Disput

Fest gemauert in der Erden

Von der Normalität der Flaggen und Hymnen im Sport

Von Peter Porsch

Die Fußballeuropameisterschaft haben wir vor Kurzem überstanden. Die Olympischen Spiele ist, wenn diese Zeilen bei den geneigten Leserinnen und Lesern ankommen, schon wieder Geschichte.

Internationale Meisterschaften und zumal Olympische Spiele sind die Zeiten von Nationalflaggen und Nationalhymen. Sie markieren die Lager, Freund und Gegner. Man singt die Hymne, möglichst als Renommiergebärde vor dem Kampf, und man zeigt eben Flagge. Oder man singt und zeigt Flagge, weil man den Sieg, den eine Person oder Mannschaft (kann auch eine Frauschaft sein) errungen hat, als Sieg der ganzen Nation gefeiert wissen will. Wehe dem oder der, der oder die nicht singt. Wehe, wenn man den Sieg durch allzu auffällige Missachtung von Hymne und Flagge nicht an die Nation weitergibt. Das kann ganz böse enden, wie zum Beispiel in Mexico 1968 für die dunkelhäutigen US-Amerikaner Tommie Smith und John Carlos, die die Siegerehrung nutzten, um auf die Situation der Afroamerikaner in den USA aufmerksam zu machen und »black power« zu demonstrieren.

Ich habe so manche eigene Erlebnisse in Schule, Sport und Politik mit Hymnen und auch Fahnen. Eines scheint mir berichtenswert: Es war an einem sonnigen Samstagnachmittag im Mai des Jahres 1967 im Wiener Hockeystadion, als die Nationalmannschaften Österreichs und der DDR im Feldhockey ihre Kräfte messen sollten. Bei solchen Anlässen war es normal, die Flaggen der beiden Länder zu hissen; einfach normal - außer mit der DDR-Flagge. Hisste man diese Flagge damals, so zeigte man auch Flagge - die Flagge der Meinung, dass es diese DDR gibt, dass man dieses erkannt und anerkannt hat. Mit dem »anerkannt« war das aber so ein Problem. Es gab nämlich noch eine Bundesrepublik Deutschland. Sie wollte das einzige Deutschland dieser Zeit sein. Also sollte das Hissen der Flagge der DDR verboten sein und auch das Spielen ihrer Hymne.

Freunde und Verbündete hielten sich daran. Sportereignisse litten darunter, weil sie den Brauch einfach nicht umsetzen durften. So war eben die Lage, auch im erwähnten schönen Mai. Doch gab es eine Besonderheit! Feldhockey spielten in Österreich damals eine Hand voll Leute; begeistert, aber kaum beachtet. Also war auch das Länderspiel nur von Eingeweihten besucht. Sie waren voller Spannung auf das Sportereignis. Die Sache mit der Fahne und der Hymne interessierte sie weniger. Man war nicht auf Streit aus, sondern auf Sport, welches Wort bekanntlich über das Englische vom lateinischen »disportare« zu uns kam und etwas mit Zerstreuung und Kurzweil zu tun hat.

Ich war als Student zum Nebenverdienst im Sekretariat des Hockeyverbandes angestellt und sollte die Sache mit Flaggen und Hymnen regeln. Natürlich hatten wir die österreichische Flagge und die Bundeshymne als Tuch und auf Schallplatte parat, die Gegenstücke aus der DDR jedoch nicht. Da half freigiebig und pflichtgemäß die Handelsvertretung der DDR in Wien aus. Jene Institution war der Ersatz für die fehlende Botschaft. Ihr Chef überreichte mir die entsprechenden Utensilien - Fahne und Schallplatte -, mit denen ich dem Ritual Genüge tun sollte. Und warum auch nicht? Der Vorstand hatte nichts Gegenteiliges beschlossen, sondern war an einem reibungslosen Ablauf interessiert. Ich hatte sogar den Eindruck, manche wussten gar nicht, dass es Ärger mit österreichischen Behörden geben könnte, wenn man den Ärger mit der DDR einfach vermied. Wie auch immer: Ich schritt zur Tat. Die Flagge war gezeigt, die Hymne gespielt. Das Match konnte beginnen und Österreich bekam die erwartete Packung - 4:0 war der Endstand zugunsten der DDR. Sie hatte an diesem Tag eigentlich auf allen Linien gewonnen - das Spiel und alle Normalität der Symbolik beim Sport. Im Grunde hatten wir Geschichte geschrieben im Kalten Krieg der sechziger Jahre. Aber wir hatten die Rechnung ohne den ostdeutschen Wirt gemacht bzw. seine Kellner in Österreich.

Die Fahnenmasten, auf denen die Flaggen aufgezogen wehen sollten und schließlich ja auch wehten, standen fest gemauert in der Erden etwas entfernt vom Spielfeld. Man kann schon sagen, etwas am Rand der gesamten Anlage, von außen und von den Zuschauerplätzen kaum - naja, eigentlich gar nicht - zu sehen. Wir hatten aber keine anderen Masten, und keinen Länderspielgegner hatte dies bisher gestört. Sie waren das Ritual gewohnt und nahmen es deshalb einfach gar nicht mehr wahr. Der DDR-Vertreter registrierte im Gegensatz dazu jedoch jedes Detail und kam zu dem Schluss, dass die so entlegen aufgezogene Flagge eine Missachtung der Souveränität seines Landes sei, und wurde entsprechend mit harscher Kritik vorstellig. Das Normale ist eben das, was so schwer zu machen ist. Wahrscheinlich konnte der Arme sich selbst nicht vorstellen, dass man sein Land normal behandelt.

Kann sein, solches war überhaupt der tiefe Grund des Verschwindens der DDR aus der Geschichte. Als der Vorsitzende des Staatsrates die einfache Normalität weltweiter diplomatischer Anerkennung für etwas ganz Besonderes hielt, begann er sich darin zu sonnen. Er ließ sich von Hof zu Hof, von Präsidialkanzlei zu Präsidialkanzlei herumreichen und wurde ja auch herumgereicht. Selbst die einst in der Sache so autistische Bundesrepublik wollte da nicht zurückstehen und lud ihn in ihr Bonn ein. Solcherart hofiert übersah der Staatsratsvorsitzende, dass dem Volk das normale Leben in der DDR zunehmend schwieriger und schließlich einfach unnormal und unerträglich geworden war. Das Ende ist bekannt.