Disput

Dranbleiben ist die wichtigste Lehre

20 Jahre Seniorenarbeitsgemeinschaft, linke SeniorInnenpolitik und Alterswissenschaften

Von Helmut Schieferdecker

Ziel originär linker Seniorenpolitik sind gesellschaftliche Bedingungen, die den Menschen im Alter ein selbstbestimmtes Leben in Würde ermöglichen, die den Herausforderungen zunehmender Hochaltrigkeit gewachsen sind, Altersarmut verhindern, jeder und jedem auch im Alter den Entfaltungsspielraum bieten, der gebraucht wird, um eigene Potenziale für das Gemeinwohl einbringen zu können. Dafür engagiert sich die Seniorenarbeitsgemeinschaft der LINKEN. Im Bericht an die 1. Tagung des 2. Parteitages der PDS im Januar 1991 wurde festgestellt, dass die »AG-SeniorInnen« zu den am weitesten verbreiteten Interessengemeinschaften der Partei zählt – damals eine wichtige Voraussetzung für die Bildung einer Bundesarbeitsgemeinschaft von unten. Rückenwind dafür kam von der »Lustgarten-Kundgebung« anlässlich der Verabschiedung des Rentenüberleitungsgesetzes am 25. Juli 1991. Circa 10.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren gekommen, um gegen den Missbrauch des Rentenrechts als politisches Strafrecht zu protestieren – ein deutliches Signal an die Partei, dass ein neues Politikfeld auf seine Bearbeitung wartet.

Rentenrecht und Klubleben

Am 18. September 1991 unterschrieben 50 Genossinnen und Genossen aus den Landesverbänden Ost die Gründungsurkunde der Seniorenarbeitsgemeinschaft. Sie verstand sich von Anfang an als integraler Bestandteil der Partei. Ihre Mitstreiter wussten aus Erfahrung, wie Alter gelebt und gedacht wird, was Alter braucht. Als Betroffene waren sie in der Lage, spezifische Erkenntnisse in die Seniorenpolitik einzubringen. Rentenfragen nahmen anfangs den breitesten Raum in der Arbeit ein. Eine Zweitagesschulung im November 1991 zum neuen Rentenrecht mit über 200 Interessierten legte den Grundstein für ein ganzes Netz von Rentenkonsultanten in den neuen Bundesländern. Sie halfen Rentnerinnen und Rentnern, ihre Bescheide zu durchschauen, sie unterstützten die Vorbereitung von Widersprüchen und Klagen und praktizierten so, »Partei für den Alltag« zu sein.

Das Bedürfnis vieler älterer Genossinnen und Genossen, über die Basisorganisation hinaus am Erneuerungsprozess der Partei teilzuhaben, führte im Dezember 1991 zur Bildung des Seniorenklubs im Karl-Liebknecht-Haus in Berlin. Inzwischen hat sich der Klub zu einem anerkannten Forum interessanter Bildungsangebote, kulturvoller Debatten und kritischer Geschichtsaufarbeitung entwickelt. Er ist bis heute diesem hohen Anspruch treu geblieben.

Während in der Anfangszeit vieles »aus dem Bauch heraus« in Angriff genommen werden musste, gelang es mit Unterstützung von Barbara Höll, Martina Bunge und anderen Genossinnen der Bundestagsgruppe in nur wenigen Monaten, eigene »Seniorenpolitische Standpunkte« zu erarbeiten und auf der Seniorenkonferenz am 12. Mai 1992 zu beschließen. Damit lag erstmals das Angebot eines halbwegs in sich geschlossenen Konzeptes linker Seniorenpolitik vor, das deutlich über Rente und Pflege hinausging. Die Mitarbeit in anderen Seniorenzusammenschlüssen und mehr Nähe zu den Alterswissenschaften trugen dazu bei, unsere Positionen ständig zu vertiefen. So wie andere Lebensphasen – Kindheit, Jugend und Erwerbsleben – nicht durch starre Altersgrenzen, sondern im Kontext gemeinsamer Grundbedürfnisse gesehen werden, scheint es nur konsequent, dass in der Seniorenpolitik »Alter« nicht willkürlich als 50, 60 oder 65 Plus, sondern als »Lebensabschnitt nach dem altersbedingten Ausscheiden aus dem Erwerbsleben« definiert wird.

Zu den Marksteinen unserer 20-jährigen Entwicklung gehörte 1998 die Aufnahme in die BAGSO, die Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen, die inzwischen über 100 Mitgliedsverbände zählt. Sie verschafft uns unter anderem Zugang zu Fachtagungen, zu Ergebnissen der Altersforschung, zu den bundesweiten Seniorentagen und zur Seniorenmesse SenNova.

Von besonderer Bedeutung ist die begonnene Formierung von Arbeitsgemeinschaften in den Landesverbänden West – bisher im Saarland, in Nordrhein-Westfalen, Bremen, Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Hamburg. Ihre Mitglieder tragen dazu bei, linke Seniorenpolitik in den alten Bundesländern zu thematisieren, sie bereichern die inhaltliche Arbeit der Leitungsgremien der Bundes-AG und sind Veranlassung, über Organisationsstrukturen neu nachzudenken. Rückschläge müssen verkraftet werden, dranbleiben ist die wichtigste Lehre.

Das Potenzial linker Seniorenpolitik für mehr Akzeptanz unserer Partei in der Gesellschaft wird bisher unzureichend ausgeschöpft. Aus vergangenen Wahlen scheint eine Schlussfolgerung besonders wichtig: Es gilt nicht nur den Geldbeutel, sondern auch die Herzen der Seniorinnen und Senioren zu erreichen. Weil dafür langfristiges Denken und Handeln eine Grundvoraussetzung ist, muss die Schere zwischen Seniorenpolitik und den Alterswissenschaften weiter geschlossen und linke Seniorenpolitik zu einer der zentralen Querschnittsaufgaben unserer Partei entwickelt werden.

Veränderungen der Bevölkerungsstruktur verursachen vielschichtige Nebenwirkungen in der Gesellschaft. Auch deshalb stellt sich die Frage, ob unser Umgang mit der Demografie optimal ist. Die »Bevölkerungswissenschaft« ist keine Mystik. Deshalb sollten ihre Erkenntnisse weniger ignoriert als vielmehr für die Ausarbeitung einer langfristigen und soliden Seniorenpolitik dienstbar gemacht werden. Wenn die Neoliberalen bis heute den »demografischen Wandel« für ihre unsoziale Politik missbrauchen können, dann auch deshalb, weil ihnen faktisch die Deutungshoheit darüber völlig überlassen wird. Schwarz-gelbe Seniorenpolitik setzt auf ganzer Linie auf Leistungskürzungen. Will DIE LINKE für die heutigen und künftigen Seniorengenerationen Substanzielles bewegen, reicht es nicht, die derzeitige regierungsamtliche Altenpolitik zu reparieren, dann muss sie sich dafür engagieren, dass sich in dieser Gesellschaft eine andere Kultur des Alters und des Alterns entwickeln kann. In diesem Sinne braucht unser Parteiprogramm eine klare Aussage.

Helmut Schieferdecker gehört dem Sprecher/innenrat der Seniorenarbeitsgemeinschaft an.