Disput

Eine Überlebensfrage

Leitlinien für eine ökologische Linke. Götz Brandt über sein neues Buch »Ökologische Umbrüche und Technik«

Ökologie soll zu einer zentralen Säule der Politik der LINKEN werden, vermitteln Sie in Ihrem neuen Buch. Wie stark ist der ökologische Parteiflügel wirklich?
Der von den Ökologen formulierte Programmteil zum sozial-ökologischen Umbau wurde ohne Abstriche vollständig übernommen. Mit etwa 700 eingeschriebenen Mitgliedern stellt die Ökologische Plattform zwei Parteitagsdelegierte.
Ein weiterer Programmteil befasst sich mit der Zentralität der ökologischen Frage. Unsere Zivilisation kann nur überleben, wenn ökologische Standards die Basis wirtschaftlicher Tätigkeit werden. Die Politik muss den Rahmen dafür setzen. Wir Ökologen stehen hinter diesen Anforderungen des neuen Programms.

Die Parteivorsitzenden lassen nicht erkennen, dass die langfristigen ökologischen Interessen irgendeine Rolle spielen ...
Das kann man so nicht sagen. Gesine Lötzsch meinte in ihrer Parteitagsrede, wir wollen den sozial-ökologischen Umbau und die soziale Frage mit der ökologischen unauflösbar verbinden. Und Klaus Ernst äußerte, dass dieses Land keine zweite grüne Partei braucht, aber sehr wohl eine Partei, die konsequent für einen ökologischen Umbau kämpft. Ein grüner Gysi ist allerdings noch nicht in Sicht.

Im Programm der LINKEN sind ökologische Fortschritte erkennbar, doch gegenüber den Aussagen der Grünen meist noch weit im Hintertreffen.
Die Programmaussagen der Grünen sind zu Einzelthemen in der Regel umfangreicher als bei den LINKEN. Aber der gravierende Unterschied liegt in der Beurteilung der Eigentumsverhältnisse. Während die Grünen glauben, man könne den Kapitalismus grün gestalten, sind die LINKEN der Auffassung, dass der Kapitalismus nicht grün gemacht werden kann und überwunden werden muss.

Sie stellen das Wachstum der Industriegesellschaften in Frage. Wie wollen Sie 90 Prozent der Treibhausgasemissionen hierzulande reduzieren?
Bereits 1972 war durch den Bericht des Club of Rome klar, dass es Grenzen des industriellen Wachstums gibt. Der Ressourcenverbrauch muss um über 80 Prozent gesenkt werden, damit auch nachfolgende Generationen noch Rohstoffe zur Verfügung haben. Notwendig ist, mit der Schrumpfung der Industrieproduktion in den USA und in Europa zu beginnen. 90 Prozent der Treibhausgase können nur dann reduziert werden, wenn die Strom- und Wärmeproduktion vollständig auf erneuerbare Energien umgestellt werden. Würde man alle Güter auf Langlebigkeit trimmen, was in der Wegwerfgesellschaft aus Profitgründen nicht realisiert wird, könnte der Materialverbrauch um 50 Prozent sinken, ohne den Wohlstand zu verringern.

Die Ökologische Plattform bei der LINKEN will bis 2030 den Strom vollständig solar gewinnen. Wie geht das?
Die deutsche Industrie verfügt über die technischen Potenziale und die notwendigen Investitionsmittel, um in 20 Jahren die fossil-atomare Stromerzeugung vollständig abzulösen. Es fehlt bei den übrigen Parteien der politische Wille, aber auch die Macht, das zu tun.

Götz Brandt ist Mitglied des Sprecherrates der Ökologischen Plattform. Er veröffentlichte den Band »Ökologische Umbrüche und Technik. Leitlinien für eine ökologische Linke«, erschienen 2011, Edition Zeitsprung, 15,90 Euro.
Leseprobe unter: www.umweltdebatte.de/brandt-2011.htm

Interview: Marko Ferst