Disput

Die Blaumeier

Wo die Grenzen verwischen zwischen dem, was im Allgemeinen als normal angesehen wird, und dem, was als Behinderung betrachtet wird

Von Sabine Bomeier

In einer bundesweit einmaligen Bremer Kulturinitiative machen Behinderte ohne jeden Anspruch auf Therapie Kunst – und das international sehr erfolgreich.

Lalala klingt es mal hoch und mal tief durch den abgedunkelten Probenraum der Theatergruppe des Blaumeier-Ateliers in Bremen. Circa 30 Alte und Junge, Behinderte und nicht Behinderte stehen im Kreis und singen sich warm. »So, und nun nach der Musik bewegen! Tanzt, wie ihr die Klänge empfindet, lasst alles los«, bricht die Regisseurin Imke Burma das Einsingen ab und startet die Probe für das neue Theaterstück »Emden Außenhafen«, das im großen Schauspielhaus in Bremen aufgeführt wird. Und schon schwebt eine junge blonde Frau graziös wie eine Fee durch den Raum. Man meint, die sanfte Melodie nicht mehr nur zu hören, sondern die Musik in den anmutigen Bewegungen der Tänzerin zu sehen. Im nächsten Moment wird die Musik härter und ein Macho, wie er treffender die Klischees nicht bedienen könnte, stampft durch den Saal, ganz Mann, sich seiner Wirkung bewusst, keine Grenzen duldend. Beim Zuschauer keimt leiser Neid auf: »Ach, wenn man das doch auch könnte.« Klar, hier sind Profis am Werk, hinter diesem Können steckt jahrelanges Training. Aber wer ist nun behindert und wer nicht? Es ist nicht mehr zu erkennen.

Genau das ist der Sinn der Sache, nämlich die Grenzen zwischen dem, was im Allgemeinen als normal angesehen wird, und dem, was als Behinderung betrachtet wird, zu verwischen. »Was ist denn eine Behinderung? Ist der behindert, der ein wenig das Bein nachziehen muss, oder der, der einmal im Leben in eine schwere Depression fällt, oder derjenige, der zeitlebens mit den Strukturen unserer Gesellschaft nicht fertig wird und nur in einem mehr oder weniger beschützten Rahmen den Anforderungen gerecht werden kann?«, fragt Hellena Harttung, die Geschäftsführerin des Blaumeier-Ateliers. Nicht Integration ist der Ansatz der Blaumeier, denn das meint immer, dass ein Teil der Menschen in einem anderen Teil aufgeht und dessen Normen zu akzeptieren hat. Hier ist stattdessen Inklusion gefragt. Das bedeutet, dass alle Menschen und alle Gruppen gleichwertig nebeneinander stehen, sich vermischen, ohne in Konkurrenz zueinander zu treten. So sieht das Konzept der Blaumeier keinerlei therapeutischen Ansatz vor, sondern nimmt jeden Menschen in seinen Stärken wahr, nicht aber in seinen Defiziten.

Das Blaumeier-Atelier versteht sich als eine reine Freizeiteinrichtung, wenn auch auf sehr hohem Niveau. Rund 250 Künstler sind jede Woche dort in verschiedenen Werkstätten am Arbeiten. Wobei der Begriff »Freizeit« bei dem hohen Maß an Professionalität hinterfragt werden könnte, immerhin agieren die Sparten weltweit. Die Maler zum Beispiel begleiteten die bundesweit anerkannte Edward-Munch-Austellung in der Bremer Kunsthalle zu Beginn dieses Jahres mit einer eigenen Ausstellung, die gleich nebenan im renommierten Theater am Goetheplatz gezeigt wurde. Dafür fuhren die Künstler eigens nach Norwegen, um Munch besser nachspüren zu können. Nicht unkritisch entstanden so Werke, die inzwischen nach Lettland unterwegs sind, um dort gezeigt zu werden. Und auch in New York stellen die Maler bereits ihre Werke aus. Das hat seinen Preis. Wer ein Gemälde der Blaumeier erwerben will, der kann gut und gerne bis zu 700 Euro auf den Tisch legen.

Das entspricht dem Selbstwertgefühl der Künstler. »Wer zu uns kommt, der muss nicht glauben, dass er etwas Gutes tut, indem er mal eine Aufführung Behinderter besucht. Es ist andersherum, wir geben den Menschen, die hierherkommen, etwas, und das ist Kunst«, sagt der musikalische Leiter Walter Pohl. Der 47-Jährige hat wie die anderen 12 festen Mitarbeiter keine therapeutische Ausbildung, sondern ist schlicht Musiker. Und als solcher sieht er sich dort. Unter anderem leitet er den Chor Don Bleu, der in der Hansestadt inzwischen eine feste Größe ist.

Wie Pohl betrachtet die 38-jährige Theatermacherin Burma, die in Holland ihr Fach studiert hat, ihre Arbeit bei den Blaumeiern als sehr befriedigend. Sie meint: »Hier wird mit so viel Begeisterung und Leidenschaft Kunst gemacht, das reißt einen einfach mit.« So ist es auch in der Maskenwerkstatt. Dort werden Masken gefertigt, mit denen die Maskenbauer unter die Menschen gehen und meist ohne Worte sich in einer Rolle bewegen. Die anderen sollen dann darauf reagieren. Das gelingt gut. Gerne werden zu offiziellen Anlässen zum Beispiel die »Süßen Damen« gebucht, die in Kostüm und Maske Konfekt reichen, mal ganz schüchtern, mal fast frech und aufdringlich, aber immer schweigend. Oder alle Blaumeier stecken in Masken und bespielen einen märchenhaft illuminierten Park, hier wieder jeder und jede mit einem bestimmten Charakter versehen. Sie agieren untereinander ebenso wie mit dem Publikum, das in den Abendstunden über die Parkwege wandelt. Aber nie verfallen die Blaumeier in die oft so übliche Larmoyanz, wenn es um Behinderte geht. Doch Menschen mit einem Handicap haben nicht nur Humor, sondern ein Anrecht darauf. Bei den Blaumeiers jedenfalls wird viel gelacht, auch über sich selbst. Sogar einen Film haben sie schon gedreht. »Verrückt nach Paris« von Eike Besuden und Pago Balke, beide ansonsten bei Radio Bremen beheimatet, war ein Geheimtipp der Berlinale 2002.

Solche Projekte sind nicht billig, doch bloß zu einem knappen Drittel wird die Arbeit des Ateliers durch öffentliche Mittel finanziert. Der Rest muss durch Sponsoren oder eigene Einnahmen aufgebracht werden. Etwas mehr Planungssicherheit wünscht sich die Geschäftsführerin. Sie bedauert, immer nur von einem Projekt zum nächsten kalkulieren zu können.

Das Blaumeier-Atelier ist aus der Psychiatriebewegung der Jahre zwischen 1955 und 1975 entstanden. Psychisch kranke Menschen waren weggeschlossen worden. Sie mussten unter oft entwürdigenden Bedingungen in geschlossenen Anstalten ihr Dasein fristen. Seit den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts existiert der Verein Blaumeier, mit wachsendem Erfolg. Bremen hatte damals noch Geld im Staatssäckel und wurde Vorreiter für eine Bewegung, die den Menschen dezentrale Wohneinheiten zur Verfügung stellte und sie weitestmöglich selbstbestimmt leben und vor allem am »normalen« Alltag teilhaben ließ. Das Kloster Blankenburg, so der Name der geschlossenen Anstalt bei Bremen, schloss für immer seine Türen. Weg mit Psychopharmaka, rein ins pralle Leben hieß es nun. So entstand unter anderem das Projekt Blaumeier, der Name hat übrigens keine besondere Bedeutung. Nur ein paar Kilometer weiter ist die Blaumeier-Karawane beheimatet, die einmal jährlich mit einem großen blauen Kamel auf Reisen geht, um so auf die Situation Behinderter aufmerksam zu machen. Die beiden Vereine haben denselben Ursprung, sie haben zwar rechtlich nichts miteinander zu tun, sind sich jedoch brüderlich verbunden.

Behinderungen grenzen immer noch vielfach aus. So stießen die Blaumeier-Künstler einmal auf Ablehnung: Eine Mappe mit Bildern ging zu einer Kunsthalle in den Osten Europas und wurde dort zunächst ganz begeistert aufgenommen, nur als man erfuhr, dass die Künstler allesamt behindert seien, war plötzlich kein Platz mehr in der Kunsthalle. Solche Zurückweisungen sind selten, was sicher auch an der sehr hohen Qualität der künstlerischen Arbeiten der Blaumeier liegt.

Einiges hat die Psychiatriebewegung angestoßen, nur weniges ist geblieben. So gibt es bis heute kaum ausreichendes Datenmaterial. Immerhin weiß man laut Statistischem Landesamt von insgesamt fast 60.000 Schwer- oder Schwerstbehinderten in Bremen, davon knapp 1.900 Menschen mit einer angeborenen Behinderung. Was allerdings dahinter steckt, bleibt ein Geheimnis. Die Mentoring-Stelle zur UN-Behindertenrechtskonvention hat die Bundesregierung aufgefordert, aussagekräftigeres Datenmaterial zur Lebenslage von Behinderten zu erstellen. Moniert wird, dass sich bislang an den Defiziten der Betroffenen orientiert wird, nicht aber an deren Ressourcen.

So theoretisch sehen Aladdin Detlefsen und Dorothe Burhop, beide Mitte zwanzig, die Sache nicht. Den beiden Schauspielern ist ihre Arbeit wichtig. Theater spielen ist für sie nicht allein Beruf, sondern Berufung, und das seit Jahren unter durchaus professionellen Bedingungen. Aber nun müssen sie erst mal das Lampenfieber vor dem nächsten Auftritt bekämpfen, damit der Macho auf der Bühne gut rüberkommt und die Fee ihn vielleicht doch noch verzaubert.

Blaumeier-Atelier
Travemünder Str. 7A, 28219 Bremen
Telefon: 0421 - 39 53 40
info@blaumeier.de