Mieten und Schulden, die Aneignung von freiem Wohnraum, die Gründung von Arbeitsvermittlungsstellen.

Erstmals wird eine feministische Massenorganisation gegründet, die »Frauenunion zur Verteidigung von Paris und der Pflege von Verletzten«. Die Frauen erringen gleiche Löhne bei Lehrerinnen und Lehrern, das Recht auf außereheliche Lebensgemeinschaften, die Gründung einer Industrieberufsschule für Mädchen. Sie gründen selbstverwaltete Frauenbetriebe, sie kämpfen gegen Prostitution, die sie als eine Form der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen ansehen. Frauen oder Lebensgefährtinnen von Kommunarden, die im Kampf ums Leben gekommen sind, erhalten Pensionen, ebenso ihre Kinder.

Die Kommune erweist sich als internationalistisch und wählt die rote Fahne, die Fahne der universellen Republik. Zahlreiche Ausländer sind an der Kommune beteiligt, insbesondere belgische und luxemburgische Arbeiter, polnische und italienische Revolutionäre. Die Kommune überträgt ihnen verantwortungsvolle Funktionen. Léo Frankel fungiert als Arbeitsminister. Das militärische Kommando haben die polnischen Generäle Wroblewski und Dombrowski inne.

Die Triumphsäule auf der Place Vendôme wird zerstört, weil sie als Symbol für Gewalt und Militarismus gilt, als Angriff auf die Brüderlichkeit der Völker.

Per Dekret vom 2. April 1871 werden Staat und Kirche getrennt. Die gewählten Ratsmitglieder und die Vereinigungen für neue Erziehung führen die laizistische und kostenlose Schulbildung ein.

Die Künstlervereinigung unter Leitung des Malers Gustave Courbet spricht sich für die Freiheit der Kunst von jeglicher Bevormundung durch die Regierung aus. Die Kommune öffnet wieder Museen, Bibliotheken und Theater. Die Guillotine wird als Zeichen des Protestes gegen die Todesstrafe verbrannt.

Der bewaffnete Kampf

Das demokratische und soziale Werk der Kommune wird in weniger als zwei Monaten und, angesichts des anhaltenden Bürgerkrieges, unter sehr schwierigen Bedingungen geschaffen.

Ab dem 2. April greifen die Versailler die Kommunarden an und verüben Massenexekutionen, woraufhin die Kommunarden drohen, Geiseln zu erschießen. Zwei Monate lang beschießen die Versailler Truppen Paris. Heftige Kämpfe finden an den Forts statt, die die Hauptstadt schützen sollen. Bismarck lässt Kriegsgefangene frei, sie verstärken die Versailler Truppen. Die Kommunarden kämpfen heldenhaft, aber sie müssen bis an die Festungswälle zurückweichen.

Die Niederschlagung

Am 21. Mai 1871 dringen die Versailler Truppen in die Stadt ein. Das ist der Beginn der Blutwoche. Mindestens 20.000 Kommunarden werden exekutiert. 40.000 werden in den Häfen und Pontons am Ärmelkanal und am Atlantik eingekerkert. Die Kriegsräte fällen 14.000 Todes-, Haft-, Deportations- und Verbannungsurteile. 56 Kinder werden in Umerziehungsheime eingewiesen.

Das Amnestiegesetz vom 11. Juli 1880 ermöglicht die Rückkehr der Deportierten und Verbannten; die Urteile hebt es nicht auf.

Der Kampf um die Rehabilitierung der Kommunarden wird auch heute fortgesetzt. Die Ideen der Pariser Kommune sind noch immer lebendig und modern. Die Kommune ist kein Modell, aber ein Vorbild insofern, als sie unter den Bedingungen ihrer Epoche die Probleme aufgeworfen und begonnen hat zu lösen, die uns noch jetzt beschäftigen: Demokratie, sozialer Fortschritt, Trennung von Staat und Religion, Bildung, Kultur, Rechte der Frauen und der ausländischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Sie ist ein Vorbild für gelebten Internationalismus.

Yves Lenoir ist freier Journalist und Kulturbeauftragter der »Vereinigung der Freunde der Pariser Kommune (1871)«.

Die »Association des Amis de la Commune de Paris (1871)« wurde 1882 von aus dem Exil heimgekehrten Kommunarden gegründet. Ihr Ziel ist es, die Geschichte der Pariser Kommune bekannt zu machen und ihr Gedenken zu pflegen. Ihr Motto: »Der Leichnam liegt am Boden, aber die Idee steht weiterhin aufrecht.« Sie ist die älteste noch aktive Organisation der französischen Arbeiterbewegung.