Disput

Massenmord unter Kiefern

Vor 75 Jahren begann der Bau des Konzentrationslagers Sachsenhausen

Von Ronald Friedmann

Das KZ Sachsenhausen, mit dessen Bau Häftlinge aus dem Emslandlager im Juni 1936 begannen, nahm von Anfang an einen besonderen Platz im System der faschistischen Konzentrationslager ein. Das hatte nicht nur mit seiner unmittelbaren Nähe zur Reichshauptstadt Berlin zu tun, Sachsenhausen war der zentrale Ausbildungsort für die Wachmannschaften der SS, die in anderen KZ zum Einsatz kommen sollten. Seine Rolle als sogenanntes Musterlager wurde bereits durch seine besondere – im Verständnis der SS »idealtypische« – Anlage deutlich: Die Grundfläche hatte die Form eines gleichschenkligen Dreiecks, die Unterkunftsbaracken und sonstigen Funktionsgebäude wurden symmetrisch entlang einer Achse angeordnet, an deren Ausgangspunkt sich der Wachturm A mit dem Sitz der Lagerkommandantur befand. Auch der Appellplatz, auf dem die Häftlinge mehrmals täglich zur Zählung zusammengetrieben wurden, erstreckte sich halbkreisförmig um den Wachturm A. Ein einziges Maschinengewehr, so die Botschaft an die Häftlinge, konnte das ganze Lager unter Kontrolle halten.

Sehr bald zeigte sich, dass der vorhandene Platz angesichts der ständig steigenden Häftlingszahlen nicht ausreichte. Es mussten neue Flächen erschlossen werden, das ursprüngliche architektonische Konzept spielte bereits ab 1938 keine Rolle mehr. Insgesamt entstanden bis zum Ende des Krieges mehr als 100 Außenlager, in denen die Häftlinge untergebracht wurden, die zur Zwangsarbeit in der deutschen Wirtschaft eingesetzt wurden, insbesondere bei der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft (AEG), Siemens & Halske, dem DEMAG-Panzerwerk, den Heinkel Flugzeugwerken, den Daimler-Benz-Werken und der IG-Farben.

Über 200.000 Menschen aus mehr als 40 Ländern wurden zwischen 1936 und 1945 im Konzentrationslager Sachsenhausen gequält und geschunden. Neben den politischen Gefangenen – Kommunisten, Sozialdemokraten, bürgerliche Liberale – waren es vor allem Juden und sogenannte Zigeuner. Die übergroße Mehrzahl der aus »rassischen« Gründen Inhaftierten wurde ab 1943 nach Auschwitz gebracht und dort getötet. Nach dem Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion im Juni 1941 kamen zahllose sowjetische Kriegsgefangene nach Sachsenhausen.

Mehr als 40.000 Menschen starben im KZ Sachsenhausen an den unmittelbaren Folgen der entsetzlichen Arbeits- und Haftbedingungen, bei medizinischen Experimenten oder durch systematische zielgerichtete Tötung. Allein in der Genickschussanlage unmittelbar neben dem Krematorium wurden ab Oktober 1941 zwischen 12.000 und 18.000 sowjetische Kriegsgefangene ermordet.

Doch in Sachsenhausen gab es nicht allein reguläre Häftlinge, in einem Sonderbereich waren die »persönlichen Gefangenen« Hitlers untergebracht. Zu ihnen gehörten zum Beispiel Georg Elser, der 1938 ein Attentat auf Hitler unternommen hatte und im April 1945, unmittelbar vor dem Ende der faschistischen Diktatur, im KZ Dachau ermordet wurde, aber auch der frühere spanische Ministerpräsident Francisco Largo Caballero, der die Haft überlebte.

Ein besonders bizarres Kapitel in der Geschichte des KZ Sachsenhausen war die »Aktion Bernhard«: Fast 150 jüdische Häftlinge aus allen Teilen des hitlerdeutschen Machtbereiches, die über besondere berufliche Fähigkeiten als Drucker, Graveure oder bei der Papierherstellung verfügten, wurden Anfang 1942 zusammengeholt, um unter strengster Geheimhaltung Falschgeld, insbesondere Britische Pfund, zu produzieren. Dieses Geld mit einem Nennwert von mehreren Milliarden Reichsmark sollte zur wirtschaftlichen Sabotage gegen die Staaten der Antihitlerkoalition eingesetzt werden.

Im April 1945, als die endgültige Niederlage des faschistischen Deutschland im Zweiten Weltkrieg ganz offensichtlich nur noch eine Frage von Tagen oder wenigen Wochen war, begann die SS mit der massenhaften Verlegung der Häftlinge in Richtung Ostsee. Bei diesen Todesmärschen starben noch einmal Tausende Menschen an Erschöpfung oder wurden von den SS-Wachmannschaften am Straßenrand erschossen, weil sie mit dem Tempo der Marschkolonnen nicht mehr mithalten konnten. Anfang Mai 1945 trafen die Überlebenden im Raum Schwerin auf sowjetische und US-amerikanische Truppen.

Als die Rote Armee das Lager Sachsenhausen am 22. und 23. April 1945 befreite, fanden die sowjetischen Soldaten nur noch etwa 3.000 kranke Häftlinge vor, von denen einige Hundert noch in den Tagen und Wochen unmittelbar nach der Befreiung an den Folgen der Haft starben.