Disput

Sri Lanka im Aufbruch

Eindrücke zwischen Adam's Peak, Teeplantagen und tropischer Südküste

Von Judith Kainer

Es war eines der beliebtesten Fernreiseziele der Deutschen in den achtziger Jahren. Dann versank das Land für lange Zeit in den Wirren eines grausamen Bürgerkrieges, der geschätzt 90.000 Opfer forderte. Mehr als 25 Jahre kämpften die Befreiungstiger von Tamil Eelam, die LTTE, auf Sri Lanka für einen eigenen Tamilen-Staat. Bis am 19. Mai 2009 der Krieg nach dem endgültigen Sieg der sri-lankischen Armee und dem Tod der gesamten Führungselite der LTTE offiziell für beendet erklärt wurde. Jetzt kommen Touristen wieder in Scharen, angezogen von einer berückenden Landschaft, antiken Königsstädten, einer reichen Fauna und unberührten Stränden – ein Land bricht auf in eine neue Zeit.

Es gab schon viele Namen für diese tropfenförmige Insel an der Südspitze des indischen Subkontinents, die »Perle des Indischen Ozeans«: Serendip, Ceilão, aus dem die Briten Ceylon ableiteten. 1972 wurde sie in Sri Lanka umbenannt, aus dem singhalesischen »Ehrwürdige Schöne«. Auf der Größe Bayerns vereint sie tropischen Dschungel im Süden, aride Wüstenlandschaften im Osten und Norden sowie die tiefgrünen Bergregionen im Zentrum. In den unzähligen Nationalparks lassen sich Leoparden, Lippenbären, Sumpfkrokodile und das vorderindische Schuppentier beobachten. Wilde Elefanten, Schlangen, Hanuman Leguren und Warane kann sehen, wer die Augen aufhält. Und wer die Flora liebt, kommt nicht nur im Hunderte Jahre alten Botanischen Garten in Kandy, der zweitgrößten Stadt Sri Lankas, auf seine Kosten, sondern findet auch die farbenprächtigsten tropischen Pflanzen buchstäblich im Straßengraben vor. Sri Lanka geizt nicht mit seinen Schätzen – wohin das Auge blickt, ist es eine farbenfrohe Attacke auf alle Sinne.

Die antiken Ausgrabungen im sogenannten kulturellen Dreieck zwischen Anuradhapura, Polonnaruwa und Sigiriya haben den Status des Unesco-Weltkulturerbes erlangt und ziehen jährlich viele Tausende an Besuchern an. Staunend lassen sich unzählige Buddha-Statuen in den Höhlen Dambullas besichtigen oder die weltberühmten Malereien am Felsen von Sigiriya. Beim mühsamen Aufstieg auf diesen Felsen, der sich wie ein kleiner Ayers Rock majestätisch in der Landschaft erhebt, gilt es nicht nur der Sonne, sondern auch den aggressiven Hornissen aus dem Weg zu gehen. Ohnehin geht ein traditioneller Besuch des alten Ceylons mit ungehörig vielen und mühseligen Bergtouren einher. So sollte man sich nicht den traditionellen nächtlichen Aufstieg zum Adam‘s Peak, dem heiligen Gipfel im zentralen Bergland, entgehen lassen. Dort oben, wo der Sage nach Buddha seinen Fußabtritt hinterlassen hat, zieht es die Sri Lanker mit Kind und Kegel, oft in Flipflops, die 5.300 Stufen zum kleinen Tempel auf 2.300 Meter Höhe hinauf, der auf dem Gipfel thront. Bei eisiger Kälte wird der Sonnenuntergang erwartet, und wer gesehen hat, wie der Berg mit seinem perfekten Kegel einen Schatten ins Umland wirft, versteht die Magie dieses Augenblicks.

Eine ausgeprägte Männergesellschaft

Die Verhältnisse sind konservativ auf Sri Lanka, milde ausgedrückt. Es ist eine ausgeprägte Männergesellschaft, die sich in den Zeiten des Bürgerkrieges noch verstärkt zu haben scheint. Frauen sind bis heute im öffentlichen Leben wenig sichtbar, auch wenn sie in ihren Familien durchaus mächtige und einflussreiche Positionen innehalten können. Nach Anbruch der Dunkelheit, die schon um sechs Uhr abends ruckartig über die Tropen kommt, sind sie auf der Straße nur noch selten anzutreffen. Das Leben beschränkte sich während des Krieges auf den privaten Raum, und nur zögerlich breitet sich der in Sri Lanka auch in die Öffentlichkeit aus. Immer noch werden Hochzeiten von Eltern arrangiert, oft unter Hinzunahme astrologischer Beratung. Scheitert eine Ehe, ist eine Scheidung bis heute keine Option: »Nicht nur mein Leben wäre zerstört, auch das meiner Tochter«, so V. Saraswathy, die Besitzerin eines kleinen Guesthouses am Adam’s Peak. Ihre einzige Tochter hat studiert, sie lebt und arbeitet im prosperierenden Südindien und darf auf das Verständnis ihrer Mutter zählen, wenn sie potenzielle Hochzeitskandidaten auch mal ablehnt. Denn die führt seit fast dreißig Jahren eine ausgesprochen unglückliche Ehe, basierend auch auf einem gefälschten Horoskop, das die Familie des Gatten damals vorlegte. Interessiert tauscht die ältere Dame sich mit den drei allein reisenden deutschen Frauen in ihrem Guesthouse aus – für sri-lankische Verhältnisse undenkbar. Das erfahren diese auf Sri Lanka täglich – für individuell reisende Frauen und asiatische Verhältnisse ist dieses Land ungewöhnlich und überraschend anstrengend. Und doch, man kann es Sri Lanka nicht übel nehmen in Anbetracht der generellen Freundlichkeit und Offenheit, mit denen ausländischen Gästen begegnet wird. Und diese kommen in Scharen zurück.

Eine quirlige Aufbruchstimmung

Der Tourismus, vor dem Bürgerkrieg eine der Haupteinnahmequellen Sri Lankas, erfährt seit dem Ende des Bürgerkrieges einen jähen Aufschwung. Innerhalb kürzester Zeit ist Sri Lanka wieder eine der Top-Destinationen als Fernreiseziel geworden. In der Hauptsaison zwischen Dezember und März, geeignete Reisezeit für das kulturelle Dreieck mit seinen historischen Stätten, einen Besuch der Teeplantagen im bergigen zentralen Hochland und der tropischen Südküste, werden die Unterkünfte knapp. Eine Chance für die Ostküste: Auch wenn böse Zungen Trincomalee, die größte Stadt der Ostküste, als Bagdad-on-sea bezeichnen – es herrscht eine quirlige Aufbruchstimmung in einem der weltgrößten Naturhäfen mit seinen azurblauen Stränden und einer selbstbewussten, vorwiegend tamilischen Bevölkerung. Nach Jahren der bedrückenden Ruhe prosperieren Nilaveli, Uppaveli, Batticaloa und Arugam Bay – wenn das zentrale Bergland und der Süden zwischen April und Oktober im Monsun versinken, herrscht in den farbenfrohen Orten der Ostküste Bilderbuchwetter. Nicht nur der Bürgerkrieg, auch der Tsunami von 2004 hat die Region schwer getroffen – kaum zu sagen, ob die unübersehbaren Ruinen von dem einen oder anderen stammen. Bis die Pläne der Regierung, den Tourismus genau so auszubauen wie im touristisch erschlossenen Westen und Süden, umgesetzt werden, lassen sich hier kilometerweite und menschenleere Sandstrände, eines der besten Surf-Reviere der Welt und unter Wasser bunte und belebte Korallenriffe fast allein genießen.

Ein traditionell eingerichtetes Kleinod

Ein weiterer Tourismusfaktor ist Ayurveda geworden, die traditionelle indische Heilkunst. Neben den großen Ressorts finden sich überall im Land auch kleinere sogenannte Spas, in denen Massagen und Stirngüsse verabreicht werden. Einer dieser Orte ist das Secret Root Spa im geruhsamen Mirissa, an einem der ruhigeren Strände der Südküste. Versteckt am Ende einer kleinen jungle lane findet sich das traditionell und ausgesprochen zen-artig eingerichtete Kleinod, das auch drei Gästezimmer und einen Bungalow vorzuweisen hat. Hier, in einem liebevoll gepflegten Garten und familiärer Atmosphäre, kommen gestresste Westler in der Hängematte zur Ruhe. Dabei stießen die Gründer in den Anfangsjahren auf Widerstand der lokalen Bevölkerung. Die Besitzerin, Britin mit laotischem Hintergrund, lebt seit 2005 in Mirissa. Ihr Mann, der selber aus der Bergregion um Matale stammt, hatte in dem touristischeren Unawatuna als Physiotherapeut gearbeitet, bis der Tsunami 2004 den Ort komplett zerstörte. Mit seiner Frau, die 2006 ihre urbane Londoner Existenz gegen eine ländliche in Sri Lanka eintauschte, bauten sie zuerst das Spa auf. Anfänglich unter skeptischer Beobachtung ihrer Nachbarinnen und Nachbarn, lokalen Bauern, die auf den Feldern hinter ihren Häusern Gemüse, Obst und Reis anbauten, errichteten sie das Ayurvedische Zentrum in einer Reihe von malerischen Strohhütten in einem von tropischen Blumen überbordenden Garten. Sie konnten einheimischen Bauern ein baufälliges Haus daneben abkaufen und dieses in ein Kleinod traditioneller Bauweise und Einrichtung verwandeln. Seitdem finden zunehmend Gäste den Weg ins Landesinnere, jenseits des paradiesischen Sandstrandes, an dem aufs herrlichste das ersatzreligiöse tägliche Ritual aller Reisenden praktiziert werden kann: das Beobachten des Sonnenunterganges, der einer Kitschattacke gleich die Bucht, Fischerboote und dieses traumhafte Land in schönste Farben taucht.