Disput

Auf dem Schul-Weg ins Schloss

Am 4. September wurde die Lehrerin Simone Oldenburg erstmals in den Landtag Mecklenburg-Vorpommern gewählt

Von Stefan Richter

»Herzlich Willkommen« verspricht das Schild über der Schultür, und Simone Oldenburg meint es ernst damit – ernst mit dem Willkommen und erst recht mit dem Herzlich. Die Kinder und Jugendlichen sollen sich in dem Haus wohl fühlen, sie sollen beste Bedingungen fürs Lernen haben und Spaß und alle Chancen dieser Welt. Aus 30 Ortschaften fahren sie nach Klütz im Nordwesten von Mecklenburg. Geleitet wird die Regionale Schule von Simone Oldenburg. Allerdings nicht mehr lange. Denn am 4. September wurde die Schulleiterin in den neuen Landtag gewählt.

Der Weg der Lehrerin dorthin begann in den Ferien, im Sommer 2010. Er begann damit, dass der bisherige Abgeordnete – in der Fraktion der Fachmann für Bildung – nicht abermals kandidieren wollte. Warum nicht Simone? Die Zupackende, Temperamentvolle, Unduldsame, Streitbare, Humorvolle, die vielfach Engagierte. Warum ausgerechnet Simone? Durchgrübelte Urlaubsnächte folgten und das Ja der Familie: Mach es!

Wahlkampffinale im Städtchen Rehna. Früher Vormittag. Trübes Wetter. Überschaubarer Andrang. Vier Genossen bauen Infostand und Glücksrad auf, dazu kommt die Kiste mit Flyern und den üblichen Mitgebseln. Tütchen und Wahltipps sollen vor der Kaufhalle (»Wir sind für Sie da!«) an Wählerin und Wähler gebracht werden. Keine leichte Aufgabe. Nur gut, dass zwei ältere Helfer aus Rehna und Umgebung auf manche Bekannte treffen.

Die Kandidatin, etwas verspätet, telefoniert noch vom Auto aus, sie eilt schließlich über den Parkplatz mit den Worten »Jetzt kommt die Sonne« – und stellt auf den Tisch eine Schokotorte, deutlich betonend: »Die hat Schwiegermutter gebacken!«. Schlagartig kommt, nicht allein wegen des Gebäcks, Stimmung in die Runde. Die 42-Jährige strahlt auch am zigsten Wahlkampftag Optimismus aus, sie schnackt sofort los und scherzt von null auf hundert. Aber weil DIE LINKE stärker ins Schweriner Schloss soll und Simone – so viel Ehrgeiz muss sein – auch als Direktkandidatin ein besseres Ergebnis erzielen möchte, schnappt sie sich bald einige Tütchen und steuert auf Einkaufende zu. Prompt mit Resonanz.

»Ihr würde ich auch was abnehmen!«, lobt Eckhardt Stellbrink. Dabei wirkt er durchaus selbst als Strahlemann, eine verspiegelte Sonnenbrille über der Stirn und ein paar muntere Sprüche auf den Lippen. Er kennt Simone aus Kindheitsjahren, in Wismar wohnten sie gleich um die Ecke. Dass er vor Monaten der LINKEN beigetreten ist, hat jedoch andere Gründe: Die Partei hatte einem von ihm betreuten Schülerprojekt eine Fahrt nach Berlin, bis in den Bundestag, ermöglicht. »In einer Partei, die so was macht, kann ich mich auch engagieren.« Ihm reicht der auf dem Arm tätowierte Che Guevara nicht mehr, nun kandidiert er für den Kreistag. Seine »Revolution« richtet sich gegen Leiharbeit und Dumpinglöhne: »Das ist wie Sklaverei. Das will ich bekämpfen wie die Pest.«

Michael Heinze kandidiert ebenfalls, er kennt Kreistagsarbeit sehr gut und durch sie Simone. Seit 2009 sei sie in der Kreisvertretung, erläutert er; sie sei äußerst aktiv, ihre Themen Schule, Soziales, Senioren. Trotz ungünstiger Mehrheitsverhältnisse habe sie einiges anstoßen können. Und sie wolle noch mehr Bewegung, weniger Trott, auch in der eigenen Fraktion und im Kreisverband, sie mag nicht endlose Debatten in kleinen Zirkeln, ob etwa die Oktoberrevolution zur richtigen Zeit das Winterpalais gestürmt habe, sondern konkretes Nachdenken darüber, wie Menschen heute in ihrem schwierigen Alltag geholfen werden kann. Dieses Vorwärts-Drängen stoße schon mal auf Widerstand ...

Simone Oldenburg braucht weitere Tütchen. Für mich Gelegenheit für ein paar Fragen, für sie Gelegenheit für ein kleines Feuerwerk an Episoden und Schmonzetten, manches urkomisch. Sie habe schon mit acht Monaten fliegen können, behauptet sie feixend. Was ihre Familie beruflich so macht(e)? Lehrerin, Lehrer, Lehrer, Lehrerin, Lehrer ... Und was will der achtjährige Sohn mal werden? – »Lehrer. Oder Pokemon-Trainer.« Zwischendurch preist sie immer mal das Backwerk auf dem Infotisch: »Von Schwiegermutter!«

Die eigentlichen Werte ihrer Familie sind weitaus prägendere: vornan der Antifaschismus. Ihre Großeltern waren die einzigen, die Flugblätter während des Nationalsozialismus in Wismar und Umgebung gemacht haben: »Mein Opa saß viele Jahre im Zuchthaus. So wurde ich erzogen. Und selbst wenn später meine Oma an jedem Kostüm ein SED-Abzeichen trug, blieb sie dennoch objektiv und Realistin. Das war etwas, wo ich mir gedacht habe, das musst du weitermachen: sagen, was du denkst, und dich durchsetzen gegen Widerstände.«

Simone spricht oft, in Variationen, von »machen«. Sie »macht« mit in Vereinen und Beiräten, in der Landesarbeitsgemeinschaft Bildung der LINKEN und sie »macht« ehrenamtlich die stellvertretende Bürgermeisterin in Gägelow. Ihre 2.300-Einwohner-Gemeinde unterhält eine lebendige Partnerschaft mit dem kroatischen Ort Slano und einen Jugendklub, der immer wieder das Ziel von Pöbeleien und Schmierereien durch Rechtsradikale ist. Gägelows Ortsteil Jamel ist über Landesgrenzen hinweg berühmt-berüchtigt, die NPD hat sich dort eingenistet und macht Nicht-Nazis das Leben schwer. Zwei Tage vor dem Wahltag suchen Gregor Gysi, Helmut Holter, Simone Oldenburg und andere demonstrativ das Gespräch direkt in Jamel. Vorsichtshalber werden die Plakate »Gysi kommt« erst kurz vor seiner Ankunft angebracht.

Im nordöstlichen Bundesland gibt es schätzungsweise 400 NPD-Mitglieder und 1.000 anderweitig formierte Nazis. Sie zielen seit Jahren in die Mitte der Bevölkerung; in der Kreisstadt Grevesmühlen veranstalteten sie 2010 ein großes Kinderfest, was die demokratischen Parteien entrüsten ließ. Dabei durfte es nicht bleiben. Simones LINKE setzte alles daran, in diesem Jahr eine Alternative für die Kinder (und die Eltern) anzubieten. Und die wurde es: eine Freude für Klein (und Groß) und, als feiner Nebeneffekt, ein Wink zeitig vor dem Landtagswahlkampf: Wir dürfen den Nazis nicht das Feld überlassen. Die Dörfer und Städte auch nicht.

Für die Hobby-Walkerin wird der Wahlkampf zu einem Marathon. Der führt zu Infoständen wie in Rehna, zum Friedenstauben-Basteln mit Ferienkindern, zu Gesprächen am Gartenzaun, zu Interviews, zum Konzert mit Barbara Thalheim (das neben dem Erlebnis noch 300 Euro als Spenden fürs Kinderfest 2012 einbrachte), zum Friedensfest nach Schönberg, zu Podiumsdiskussionen, selbst zu Schreib- und Denkaufgaben – sie unterstützt Eltern beim Ausfüllen der Anträge für das sogenannte Bildungs- und Teilhabepaket: »In sechs, sieben Orten haben wir das gemacht, mit viel Zulauf. Auch Sozialarbeiter, stellvertretende Schulleiter und Hortleiter ließen sich das erklären. Da konnte man helfen und sehen, wo es noch überall hapert.«

Das komplette Wahlkampfprogramm, versichert Simone Oldenburg, und es gibt keine Veranlassung, dies als Floskel abzutun, habe ihr großen Spaß gemacht. Und doch, zwei Stunden später bekräftigt sie nicht minder überzeugend: Das beste Argument, jemanden zu wählen, ist verlässliche Arbeit: »Indem du einfach arbeitest, indem du im Alltag zeigst, wofür du stehst, wirst du authentisch.«

Ihr Alltag ist die Schule, und deren stellvertretender Leiter ist Norbert Wagner; Bio und Chemie sind seine Fächer, seit einem Jahr ist er in Klütz, viele Jahre war er selber Schulleiter, seine Tochter lernte einst bei der Kollegin Oldenburg, seinem Urteil darf vertraut werden. »Simone arbeitet sehr, sehr engagiert und weiß genau, was sie will. Auf ihrem Posten darf man nicht haben, was sie auch nicht hat: Schiss. Was gesagt werden muss, wird gesagt.« Die Chemie scheint zu stimmen. »Von Kollegen, Schülern und auch den Eltern wird sie absolut geachtet, geliebt, gemocht.« Das klingt nach einer glatten Eins, dazu gibt’s noch ein Bienchen: »Sie ist immer topschick gekleidet.«

Ihr Schul-Weg als Lehrerin begann an einer Art Dorfschule, wo sie ein halbes Dutzend Fächer unterrichtete und sich in vielem ausprobieren konnte. Die Schule hatte keine Sekretärin, keine Klingel ... »Wir haben dort fürs Leben gelernt und nebenbei Unterricht gemacht.« Simone Oldenburg strahlt und sagt irgendwann Sätze wie »Trotz aller Sorgen und Schwierigkeiten ist dieser Beruf der schönste Beruf geblieben. Er ist mein Leben.«

Zu diesem ihrem Leben gehört ein riesiges Verstehen-Wollen: »Unseren Kindern fehlen Herz und Verständnis, dabei brauchen sie das. Sie brauchen wirklich das Streicheln. Sie brauchen, dass ich Verständnis habe, wenn, sagen wir, ihre Katze gestorben ist. Dafür muss ich Verständnis haben, weil das Kind mir sonst nicht zuhört.« Die Kinder, ganz gleich in welcher Klasse, kämen mit einem Rucksack von Problemen in die Schule. »Und ich muss bereit sein, dass sie diesen Rucksack auspacken. Neulich kam eine Schülerin zu spät, weil sie zu Hause bei der vorzeitigen Entbindung des neunten Kindes ihrer Mutter helfen musste ... Ich muss die Probleme kennen, um ein Kind fördern zu können.«

Die schicke Lehrerin wählt die Farbe für Korrekturen mit Bedacht; Rot wirke auf Schüler böse, drohend; sie unterschreibt Arbeiten ausschließlich mit Grün.

Die Beliebteste in der Regionalschule heißt Klützi und ist eine strahlende Stempelfigur für gute Taten: etwa für den Einsatz im Schulsanitätsdienst oder für die Geschichts-Fahrradtour oder für die 3 in einer Klassenarbeit, unter der sonst regelmäßig die 5 steht. Kinder – auch die älteren – wollen Anerkennung, weiß die Schulleiterin. Deshalb habe sie sich das mit dem Klützi ausgedacht, und die Kinder wählten den Namen. Wie wild seien sie nach Klützis, bestätigt Lehrer Wagner: »Eine feine Sache. Kinder werden schon oft genug bestraft.« Für zehn Klützis winkt eine 1 in einem Wunsch-Fach.

Die Schulleiterin will, dass Schule allen Spaß macht. Nicht zuletzt den Lehrern. Verständnis und Vertrauen seien wichtig. Alle sollten die Möglichkeit finden, kreativ arbeiten zu können. »Man muss geben können, wenn man nehmen will.« Als tägliche Schokotorte für Schulkollegen gewissermaßen.

Die Welt der Lehrerin reichte stets wesentlich weiter als bis zum Schulzaun. »Ich weiß, wie man Flyer steckt, denn ich habe ein halbes Jahr bei der Post gearbeitet. In Leipzig verkaufte ich in einem Kaufhaus Mülleimer und so was. Und ich habe in den Ferien Schulen sauber gemacht, Klos geputzt und mich fast übergeben. Du musst Respekt haben vor allen Arbeitenden. Wer– ob Lehrerin oder nicht – keinen weiteren Blick hat, der ist schnell am Jammern.«

Als sie 2004 in Klütz als Schulleiterin anfing, fielen ihr die ersten Wochen schwer, als Jüngste in einem »Eingeborenen«-Kollegium, wo spätestens zehn nach eins alle auf dem Heimweg waren. Simone Oldenburg wollte mehr, sie schrieb das Konzept für eine attraktive Ganztagsschule und gewann Mitstreiterin um Mitstreiter für ihre Idee. Jetzt lockt die Klützi-Schule mit tollen Angeboten, sie ist Ökoschule, nennt sich »Sichere Schule« und kämpft um den Titel »Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage«.

In Oldenburgs Wahlkampfwochen tauschten sie die Stunden, ohne das an die große Glocke zu hängen. Kolleginnen interviewten ihre Noch-Leiterin und Bald-Abgeordnete für deren Homepage öffentlich, die Fragen lesen sich wie Sympathieerklärungen.

Immerhin will Kollege Wagner, der bis zum Wahltag 2011 stets eine völlig andere Partei gewählt hat, wenigstens ein bisschen sein Lob relativieren: »Meine Chefin arbeitet zu viel, bei manchen Sachen wird sie hektisch, was vielleicht mit dem vielen Rauchen und dem Kaffee zusammenhängt. Da muss man, glaube ich, auf Dauer einen Gang zurückschalten.«

Für die nächste Zukunft ist dies nicht zu erwarten. Am 4. September wurde Simone Oldenburg – auf Platz 2 der Landesliste – in den Landtag im Schweriner Schloss gewählt, als Direktkandidatin erhielt sie übrigens 3,1 Prozent mehr als ihr Vorgänger 2006.

Sie hat nun Muffensausen, Respekt und Neugier. Sie hat die Ahnung, dass ihr ein paar Flausen genommen werden könnten, und die Zuversicht: »Das hat bis jetzt aber noch keiner so richtig geschafft«. Wer sie im Alltag erlebt, wird ihrer Fraktion zurufen wollen: Liebe Leute, lasst euch anstecken vom Elan und den Ideen der Neuparlamentarierin! Herzlich Willkommen!