Disput

Niemals vergessen: die Solidarität

Irma Schwager – seit Februar 2011 Ehrenvorsitzende der KP Österreichs

Von Bärbel Mende-Danneberg

Was tut man nicht alles!, das sei die Antwort von Irma Schwager auf die Bitte gewesen, den Ehrenvorsitz der Österreichischen Kommunistischen Partei zu akzeptieren. Das berichtete Ko-Sprecherin Melina Klaus, als sie am 27. Februar 2011 dem Parteitag den Vorschlag unterbreitete. Diese Haltung ist typisch für die engagierte Antifaschistin und Kommunistin: Immer hat die nunmehr 91-Jährige, die ihre Eltern im Holocaust verlor, ihren Einsatz für eine bessere Welt stets höher gestellt als ihre Person, ob im Kampf in der französischen Resistance oder als langjährige Vorsitzende des Bundes Demokratischer Frauen. DISPUT veröffentlicht aus Anlass ihrer Ernennung ein Porträt von Bärbel Mende-Danneberg.

Kürzlich saß eine Runde Frauen beisammen und im Radio wurde Elfriede Jelineks Rede anlässlich ihrer Literaturnobelpreisverleihung übertragen. Das muntere Geplauder der Frauen verstummte, pssst, Irma Schwager wollte genau hören, was Elfriede in ihren komplexen Wortkaskaden zu sagen hatte. Das ist Irma: immer interessiert, immer engagiert, immer informiert und hellwach die Ereignisse der Zeit – der vergangenen wie der gegenwärtigen – verfolgend.

Diese produktive Neugier hat Irma Schwager auch bei ihren Mitstreiterinnen geweckt. Im Bund Demokratischer Frauen Österreichs, deren Vorsitzende sie lange Zeit war, »erzog« sie uns Jüngere zu politischer Wachheit. »Es gab eine Zeit, in der fast jeder Mensch politisiert wurde«, sagte sie einmal. »1933 sind in Deutschland die Nazis an die Macht gekommen, und diese Gefahr war lange vor 1938 auch für Österreich sichtbar.«

1920 als Kind jüdischer Eltern geboren, bekam Irma Schwager als junges Mädchen die Pogromstimmung in den Straßen Wiens zu spüren, wo Juden unter dem Gejohle der Leute zum Straßenreiben abgeholt wurden. Im 38er Jahr wurden die ersten Transporte nach Dachau zusammengestellt. Während Irma sich auf den Weg nach England machte, blieben die Eltern, die einen Gemischtwarenhandel betrieben, in Wien. Beide und zwei Brüder sind im Holocaust umgekommen.

Mit 18 Jahren fährt Irma nach England, kommt aber nie dort an, sondern bleibt illegal in Belgien und schließt sich einer Gruppe von politischen Emigranten an. In den Gesprächen beginnt sie zu verstehen, »dass man nicht nur Opfer ist, dass man sich nicht nur wehren kann, sondern auch muss«. Mit dem Einmarsch der Deutschen im Mai 1940 wird die Situation für Irma im besetzten Belgien so brenzlig, dass sie nach Frankreich flüchtet. Sie wird dort im Lager Gurs interniert und schließt sich einer illegalen kommunistischen Organisation an. Mit Hilfe der französischen Widerstandsbewegung gelingt ihr die Flucht aus dem Lager.

Nun beginnt für Irma die politische Alltagsarbeit in der Résistance, in der die Österreicherinnen und Österreicher eine eigene Gruppe gebildet haben. Während die Burschen in den verschiedenen Wehrmachtsstellen unterzukommen suchen, um dort gegen den Krieg zu agitieren, nehmen die Mädchen mit den Soldaten Kontakt auf und versuchen in den Gesprächen, Überzeugungsarbeit gegen den Krieg zu leisten.

Als Irma 1943 schwanger ist, wird sie zu ihrem Mann, der ebenfalls in der Résistance tätig ist, in eines der nördlichen Departements geschickt. Ihre Tochter bringt sie mit falschen Papieren zur Welt – und sie bekommt die Solidarität der französischen GenossInnen zu spüren: »Ich hätte sechs Kinder einkleiden können.« Irma setzt ihre Widerstandsarbeit fort und transportiert Flugblätter im Kinderwagen. »Das war so schön unverdächtig.« Und lebensgefährlich.

»Erkennen, was Unrecht ist, nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg – dieser Leitspruch bestimmte mein weiteres Leben.« Bis zum heutigen Tag lässt Irma Schwager diesen Leitspruch politische Praxis werden. Nach der Befreiung Österreichs vom Faschismus bemüht sie sich in ihren vielfältigen Tätigkeitsbereichen in Österreich und international, zum Beispiel in der Internationalen Demokratischen Frauenföderation (IDFF), um das Zusammenwirken der Frauen für Gleichberechtigung, Entwicklung und Frieden und die Verwirklichung der Ziele der verschiedenen UNO-Dekaden der Frau. Vor allem der Entspannung zwischen Ost und West, der Beendigung des Vietnamkrieges und – unter dem Eindruck von Hiroshima und Nagasaki – den vielfältigen Aktivitäten gegen Rüstungswettlauf und atomare Bedrohung gilt ihr Engagement.

Als Zeitzeugin vermittelt sie der jüngeren Generation die Notwendigkeit, rechtzeitig Nein zu sagen und Widerstand gegen Unrecht zu leisten. »Es schaut so aus, als stürze man sich in Gefahr, wenn man aktiv ist. Aber das ist nicht so. Man lernt auch, Gefahren zu begegnen, man erfährt die Solidarität.«