Disput

Wanderer auf Zeit

Hanns Eisler durchquert die Welt. Zum 50. Todestag des Komponisten am 6. September 1962

Von Stefan Amzoll

Er muss oft Grenzen passieren, sich Pässe, Visa besorgen, die Sprachen wechseln. Zwänge regieren, persönliche, gesellschaftliche, geschichtliche. Hemmen sie die Produktivität? Stets Acht geben, sich umschauen, zugleich nach vorn blicken. Ein halbes Leben verbringt Hanns Eisler damit. Wo bin ich? Wohin geht die Reise? Schon das Kleinkind, geboren 1898 in Leipzig, erlebt dies, als Zwang. Die jüdische Familie Eisler übersiedelt alsbald nach Wien. Der Jugendliche studiert dort Komposition bei dem berühmten Arnold Schönberg. Der ist sowenig sesshaft wie der Schüler. Beide ziehen während der Weimarer Zeit, als hätten sie sich abgestimmt, nach Berlin und gehen politisch getrennte Wege. Schönberg komponiert Zwölftonwerke, sein renitenter Schüler nonkonformistische Lieder, später, unterdes der revolutionären Linken zugehörig, Kampfmusik und eingreifende Filmmusiken. 1933. Nacht der langen Messer. SA-Mordkommandos machen Jagd auf Kommunisten, Juden, radikale Demokraten, Sozialdemokraten. Eisler exiliert nach Paris, organisiert dort unter Musikern antifaschistischen Widerstand. Wie Brecht geht er, aus welchen Gründen immer, nicht in die UdSSR, stattdessen in die USA. Dort gleichfalls Zwänge – unter anderen Vorzeichen. Einreiseprobleme. Zwischenstation Mexiko City. Der sozial engagierte Komponist Silvestre Revueltas, Mexikaner, ermöglicht dem Deutschen, in Mexiko City beruflich Fuß zu fassen. In den USA fortgesetzte Existenzsorgen. Arbeiten für Hollywood schaffen Erleichterung. Nach dem Krieg, Churchill läutet in seiner Fulton-Rede den Kalten Krieg ein: McCarthy-Kommunistenfresser machen Jagd auf Hanns Eisler, seinen Bruder Gerhart, Brecht, Chaplin und viele andere. Zurück in Europa, wählt der Komponist zunächst Wien als denkbaren Wohnort. Wien verprellt ihn. Die Stadt ermöglicht dem Kommunisten und Komponisten keine berufliche Perspektive. Was bleibt? Brecht ist unterdes Leiter des Schiffbauerdamm-Theaters in Ostberlin geworden. Wo der Dichter ist, will auch er sein.

Uneingeschränkt Ja zur Revolution

Die Oktoberrevolution hat Hanns Eisler uneingeschränkt bejaht. Bis zum Epochenbruch seit Zerschlagung der Trotzki‘schen Opposition, spätestens seit Majakowskis Selbstmord ist das Verhältnis ungespalten. In den frühen dreißiger Jahren reist der Komponist mehrmals in die UdSSR und produziert Filmmusiken (zum Beispiel »Die Jugend hat das Wort«). Er begrüßt die Stalin‘sche Verfassung, schreibt Grußadressen, übersieht indes nicht den für ihn unsäglichen sowjetischen Volkskitsch und romantischen Symphonismus sozialistisch-realistischer Provenienz. Eisler muss von den geheim gehaltenen Toden (oder gar den Ermordungen?) seiner Freunde Tretjakow und Kolzow, auch denen Babels und Meyerholds gewusst haben. Über die Moskauer Prozesse gibt es keine direkten Äußerungen, wohl aber zu den Verzerrungen der Musikpolitik des Unionskomponistenverbandes. In der Bewertung des Stalinismus der Nachkriegszeit bezog Eisler ähnliche Positionen wie Brecht. Sein Faustus-Libretto, das Girnus und Abusch in der Luft zerrissen, fiel unter Shdanow‘schen Formalismusverdacht. Die Enthüllungen des XX. Parteitages müssen ihn arg beschäftigt haben. Eisler thematisierte als einziger kommunistischer Musiker den XX. Parteitag, und zwar in seinem letzten Werk, den »Ernsten Gesängen«.

Kritiker nannten sie nicht zu unrecht Anti-Symphonie, jene Arbeit von zehn Minuten Spieldauer, mit der Eisler Mitte der dreißiger Jahre Furore machen sollte. Es handelt sich um die »Kleine Sinfonie« op. 29 – ein Werk, das er zwischen 1931 und 1934 komponierte. Es ist ein technisch gewitztes, blutvolles, verschlagenes, sinnliches Stück, voller Schönheiten und Rauhbeinigkeiten. Die Form besteht aus Montagestücken, Bluesanklänge mit gestopften Trompeten werden vernehmlich, supergeschwind der Marsch zu Beginn. Protest und Klage führen einzelne Sätze mit.

Das allseits bewunderte Stück setzte sich auch in kulturellen Zentren der Sowjetunion rasch durch. Es gibt eine gar despektierliche Geschichte darüber, die der Komponist per Brief seinem Freunde Brecht gesteckt hat: »Besonders hübsch ist, dass der größte Musikbonze der UdSSR, Mjaskowski, von dem hier alles abhängt, enthusiasmiert ist und überall herumerzählt, dass es das großartigste Stück ist, das er je gehört hat. Diese Mundreklame durch den offiziellen Vertreter der Sowjetmusik, den ich immer als Reaktionär bekämpfte und mit dem ich die allergrößten Differenzen hatte, ist für mich ungeheuer günstig. Ich werde jetzt nicht nur als revolutionärer Komponist, sondern als großer ausländischer Spezialist gewertet. Übrigens zeigt das auch, was für eine falsche Taktik ich hier hatte, man muss diesen alten Bonzen mit technischen Leistungen den Mund stopfen.«

Brecht drückte zwanzig Jahre später, Mitte der fünfziger Jahre, seine Haltung zur Allianz von Kunstbonzen und Sowjetkunst noch drastischer aus: »Vieles davon ist inhuman, barbarisch, oberflächlich, bourgeois, also kleinbürgerlich, schlampig, verantwortungslos, korrupt und so weiter... Das sind nicht nur Formfragen, das sind natürlich Inhaltsfragen. Und das von der Sowjetunion! ... Das ist das Interessante: da sind echte Widersprüche vorhanden, aber echte, unauslöschliche, nicht vereinbare.«

»Man ist nicht ungestraft in Hollywood«

Anders ihre Exilerfahrungen in den kapitalistischen USA. Weg gezwungen aus Deutschland, fallen sie dort ins Loch der Namenlosigkeit, der Unbekanntheit. Was eins ist mit Degradation im Künstlerischen wie Menschlichen zum Appendix, zu einer Marginalie. Aufgestiegene, die nun gefallen sind? Nein, das sind falsche, weil Karriere-Kategorien, auf die es den beiden nie ankam. Verdammt hart, schmerzhaft ist in ihrem Fall zweierlei: erstens ihr Abschied aus der heiteren Ernsthaftigkeit eines revolutionären Lebens, den sie nehmen müssen, und zweitens –der wohl größte Verlust –, die Scharen eines proletarischen, linksbürgerlichen Publikums, das die eigenen Sachen versteht, auf unbestimmte Zeit zu verlieren.

Gleichzeitig plagt beide Künstler die Depression, die allerdings zu keiner Ermattung, zu keinem Zusammenbruch führt. Denn der eingefleischte rebellische Geist weiß selbst daraus noch Gewinn zu schlagen. Eisler: »Man ist nicht ungestraft in Hollywood. Man muss das einfach mit beschreiben.« Das tut er sehr genau und klar in seinem »Hollywooder Liederbuch« (1942/43). Elegien von Brecht, die Eisler vertonte, geben dem Zyklus das gedankliche Rückgrat. Es sind Prosaverse, welche die Exil-Situation spiegeln. Daneben stehen Gedichte Brechts aus früheren Jahren, auch solche aus der Zeit vor 1933. Den Reigen der insgesamt 49 Lieder für Gesang und Klavierbegleitung komplettieren klassische Dichtungen von Goethe, Hölderlin, Möricke, Pascal, Rimbaud und Anakreontik. Dass in Kalifornien Eisler und Brecht einander wieder näher rücken, macht zugleich ein enges gemeinsames Arbeiten wieder möglich, ein Produzieren unter identischen Bedingungen, nämlich in der Kälte und Einsamkeit einer Landschaft, von der Eisler rückblickend sagt, sie sei der klassische Ort, wo man Elegien schreiben muss. Musikalisch wichtig ist: Mit den rasch hingeworfenen, plötzlichen, spontanen Kompositionen knüpft Eisler wieder mehr an Schönberg, Schubert, Schumann, Brahms an, und zwar innovativ. Frei gehandhabte Dodekafonie (Zwölftonmusik) vertreibt aus bekannten Liedmodellen die schwere, muffige Luft, der Rekurs auf ältere tonale Verfahren lockert die Sprödigkeit und Abstraktheit moderner Kompositionstechniken. Was zusammenkommt, sind kleine, bescheidene, meisterlich geformte Gebilde, deren Geltung weit über den Entstehungsanlass hinausreicht.

Eislers US-Exilerfahrungen sprechen allen seinen bisherigen Erfahrungen als Komponist und Bürger Hohn. Er muss sich mit Brotarbeiten in der Filmindustrie verdingen. Auf der Grenze zu diesem monumentalen Räderwerk, das Illusionen produziert, ist der Komponist Schräubchen, so beliebig einsetzbar wie wegwerfbar. Eine Form des Erwerbs, die durch subversive Experimente, finanziert durch die Rockefeller Foundation, und theoretische Reflexion auf die Hollywood-Filmmusikpraxis zusammen mit Theodor W. Adorno nicht verschwindet.

Brechts Erfahrungen liegen keinen Deut anders. Was die beiden in den USA erleben, ist eine noch raffiniertere Herrschaft des Marktes, eine noch größere Bereitschaft zur Anpassung, eine noch ausgeprägtere Geltung von Kategorien des Erfolgs, der Stellung, des Geldes, als davor in Europa schon erlebt. Mehr als vordem fühlen sie sich als Verlorene, als Teil einer Gesellschaft vereinzelter Ohnmächtiger, ja sie müssen sich so fühlen.

Für die Musik als »Fortsetzung des Lebens«

Wie Brecht hat Hanns Eisler, wo immer er sich aufhielt, den Verhältnissen unterschiedlich erwidern müssen. Ein Großteil seines unvergleichlichen Werkes wendet sich den Impulsen des großen Weltentwurfs seiner Zeit zu und geißelt demgegenüber die ganze Schmach der Oberklassen deutscher Herkunft und Herrschaft, des deutschen Besitzes vom Kaiserreich bis zum Hitlerreich – ästhetische Protokolle über ein Versagen, das, mit nichts vergleichbar, jedem deutschen Bürger noch hundert Jahre die Sprache verschlagen müsste. Eisler, voller Erwartung auf ein gegenteiliges deutsches Zukunftsmodell, musste sich nach seiner Rückkehr aus dem Exil entscheiden: entweder westliche Demokratie oder östlich-kleinbürgerlich-proletarische Diktatur. Er wählte den Anti-Nazismus und ein gerechteres Dasein der Unterklassen, er entschied sich für die Musik als »Fortsetzung des Lebens«, wohl begreifend, dass es ohne Härten und Ungerechtigkeiten nicht abgehen würde. Der Kalte Krieg war für den scharfsinnigen weltgewandten Mann unweigerliches Zerwürfnis und Menschheitsunglück in einem.

Kurz vor seinem Tode, 1962, vollendet Eisler die »Ernsten Gesänge«, die den Charakter eines Vermächtnisses tragen. Sie weisen auf Vergangenheit, die noch zu bewältigen ist, und auf Zukunft. Eisler scheut sich nicht, einem Lied den ganz unpoetischen Titel »XX. Parteitag« zu geben, dessen letzte Zeile das Begehren ausdrückt, ein Leben zu führen, ohne Angst zu haben.

Aus seinen letzten Tagebuchaufzeichnungen erfahren wir: »Wenn ich 1990 vergessen sein werde, wird es eine gute Zeit sein, voll des Überflusses, des Spaßes und der Denkkraft.« Einem genialeren Irrtum als diesen kann man heute kaum unterliegen.

Stefan Amzoll, Autor und Publizist, lebt in Karlstein (Brandenburg), produziert Beiträge für Hörfunk (Hörspiele, Features, Musikfeatures) und Fachpresse, Essays und Kritiken für Tageszeitungen, veröffentlicht Bücher.