Disput

Müssen Linke Laizisten sein?

Zwei unterschiedliche Positionen zum Verhältnis der LINKEN zu Glaube und Kirche

Jonas Höpken:

»Die ganze Gemeinde war ein Herz und eine Seele; und auch nicht einer sagte, dass etwas von seiner Habe sein eigen sei, sondern es war ihnen alles gemeinsam.« (Apg, 5,32). Dieses biblische Bild der urchristlichen kommunistischen Gütergemeinschaft zeigt, welches gesellschaftspolitische Ideal hinter den Anfängen des Christentums steht: eine solidarische Gesellschaft von Freien und Gleichen. Damit ist im christlichen Glauben ein progressives, gesellschafts- und herrschaftskritisches Potenzial grundgelegt. Und zwar nicht nur im Neuen Testament. Gerade der Teil der Bibel, den die Christenheit mit dem Judentum gemeinsam hat und der auch den Islam mit geprägt hat, ist durchzogen von einem gigantischen Potenzial des Kampfes für soziale Gerechtigkeit: das Alte bzw. Erste Testament. Der biblische Zusammenhang von Glaube und sozialem Ethos ist dort grundgelegt in der Vorstellung der Gottesebenbildlichkeit von Mann und Frau. Der Begriff der Gerechtigkeit tritt biblisch vielfältig zutage und zielt in erster Linie auf die Befreiung aus politischer, ökonomischer und kultureller Unterdrückung. In der alttestamentlichen Prophetie wird die Sozialkritik am stärksten und auf sehr kämpferische Art und Weise akzentuiert. Menschen jüdischen, christlichen und muslimischen Glaubens fühlten sich deshalb immer wieder motiviert, den Kampf für soziale Gerechtigkeit zu ihrer ureigensten Sache zu machen.

Jeder weiß, dass Glaube in den letzten Jahrtausenden aber auch immer wieder für das Gegenteil missbraucht wurde, nämlich für die Stabilisierung und Legitimierung bestehender Verhältnisse. Hier gibt es eine direkte historische Linie vom ideologischen Konstrukt des Gottesgnadentums bis hin zu den arbeitgeberfreundlichen sogenannten »christlichen« Gewerkschaften. Auf der anderen Seite waren und sind kirchliche Gruppen stets zentrale Bestandteile der Friedens- und der Anti-AKW- sowie der globalisierungskritischen Bewegung. Kirche ist in den gesellschaftspolitischen Kämpfen für Freiheit und Gerechtigkeit immer wieder Bündnispartner der Linken und knüpft so an ihren biblischen Auftrag an.

Wie stellen wir als LINKE uns eine pluralistische Gesellschaft vor? Stehen wir für eine graue Einheitsgesellschaft, in der religiöse und andere weltanschauliche Überzeugungen und Symbole aus dem öffentlichen Leben und der öffentlichen Sprache verschwinden müssen? Oder vielmehr für eine bunte Vielfaltsgesellschaft, in der sowohl atheistische als auch religiöse Überzeugungen sichtbar sein dürfen, weil sie für viele Menschen zum Leben dazu gehören? Ich plädiere mit Nachdruck für Letzteres. Religion ist nicht einfach Privatsache, die ihren Platz nur in den Herzen von Gläubigen hat. Religion – egal ob man sie auf die konservative oder die progressive Spielart mit ihrem gesellschaftskritischen Potenzial leben möchte – hat immer auch einen öffentlichen Charakter und muss daher auch öffentlich gelebt werden dürfen. DIE LINKE muss für eine Gesellschaft stehen, in der alle Überzeugungen von Menschen, soweit sie das gleiche Recht des anderen achten, sichtbar sein und sich auch öffentlich manifestieren dürfen. Das gilt für Kreuze, Kopftücher und Fahnen mit Hammer und Sichel.

Und der Gottesbezug im Grundgesetz? Er zwingt nichts auf, erinnert aber an die Relativität aller Politik, jeglicher staatlicher Struktur und Ideologie, auch der Ökonomie. Dafür steht auch die Unterbrechung der kapitalistischen Verwertungslogik durch Sonn- und Feiertage. Politik schafft immer nur etwas Vorletztes, nie etwas Letztes. Und wirtschaftliche Interessen dürfen nie das letzte Wort haben. Deshalb ist es auch manchen Menschen wichtig, sich bei ihrer Vereidigung zu einem hohen Staatsamt öffentlich auf das zu berufen, was ihrer tiefsten innersten Überzeugung entspricht: »so wahr Gott mir helfe«. Niemand, der für Freiheit ist, darf sich anmaßen, ihnen das zu verbieten.

Eine antifundamentalistische und weltoffene Haltung lässt sich bei Glaubensgemeinschaften umso besser erreichen, je weniger sie gesellschaftlich isoliert werden. Kirche muss gezwungen sein, Teil der Gesellschaft zu sein und sich mit deren Problemen auseinanderzusetzen. Christlicher und islamischer Religionsunterricht gehört daher nicht in verschlossene Räume von Kirchen und Moscheen, sondern in öffentliche Schulen und Universitäten. Und Theologie gehört nicht in die Hände ideologischer Kleingeister, sondern in den Kanon der Wissenschaften; als solche kann sie ein Gewinn für den gesellschaftlichen Diskurs sein – und eine stetige Erinnerung daran, dass eine andere, eine bessere Welt möglich ist.

Zur Linken als Bewegung gehörte seit der Aufklärung auch immer eine starke religionskritsche bis religionsablehnende Traditionslinie. Diese hat ihr volles Recht und soll es immer behalten. Andere wiederum glauben an Gott und können aus diesem Glauben heraus gar nicht anders, als politisch links zu sein. Die Türen unserer Partei und die Türen der sozialistischen Gesellschaft, die wir anstreben, müssen für beide Ströme immer offen sein.

Raju Sharma:

Im Oktober wird DIE LINKE auf ihrem Bundesparteitag in Erfurt ein neues Grundsatzprogramm verabschieden. Der Ort ist nicht zufällig gewählt. Hier beschloss die Sozialdemokratische Partei Deutschlands ziemlich genau 120 Jahre zuvor ein Programm, in dem sie sich intensiv mit der marxistischen Theorie sowie ihrem Nutzwert für die Praxis beschäftigte. Es gilt bis heute als eines der wichtigsten Parteiprogramme in der Geschichte der Arbeiterbewegung.

Die Thüringer Landeshauptstadt ist aber auch in ganz anderer Hinsicht historisch bedeutend: Hier ist die älteste erhaltene Synagoge Europas beheimatet, Martin Luther studierte an der Erfurter Universität, und wegen der Vielzahl seiner Kirchen und Klöster galt die Stadt im Mittelalter auch als das »Thüringische Rom«. Wer sich in Deutschland mit Religions- und Glaubensfragen befasst, kommt an Erfurt nicht vorbei.

Anders herum wird auch DIE LINKE, wenn sie sich in Erfurt mit ihrem Parteiprogramm befasst, nicht um Religions- und Glaubensfragen herumkommen. Nach der Vorstellung des ersten (»offiziellen«) Programmentwurfs im Frühjahr 2010 schien dies noch nicht selbstverständlich. Gerade mal vierzehn Zeilen (siehe auch domradio.de vom 16. April 2011) umfasst der entsprechende Abschnitt des Entwurfs – mit Forderungen, die so allgemein gehalten sind, dass sie zwar kirchlichen Kritikern der LINKEN keine offenen Flanken bieten, es Kirchenkritikern innerhalb der LINKEN andererseits aber auch schwer machen, sich hierin wiederzufinden.

Für ihre Mitglieder sollte das Grundsatzprogramm einer Partei jedoch in etwa dem Anspruch Martin Luthers genügen, demzufolge die »Heilige Schrift ein Fluss (ist), in dem ein Elefant schwimmen muss und ein Lamm gehen kann«.

In unserem alternativen Programmentwurf haben Halina Wawzyniak und ich deshalb den Versuch unternommen, die Religionspassagen im Programm so zu konkretisieren, dass sie in zweierlei Hinsicht keinen Zweifel daran lassen, wie es DIE LINKE mit der Religion halten will: DIE LINKE steht für einen laizistischen Staat, in dem alle Religionen gleichermaßen zu schützen sind und der das Recht auf freie und ungestörte Religionsausübung für alle garantiert.

Was wie eine Selbstverständlichkeit klingt, birgt den Teufel jedoch im Detail. Das zeigt beispielsweise der immer wieder aufflammende Streit um die Frage, ob in den Klassenzimmern staatlicher Schulen ein Kruzifix hängen darf oder nicht. Meint man es ernst mit der Gleichbehandlung aller Religionsgemeinschaften, kann die Antwort darauf nur Nein lauten. Ist das Kruzifix nicht im privaten Wohnzimmer angebracht, sondern an der Wand eines Klassenzimmers, wird es zum staatlichen Statement zugunsten einer Religionsgemeinschaft, während die Schulbänke von Angehörigen unterschiedlichster Glaubensgemeinschaften gedrückt werden. In einer pluralistischen Gesellschaft darf es keine staatliche Privilegierung bestimmter Religionen geben. Das gilt auch für den christlichen Glauben, zumal unsere Gesellschaft auch kaum noch als christliche Wertegemeinschaft zu verstehen ist. Und bei näherer Betrachtung sind die Auseinandersetzungen um die Kruzifix-Frage letztlich nichts anderes als das Ringen um die religiöse Deutungshoheit im Lande – man stelle sich den Aufschrei aus den Reihen der Kruzifix-Befürworter vor, wenn sich eine Schule entschließen würde, in allen Klassenzimmern verbindlich den siebenarmigen Leuchter aufzustellen oder Gebetsteppiche auszurollen. Der Untergang des Abendlandes stünde kurz bevor.

Nach dem Grundgesetz gibt es keine Staatskirche und keine Staatsreligion. Der Grund für die verfassungsrechtliche Verankerung dieses Prinzips ist gleichermaßen praktisch wie grundsätzlich: Bürgerinnen und Bürger begegnen staatlichen Stellen meist innerhalb eines klaren Unterordnungsverhältnisses. Der Arbeitslose ist auf einen positiven Bescheid des Arbeitsamtes angewiesen, die Schülerin auf wohlwollende Lehrerinnen und Lehrer. Wer sich in dieser oder vergleichbaren Situationen einer staatlichen Stelle ausliefert, wird sich in seinem eigenen Glaubensbekenntnis gehemmt oder beeinträchtigt fühlen, wenn der Staat mit seiner Übermacht und seinem Gewaltmonopol als Protagonist einer bestimmten Religionsgemeinschaft auftritt.

Das zeigt, wie wichtig staatliche Neutralität in Religionsfragen ist: Damit die freie und ungehinderte Religionsausübung überhaupt möglich ist, müssen der Staat und seine Vertreter sich in Glaubensfragen neutral verhalten und jeden Eindruck der Bevorzugung einer Religion vermeiden.

Die Trennung von Staat und Kirche bedeutet nicht, dass religiöse Symbole und Bekenntnisse aus dem öffentliche Raum verbannt werden sollen. Im Gegenteil: Das freiwillige Bekenntnis zu einer Religion genießt besonderen Schutz, für den auch DIE LINKE eintritt. Jedes Grundrecht findet jedoch seine Schranken dort, wo Andere in der Ausübung ihrer Rechte beeinträchtigt werden.

In diesem Sinne sollte DIE LINKE für eine Gesellschaft stehen, in der Gott einen Platz in den Herzen der Menschen hat, die aber in großem Respekt vor dem Glauben auf Sonderprivilegien wie Kirchensteuer und Ablösungsleistungen verzichtet und somit das Bekenntnis zu glauben – oder nicht zu glauben – in jeder Hinsicht zu einer freiwilligen und privaten Entscheidung jedes Einzelnen macht.