Disput

Der queer-Einsteiger

Peter Weinand hatte im Wahlkampf das bekannteste Gesicht im Mainzer Süden. Und Steckaktionen sind sein Beruf

Von Harald W. Jürgensonn

Wenn Peter Weinand durch Weisenau geht, kommt er aus dem Grüßen nicht raus. Fast jede und jeder hier in dem Mainzer Stadtteil kennt ihn, und auch er kennt sie alle. Nicht erst seit dem Landtagswahlkampf 2011. Da konnte man seinem Wahlplakat gar nicht ausweichen – an Laternen hing’s, an Wänden, an Zäunen, gegenüber von Ampeln mit langen Rotphasen. Weisenau hieß Weinandau, und ein Wahlergebnis fast ein Prozent über dem Landesergebnis zeigt, wie klug und gut es war, Peter Weinand ins Rennen zu schicken.

Dabei ist er niemand, den man schicken muss. Peter Weinand ist ein Genosse, der da ist, wenn er gebraucht wird. So kam er auch zur LINKEN. Über queer (Zusammenschluss überwiegend von Lesben, Schwulen, Transsexuellen, Transgender, Bisexuellen und Intersexuellen) stieg er ein, baute die Landesarbeitsgemeinschaft in Saarland und Rheinland-Pfalz mit auf, trat im Juni 2007 sofort nach der Parteigründung in DIE LINKE ein. Im Moment ist er Ko-Sprecher der LAG queer und stellvertretender Vorsitzender des LINKE-Stadtverbands Mainz. Er hat’s langsam angehen lassen mit Ämtern: »Von queer aus habe ich mir die Partei angeguckt, mich dann in die Strukturen eingearbeitet, bevor ich als Beisitzer in Mainz kandidierte. Es geht mir ja nicht darum, einen Titel zu haben, sondern ein Amt vollständig auszufüllen.«

Für ihn war DIE LINKE die erste Wahl, als er mit dem Gedanken spielte, sich einer Partei anzuschließen: »Die SPD war mir zu konservativ, um es mal vornehm auszudrücken. Und die Grünen taten und tun zu wenig für die Stärkung und den Ausbau der Arbeitnehmerrechte. Da ist DIE LINKE schon ganz anders – nämlich auf der Seite derer, die den Wohlstand erarbeiten, aber nicht daran beteiligt werden.«

So einfach und deshalb schlüssig argumentiert er auch im Fahrgastbeirat Mainz, der beim ÖPNV ein gewichtiges Wort mitzureden hat, wenn es um Strecken, Service und Fahrpreise geht. Peter ist jemand, dem zugehört wird, weil er bei aller Konsequenz sachlich bleibt. Wenn Überzeugungstäter durch Taten überzeugen, ist er einer.

Und er überzeugt jeden Tag. Als Briefzusteller kennt er nicht nur die verstecktesten Briefkästen, sondern auch die Menschen, denen sie gehören. Ein großer Vorteil bei außerberuflichen, das heißt parteilichen Steck-Aktionen: Hier ein Schwatz an der Haustür, da nachbarlich-politisches Plaudern am Infostand – Peter Weinand ist mittendrin im Stadtteil-Leben. Und damit DIE LINKE.

Der Bundesparteitag 2010 in Rostock hat ihn begeistert: »Das war eine Aufbruchsstimmung, die mich überzeugt hat. Das müssen und werden wir auch in Göttingen wieder hinkriegen. Der Erfurter Parteitag 2011 hat ja gezeigt, dass wir alle das gleiche Ziel haben: sozial gerechte Politik hin zum Systemwechsel.« Was erwartet er von Göttingen? »Dass der Parteiaufbau weiter vorangetrieben wird. Wir brauchen Mitglieder und Menschen, die uns wählen. Der neue Parteivorstand muss DIE LINKE gut organisieren, damit wir 2013 in mindestens gleicher Stärke wieder in den Bundestag einziehen.«

Mit welchen Themen? »Rente, Pflege, Verkehr. Das sind Themen, die alle Bürgerinnen und Bürger betreffen. Regional muss das dann runtergebrochen werden, in Mainz zum Beispiel ist der Fluglärm durch den Frankfurter Flughafen ein großes Thema. Auf keinen Fall dürfen wir uns durch eine Personaldebatte im Vorfeld unmöglich machen. Wer kandidieren will, soll das kundtun, alle anderen sollen das intern diskutieren, aber auf keinen Fall über die Medien.« Hier sprechen die Erfahrungen aus täglichen Gesprächen mit den Leuten in »seiner« Stadt.

Auch an den Landesvorstand in Rheinland-Pfalz hat er Wünsche. »Wir brauchen politische Statements zu landesbezogenen Dingen. Die Themen liegen doch vor uns auf der Straße: Nürburgring, Mosel- und Rheinbrücke, Marina in Cochem, Einkaufs-Ballungszentren in Mainz, Ludwigshafen, Kaiserslautern, geplante Factory Outlet Center, Umweltpolitik, Energiepolitik und, und, und. Da müssen wir Akzente setzen. Es geht darum, dass wir zwischen den Wahlen aktiv und präsent sind, damit es nicht wieder heißt: Ach, sind Wahlen? DIE LINKE meldet sich ja wieder mal …«

Er denkt nach vorne. Drängt darauf, schon jetzt die Landtagswahl 2016 vorzubereiten: »Die Bundestagswahlen stehen vor der Tür, und 2014 sind Kommunalwahlen in Rheinland-Pfalz. Da müssen wir jetzt Pflöcke einschlagen und dürfen uns nicht in Listen-Personalia verzetteln.« Zur Beständigkeit gehört für ihn auch, Nachwuchs aufzubauen: »Sonst entsteht ein Vakuum, und dann fangen wir wieder ganz von vorne an.«

Ganz von vorne anfangen: Das kennt er gut. Hat sich reingearbeitet in die Partei, in die Politik. Bis er sicher war, ein Amt so ausüben zu können, dass es auch passte. Hat für den Landtag kandidiert, für Stadtrat und Ortsbeirat. In den Landesvorstand zieht es ihn nicht: »Ich habe genug hier in Mainz und mit queer zu tun.« Er ist eingestiegen, um zu bleiben …