Disput

Verfallsdaten

Feuilleton

Von Jens Jansen

Es geht hier nicht um Allgäuer Käse oder Kieler Sprotten. Dazu hat die Ministerin für den Verbraucherschutz alles Notwendige gesagt: Es gilt nicht, was das Datum sagt, sondern, was die Nase rät! Und wer gerade Schnupfen hat, wartet auf die Antwort von Magen und Darm. Natürlich ist die Vergeudung von Lebensmitteln in einer Welt, wo Milliarden Menschen hungern, ein Skandal. Aber die kapitalistische Nahrungsproduktion dient nun mal nicht zuerst der Sättigung der Verbraucher, sondern eher der Mästung der Erzeuger. Und die helfen gern mal mit Etikettenschwindel und billigen Beigaben nach, damit Musik in den Tresor kommt. Das wäre schnell behoben, wenn statt 50 Aufpasser in die Supermärkte zu schicken, etwa 500 die Produktionshallen kontrollieren würden. Doch in einem Unternehmerstaat hat beim Kundenschutz stets der Schutz der Fabrikanten Vorrang. Das haben alle Skandale bewiesen.

Aber wenn es hier nicht um Käse und Sprotten geht, worum geht es dann?

Um Davos! Kennen Sie Davos? Das ist ein bezaubernder Kurort im Schweizer Kanton Graubünden. Wer dort hinfährt, hat Geld in der Tasche und Skier im Gepäck. Aber zum Jahresanfang erscheinen dort etwa 2.500 Leute mit goldenen Kreditkarten und Maschinenpistolen im Gepäck zum Weltwirtschaftsforum. Darunter sind 30 bis 40 Regierungschefs, die Chefmanager der Großbanken und Versicherungen, Vorstände von Mammutkonzernen ab fünf Milliarden Jahresumsatz. Auch aus Deutschland kommt alles, was Rang und Namen an der Börse und im Kanzleramt hat. Und das diesjährige Forum eröffnete der Häuptling der Veranstaltung mit dem bekennenden Seufzer, »dass das kapitalistische System in seiner jetzigen Form nicht mehr in die heutige Welt passt«!

Wenn das DIE LINKE im Bundestag sagt, ist das ein übel riechender Furz, den die Regierenden niederschreien. Aber wenn das ein Chefmanager auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos sagt, dann ist das ein Donnerschlag. Er verweist nämlich auf das Verfallsdatum dieses stinkenden Systems!

Jeder von uns kennt die Gründe: Der Sozialismus ging pleite. Der Kapitalismus ist vor Freude ausgeflippt. Er kennt keine Schamgrenze mehr. Die Banken sind an ihrer Gier fast erstickt. Die Euro-Länder stöhnen unter ihrer Geiselhaft. Griechenland röchelt. Spanien stolpert. Ungarn steht auf einem Bein. Berlin und Brüssel sammeln Bürgschaften. Aber auch hiesige Banker wurden Monster.

Marktführer wie Schlecker haben sich verschluckt. Opel fährt im Kriechgang. Die Solarfirmen rollen die Fahnen ein. Von Mannesmann und Holzmann, Grundig und Quelle, Nokia und Hertie ist keine Rede mehr. Die Auto- und die Energiekonzerne haben die Zukunft verpennt. Die Bildung wurde Sitzenbleiber. Und immer, wenn die Regierenden trompeten »Wir sind die Größten!«, rufen Leute vor der Tür »Wir sind das Volk!« Aus Spießbürgern wurden Wutbürger. Studenten besetzen die Börsen. Weil die Steuerleute versagen, entern Piraten die Parlamente. Linke Mehrheiten sind jederzeit greifbar. Dieses Wetterleuchten stand über Davos.

Nun legt Professor Terry Eagleton von der British Academy noch ein Buch auf den Tisch mit dem provokanten Titel »Warum Marx recht hat«. Er schreibt: »Obwohl das System reichlich Zeit hatte, zu beweisen, dass es alle Bedürfnisse des Menschen befriedigen kann, scheint es diesem Ziel kein Stück näher gekommen zu sein. Wie viel Zeit wollen wir ihm noch geben?«

Eagleton polemisiert gegen jene Gesundbeter des Kapitalismus, die behaupten, der Marxismus habe sein Verfallsdatum längst überzogen. Er verweist auf einen mexikanischen Milliardär, dessen Einkommen dem Gesamtlohn der ärmsten siebzehn Millionen seiner Landsleute entspricht. Er folgert: »Der Marxismus ist die gründlichste, kompromissloseste, umfassendste Kapitalismuskritik. Solange also der Kapitalismus im Geschäft ist, muss es auch der Marxismus sein.«

Es gibt keine Kampfpause für die Linken. Die gequälten Völker suchen einen Weg in eine berechenbare lebenswerte Zukunft. Die Regierenden lamentieren von notwendigen Reformen, fälliger Transformation, mehr Mitsprache und Teilhabe. Aber nur, um den dringlichen Systemwechsel zu verzögern, denn noch hält sich der Laden über Wasser. Trotzdem haben sie so viel Angst in der Hose, dass sie die Linke am liebsten unter Quarantäne stellen möchten. Aber das schaffen sie ja bei den Nahrungsinfektionen auch nicht. Sie selber sind der Humus für die tödlichen Keime des Systems. Die Gier der Superreichen verschlingt das Gemeinwohl. In Davos flackerte das Verfallsdatum auf!