Disput

Gelungene Entzauberung

Wolfgang Ruges Bücher über Lenin

Von Wladislaw Hedeler

Von dem Meter Wissenschaft, den Kurt in den dreißig Jahren seines Lebens in der DDR zusammengeschrieben hatte, würde nichts bleiben, lässt Eugen Ruge die Romanfigur Alexander vor dem Regal im Arbeitszimmer des Vaters sagen. Auch die errungenen Teilerfolge, auf die der Historiker so stolz war – alles Makulatur. »Aber dann hatte sich Kurt noch einmal auf seinen katastrophalen Stuhl gesetzt, mit schon fast achtzig, und hatte klammheimlich sein letztes Buch zusammengehämmert.« Es war »ein wichtiges, ein einzigartiges, ein ›bleibendes‹ Buch«.

Diese sowie andere vergleichbare Einschätzungen und Wertungen, die Eugen Ruge im Roman »In Zeiten des abnehmenden Lichts« (Reinbek bei Hamburg 2011, S. 21) vornimmt, haben den Unmut einiger Kollegen, die Wolfgang Ruge aus jahrzehntelanger gemeinsamer Arbeit in der Akademie der Wissenschaften der DDR kannten, hervorgerufen. Ihren Vorwurf, der Sohn bediene »notorische Antikommunisten und Antisozialisten«, hatte Helmut Bock im »Neuen Deutschland« vom 24./25. Dezember 2011 auf den Punkt gebracht.

Eugen Ruge hatte sich, als ein Ende der Arbeit am Roman absehbar war, nicht sofort der Neuausgabe der 2003 bei Pahl-Rugenstein unter dem Titel »Berlin-Moskau-Sosswa« veröffentlichten Erinnerungen seines Vaters zugewandt, sondern zunächst ein anderes, dem Nachdenken über Wladimir Lenin gewidmetes Manuskript für den Druck vorbereitet. Es erschien 2010 unter dem Titel »Lenin. Vorgänger Stalins« im Berliner Verlag Matthes & Seitz. In den 1995/96 entstandenen Vorlesungen, die dem Buch zugrunde liegen, hatte Wolfgang Ruge seine Sicht auf die Ursachen des Scheiterns des Sowjetkommunismus in aller Ausführlichkeit dargelegt.

Jörg Baberowski, Autor des jüngst auf der Leipziger Messe ausgezeichneten Buches »Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt« (München 2012), hatte die Studie über Lenin in einer der ersten Besprechungen »als ehrlich und schonungslos« gewürdigt. In der Tat nimmt Ruge vieles vorweg, was Baberowski in seiner neuesten Abhandlung ausführt. »Russland war auf die Experimente der Bolschewiki nicht vorbereitet […] und Lenin nichts weiter als ein Exponent einer vormodernen Gewaltherrschaft.« Baberowski, in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« vom 17. Januar 2011, wie nach ihm Günter Rosenfeld im »Neuen Deutschland« vom 21. April 2011, hob Ruges Ringen um die Beantwortung der Frage nach Kontinuität und Brüchen in der Politik der bolschewistischen Führung hervor. Das Nachdenken über die Frage, wer Stalin die Knute in die Hand gab, ob Lenin ein Vordenker, Vorgänger oder gar Wegbereiter für Stalin war, kann anhand der zahlreichen Artikel und Rezensionen, die Wolfgang Ruge zeitgleich zu den Vorlesungen verfasste, aus denen das Buch hervorging, rekonstruiert werden.

Zu einigen Themen, die im Buch eine ausführliche Darstellung erfahren, hat Ruge im »Neuen Deutschland« publiziert. Die von ihm aufgeworfene Frage »Wer gab Stalin die Knute in die Hand?« zielte auf die unter Lenin geschaffenen Vorbedingungen für den Stalinismus als System. Ruges Herangehensweise unterschied sich von der Dmitri Wolkogonows, dem es einzig und allein um eine bloße Demontage der zahlreichen sich um Lenin rankenden Legenden ging. Auch eine unwissenschaftlich daherkommende Delegitimierung à la »Schwarzbuch des Kommunismus« lehnte Ruge ab. Er hingegen forderte dazu auf, Lenin erneut zu lesen. Das schloss sowohl die in den Jahren der Perestroika von Exilrussen publizierten Bücher und Artikel mit Bezug auf Lenin als auch die in der DDR auf den Index gesetzten russischen Zeitschriften wie die 1988/89 wiederbelebten »Nachrichten des ZK der KPdSU« ein. Andreas Oberender, der Ruges Buch für die »Historische Zeitschrift« (Band 294/2012) besprochen hat, irrt, wenn er schreibt, dass Ruge von der Öffnung der sowjetischen Archive nur wenig profitieren konnte.

Dem Anliegen Wolfgang Ruges folgend, die damals aktuelle Literatur einzubeziehen, haben die Herausgeber die Anmerkungen zum Lenin-Buch bearbeitet und wenn nötig ergänzt. Die zahlreichen neuen russischen Dokumenteneditionen zur russischen Parteiengeschichte oder den Aktivitäten der politischen Polizei enthielten keine Dokumente, die Ruges Wertungen in Frage stellen. So hatte der Historiker bereits während eines anlässlich seines 80. Geburtstages 1998 organisierten Kolloquiums über Lenins politisches Testament argumentiert. Von Ruges Vorarbeit ausgehend, scheint es lohnenswert, nach Debatten im Führungskreis der bolschewistischen Partei und im linkssozialistischen Parteienspektrum über die Ausrichtung der Innen- und Außenpolitik des jungen Sowjetstaates zu fragen. Er selbst hat die umfangreichen Editionen, die zum russischen Parteienspektrum (Menschewiki, Sozialrevolutionäre, Anarchisten) erschienen sind, nicht mehr zur Kenntnis nehmen können.

Aus »Ohnmacht« wurde »Fiasko«

Auf welchem Terrain sich Ruge bewegt, wird deutlich, wenn man sich einige Wertungen seiner Zeitgenossen vergegenwärtigt. Alexander Jakowlew zum Beispiel bezeichnete Lenin, Stalin und Hitler in seiner Autobiografie (Leipzig 2003, S. 40) als die »Hauptverbrecher des Jahrhunderts«. Leo Trotzki hatte diesen Vergleich rundweg verworfen: »Der übliche offizielle Vergleich Stalins mit Lenin ist einfach ungehörig«, notierte Trotzki in seiner Stalinbiographie. Dieser Lesart folgt auch Alexander Rabinowitsch im Interview für das »Neue Deutschland«: »Ich bin übrigens nicht der Ansicht, dass Stalin ein Produkt von Lenin ist. Stalin hat sich nach dessen Tod gern als dessen Schüler und engster Mitstreiter ausgegeben, der er aber nicht war.« (ND, 6./7.11.2010, W6)

Wolfgang Ruge setzte sich mit den hier skizzierten Überlegungen auseinander, variierte und spitzte seine Thesen zu, wobei aus »Lenins Ohnmacht« »Lenins Fiasko« wurde und die Feststellung von Lenins Ausgeliefertsein der Frage wich, ob Lenin nicht schon die ersten Weichen in den Abgrund stellte. Er war kein Wegbereiter des schnauzbärtigen Nachfolgers, sondern Vorgänger. Der wichtigste Unterschied zwischen Lenin und Stalin ist die Haltung zum emanzipatorischen Charakter der angestrebten Befreiung der arbeitenden Klasse.

Mit Blick auf die Geschichtsdebatten innerhalb der Linken und die programmatische Erklärung, mit dem Stalinismus als System zu brechen, ist auf diese gelungene Entzauberung Lenins hinzuweisen. »Wolfgang Ruge trifft die eigentliche Tragik der Figur Lenins und der sozialen Revolution überhaupt«, schreibt Eugen Ruge im Vorwort.

Zum Weiterlesen:

  • Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts. Roman einer Familie. Reinbek 2011
  • Wolfgang Ruge: Gelobtes Land. Meine Jahre in Stalins Sowjetunion. Reinbek 2012
  • Wolfgang Ruge: Lenin. Vorgänger Stalins. Eine politische Biografie. Berlin 2010
  • Lenins Testament und die Folgen. Kolloquium anlässlich des 80. Geburtstages von Prof. Dr. Wolfgang Ruge. (Pankower Vorträge: Heft 7) Helle Panke e.V. 1998