Disput

Arbeit ist keine Ramschware

Eine einzige Anklageschrift: das »Schwarzbuch Leiharbeit«

Gastbeitrag von Detlef Wetzel, 2. Vorsitzender der IG Metall

Der Skandal ist eigentlich benannt: Menschen, die ihren Lebensunterhalt mit Leiharbeit bestreiten müssen, werden schäbig behandelt. Sie verdienen weniger, obwohl sie das Gleiche leisten. Sie haben weniger Rechte und kaum berufliche Perspektiven. Schon fast eine Million Menschen sind gezwungen, unter diesen Bedingungen zu arbeiten.

Was Leiharbeit jenseits von Zahlen und Grafiken für die Betroffenen bedeutet, zeigt das »Schwarzbuch Leiharbeit«. Die IG Metall hat im November 2011 ihre 36.000 in Leiharbeit beschäftigten Mitglieder zu ihrer Situation befragt. Neben der quantitativen Befragung haben mehr als 1.000 Kolleginnen und Kollegen die Möglichkeit genutzt, ihre alltäglichen Erfahrungen zu schildern. Erfahrungen, die authentisch und eindrucksvoll zeigen, was Leiharbeit mit Menschen macht: Sie raubt ihnen ihre Würde, ihr Selbstbewusstsein und ihre Hoffnungen.

Deshalb müssen die Menschen zu Wort kommen, die in Leiharbeit arbeiten. Menschen, die tagtäglich mit ihrer Unsicherheit, ihren finanziellen Sorgen und ihren Existenzängsten umgehen müssen. Mit dem »Schwarzbuch Leiharbeit« geben wir ihnen eine Stimme und konfrontieren die Öffentlichkeit.

Die persönlichen Lebensberichte sind eine einzige Anklageschrift. Gegen Unternehmen, die Leiharbeitnehmerinnen und Leiharbeitnehmer als billige Alternative ausnutzen und ihre Leistung nicht anerkennen. Und gegen eine Politik, die sich weigert, diese Form der Beschäftigung in ihre Schranken zu verweisen.

Leiharbeit nimmt den Menschen ihre Würde

Die Wucht dieser Schilderungen erschreckt und beeindruckt. Menschen beschreiben sich selbst als »Leihgurke« oder als »Stück Fleisch«. Ein Kollege bringt die Selbsteinschätzung auf den Punkt: »Als Leiharbeiter hat man keine Würde mehr.«

Es geht um Löhne, die zum Leben nicht ausreichen: »Arbeit sollte uns nicht in die Armut treiben. Ich habe mein Gesicht verloren ...«. Und immer wieder geht es um Gerechtigkeit: »Sie glauben gar nicht, wie weh das tut, wenn man (...) schon über 18 Monate die gleiche Arbeit macht und die Hälfte weniger Lohn hat.«

Weniger Lohn, weniger Anerkennung, wenig Chancen auf eine Festanstellung – wie ein roter Faden ziehen sich diese bitteren Erfahrungen durch die Berichte.

Die persönlichen Geschichten bestätigen: Leiharbeit dient längst nicht mehr zum Abfedern von Produktionsspitzen. Sie ist zur langfristigen Personalstrategie auf Kosten der Menschen verkommen: »Es geht hier nicht mehr darum, Auftragsspitzen oder Ausfälle zu kompensieren, sondern sich auf legale Art mit den billigsten Mitteln die Taschen vollzustopfen. Dafür halten wir her«, so einer der Kommentare.

Billig-Strategie auf Kosten der Gesellschaft

Die Eindrücke der Leiharbeitnehmerinnen und Leiharbeitnehmer werden von Wissenschaft und Studien untermauert. Auch sie kommen im Schwarzbuch zu Wort. Der Soziologe Dr. Hajo Holst bestätigt: »Aus einem personalpolitischen Instrument ist (...) ein Baustein der strategischen Unternehmensführung geworden.«

Das Rheinisch-westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) untermauert die im Buch festgestellte Ungleichbehandlung. In der von der Bertelsmann-Stiftung in Auftrag gegebenen RWI-Studie wird bestätigt, dass die Unterschiede in der Bezahlung von Beschäftigten in Leiharbeit und Stammarbeitskräften zum Teil noch größer sind als angenommen. Sie liegen bei bis zu 51 Prozent.

Das ist eine Billig-Strategie zu Lasten der Gesellschaft. Der Arbeitsforscher Professor Gerhard Bosch warnt vor langfristigen Folgen. »Leiharbeit schadet den Sozialkassen, weil durch die schlechtere Bezahlung weniger Beiträge gezahlt werden, und den Steuerzahlern, weil sie schlechte Unternehmer subventionieren müssen.« Die Subventionierung einer ganzen Branche kostet die Beitragszahler der Sozialversicherungen jährlich 500 Millionen Euro. Ein Skandal, der endlich auch in der Politik ankommt. »Wer Vollzeit arbeitet«, so Karl-Josef Laumann, Bundesvorsitzender der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA), »muss zumindest selbst von seinem Lohn leben können.«

Leiharbeit fair gestalten

Die geschilderten Schicksale machen es der IG Metall zur Pflicht, weiter für eine faire Gestaltung der Leiharbeit zu kämpfen. Aktuell verhandeln wir mit den Arbeitgeberverbänden der Zeitarbeit über Branchenzuschläge in der Metall- und Elektroindustrie als wichtigen Zwischenschritt zu gleicher Bezahlung. Und wir verhandeln in den Tarifgesprächen mit den Arbeitgebern der Metall- und Elektroindustrie über mehr Mitbestimmungsrechte der Betriebsräte beim Einsatz von Leiharbeit.

Leiharbeit ist für die IG Metall nur akzeptabel, wenn sie vorübergehend zur Abarbeitung von Auftragsspitzen eingesetzt und angemessen bezahlt wird. Das bedeutet: Equal Pay und Equal Treatment. Leiharbeitnehmerinnen und Leiharbeitnehmer dürfen keine Mitarbeiter zweiter Klasse sein.

Der Einsatz muss zeitlich begrenzt sein. Er darf nicht Teil eines Geschäftsmodells sein, das auf Kosten der Menschen nur für Unternehmen und Verleiher lukrativ ist und auch noch mit Steuergeldern subventioniert wird.

Neben den Unternehmen steht die Politik in der Pflicht. Die Verantwortlichen in Berlin müssen endlich engere gesetzliche Rahmenbedingungen für Leiharbeit schaffen.

Mit dem »Schwarzbuch« bekommt die Leiharbeit ein Gesicht jenseits trockener und nackter Zahlen. Wir erfahren viel über Menschen, die von und mit Leiharbeit leben. Jede einzelne dieser Geschichten erzählt, was geschieht, wenn Arbeit zur Ramschware verkommt. Und jede einzelne dieser Geschichten bestätigt unsere Position zur Leiharbeit. Wir brauchen dringend eine neue Ordnung auf dem Arbeitsmarkt. Der Missbrauch von Leiharbeit muss gestoppt werden. Arbeit ist der wertvollste Rohstoff, den Deutschland besitzt. Es gilt, ihn zu hegen und zu pflegen.

Das »Schwarzbuch« ist im Internet zu lesen unter: www.igmetall.de/cps/rde/xbcr/internet/docs_ig_metall_xcms_185152__2.pdf