Disput

Gernika

Vor 75 Jahren zerstörten Angehörige der faschistischen deutschen »Legion Condor« die baskische Kleinstadt und ermordeten hunderte Einwohner

Von Ronald Friedmann

Seit dem Juli 1936 tobte in Spanien der Bürgerkrieg: Putschisten unter General Franco hatten sich gegen die Spanische Republik und die Volksfrontregierung erhoben und wollten eine Diktatur nach deutschem und italienischem Vorbild errichten. Die Verteidiger der Republik erhielten zwar Unterstützung durch die berühmten Internationalen Brigaden und durch die Sowjetunion, die Waffen und Ausrüstung lieferte. Doch hinter Franco standen Hitlerdeutschland und Italien, die entgegen internationalen Vereinbarungen auch mit eigenen Truppen in die Kämpfe eingriffen.

Im Frühjahr 1937 hatten die Putschisten bereits große Teile Spaniens unter ihre Kontrolle gebracht. Fast das gesamte Baskenland befand sich in ihrer Gewalt, nur um Santander, am Golf von Biskaya, verteidigten die republikanischen Truppen noch einen schmalen Landstreifen. Dort lag die kleine Stadt Gernika, besser bekannt unter ihrem spanischen Namen Guernica.

Ende April 1937 hielten sich in Gernika neben den etwa 5.000 Einwohnern mehrere hundert Menschen auf, die aus den umkämpften Landesteilen im Süden und Westen in das baskische Städtchen geflohen waren.

In den Morgenstunden des 26. April 1937 überflogen deutsche Bomber den Ort, die Piloten beobachteten eine größere Menschengruppe, die die Brücke über dem Oca im Nordosten von Gernika überquerte. Die Zivilisten, die unterwegs zum Markt waren, wurden zu republikanischen Truppen erklärt, und umgehend befahl der Stabschef der deutschen »Legion Condor«den Angriff auf Gernika.

Hitlerdeutschland hatte 1935 begonnen, unter Verstoß gegen den Versailler Vertrag, eine eigene Luftwaffe aufzubauen. Die »Legion Condor« war nicht nur nach Spanien entsandt worden, um die Putschisten um Franco zu unterstützen, sondern auch und vor allem, um Kampferfahrungen zu sammeln, neue Flugzeuge und Waffen zu testen und um Taktiken des Luftkampfes zu erproben. Während des Nürnberger Prozesses gegen die Hauptkriegsverbrecher bestätigte Hermann Göring diese Tatsache: »Ich drängte [...], die Unterstützung [...] zu geben. Einmal, um der Ausweitung des Kommunismus [...] entgegenzutreten, zum zweiten aber, um [... die] Luftwaffe bei dieser Gelegenheit in diesem oder jenem technischen Punkt zu erproben.«

Um 15.45 Uhr starteten vom Flugplatz Burgos die ersten Maschinen, angeblich mit dem Befehl, in Gernika die Brücke über den Oca zu zerstören. Doch die Bomben, die gegen 16.30 Uhr abgeworfen wurden, trafen das Stadtzentrum, das sofort in Flammen aufging. Um 17.00 Uhr starteten in Vitoria, etwa 50 Kilometer entfernt, weitere zehn Jagdflugzeuge. Zur selben Zeit hoben in Burgos 27 schwere Bomber ab. Als die Jagdflugzeuge Gernika erreichten, flogen sie in einer Höhe von etwa dreißig Metern über den Ort und schossen mit Maschinenkanonen auf die Menschen, die gerade versuchten, Überlebende zu retten und die Feuer zu löschen.

Wenige Minuten später trafen die Bomber ein und entluden ihre tödliche Last – Sprengbomben, Splitterbomben und Brandbomben, insgesamt zwischen 22 und 40 Tonnen – in mehreren Wellen über der bereits tödlich getroffenen Stadt. Mehr als drei Stunden dauerten die Angriffe, dann erst drehten die deutschen Flugzeuge endgültig ab. Gernika war zu 80 Prozent zerstört, mehrere hundert Menschen waren tot. Erst nach 16 Stunden gelang es, den letzten Brand zu löschen. Die Brücke über den Fluß Oca allerdings war unzerstört, keine einzige Bombe hatte sie getroffen.

Ein ähnliches Kriegsverbrechen hatten die deutschen Legionäre bereits am 31. März 1937 begangen, als sie die Kleinstadt Durango, etwa 50 Kilometer von Gernika entfernt, zerstörten und dabei mindestens 500 Menschen töteten. Doch dieses Ereignis war – anders als der Massenmord von Gernika – zunächst nicht bekannt geworden.

Am 28. April 1937 berichtete die Londoner »Times« in einem dramatischen Augenzeugenbericht über die Ereignisse in Gernica. Die weltweite Empörung blieb allerdings folgenlos, Deutschland konnte weiter für den Krieg rüsten und schließlich den mörderischsten Krieg der Menschheitsgeschichte entfesseln: Gernika war das Menetekel gewesen.

Im Gedenken an die zerstörte Stadt und an die Menschen, die im Bombenhagel starben, schuf der spanische Maler Pablo Picasso eines seiner berühmtesten Gemälde, das er schlicht »Guernica« nannte. Nach der deutschen Besetzung Frankreichs im Mai 1940, wo Picasso im Exil lebte, kam ein Offizier der faschistischen deutschen Wehrmacht in das Atelier des Malers, sah das Bild und fragte dümmlich: »Haben Sie das gemacht?« »Nein«, war die Antwort des großen Spaniers an den verblüfften Deutschen: »Das waren Sie.«