Disput

Glück auf im Osten

Ausblicke und Einsichten in Borna. Wie DIE LINKE im Alltag wirkt, was sie nervt, was sie will, was sie angeht

Von Stefan Richter

»Gugge, da had sich widder eener verfahrn«, vermutet in breitem Sächsisch ein Mann an der Rathausecke, um dann zu staunen: »Ooch noch aus Berlin!«

Irrtum vorm Amt. Denn der Besucher wurde erstens von Bornas Oberbürgermeisterin ausdrücklich eingeladen; und zweitens stammt er eigentlich aus dem entfernten Stuttgart, und eben dies bestimmt seine Reisemotivation: Bernd Riexinger will den Osten näher kennenlernen – umfassender als früher gewerkschafts-dienstlich oder später touristisch auf dem Saale-Radweg. Er will verstehen, wie DIE LINKE in den neuen Bundesländern wirkt und in der Bevölkerung ankommt.

Seit 2008 ist Simone Luedtke (geboren übrigens in München und aufgewachsen unweit vom Rhein!) im Amt. An diesem 6. August trägt sie ein rotes ärmelloses Kleid, darüber eine Jeansjacke. Praktischer Chic. Im Rathaus spricht die 41-Jährige über ihre Arbeitsbedingungen als LINKE: »Wir haben die meisten Abgeordneten, aber die Mehrheit haben wir nicht.« Folglich müsse im Stadtrat nach Kompromissen gesucht werden. Gefunden würden sie des Öfteren mit der SPD und zuweilen sogar mit der FDP, Fundamentalopposition mache allein die CDU.

Bornas Probleme klingen ostbekannt: der Wegbruch der Industrie nach der Wende und der Wegzug vieler Fachleute, kaum neue Arbeitsplätze, eine enorme Arbeitslosigkeit, zahlreiche Pendler nach Leipzig und Chemnitz ...

Vor Urzeiten wurde der Ort berühmt durch seine Zwiebeln (»Zwiebel-Borna«), danach durch die Braunkohle mit all ihren Wirkungen. Bornas Ruf war entsprechend. Nach ‘90 verschwanden hier 30.000 Arbeitsplätze. Gleichwertiger Ersatz fehlt, selbst wenn vom Aussichtspunkt Schleenhain die wohl noch langfristigen Förderfelder beeindrucken (und manche auch: bedrücken). Andererseits beginnt nur wenige Kilometer weiter eine riesige Seen-Landschaft, erwachsen aus einstigen Kohle-Löchern. Eine Region im Umbruch. Die Kumpeltradition indes überlebt: In Borna heißt eine Kneipe »Glück auf!«, und als die Einwohner nach dem Namen für die tolle Sporthalle gefragt werden, entscheiden sie sich für: Glück auf!

Glück allein reicht nicht. Immer wieder geht's in den Kommunen um Kohle anderer Art. Entweder man hat sie oder man hat sie nicht – und kann, irgendwie, an sie rankommen fürs Gemeinwohl. In Luedtkes Amtszeit hat die Stadt Investitionen von mehr als 40 Millionen Euro getätigt. Einsamer Stadtrekord. Alles mit Fördermitteln. Für nachhaltige Effekte und ohne unabwägbare Risiken: »Ich bin Bilanzbuchhalterin, ich bin Betriebswirtin – ich weiß, wovon ich rede.«

Zur Bestätigung fährt die Oberbürgermeisterin mit ihrem Besuch zum Neubau einer Grundschule, zum sanierten Gymnasium, zu jener Mehrzweck-Sporthalle und zum ebenso neuen Schwimmbad. Von den Investitionen floss fast alles ins Soziale und fast nichts in den Straßenbau.

Solange sie Ideen habe, möchte Simone Luedtke Rathauschefin bleiben. Momentan umtreibt sie der Gedanke, die Leipziger Eishockeymannschaft zum Umzug nach Borna zu locken. Das wäre doch was. Die Stadt sucht nach Perspektiven, ein besserer Ruf hilft. 2013 soll erstmals eine »Zwiebel-Königin« gewählt werden. Glück auf!

Bernd Riexinger zeigt sich beeindruckt. Er sagt, nicht allein gegenüber den Medien: Hier sieht man, DIE LINKE kann rechnen und verantwortungsbewusst gestalten. Zugleich macht er deutlich, dass die Kommunen auf standhafte finanzielle Füße gestellt werden müssen. Das Öffentliche als Bestandteil der Sozialpolitik und der Demokratie.

Befragt nach seinen, sozusagen übergreifenden, Eindrücken im Osten, verweist Riexinger vor allem auf die mehr als 30 Prozent Abstand bei den Löhnen zu denen im Westen und auf die ungleichen Renten – mehr als 20 Jahre nach der Einheit. Ein Unding!

Der Kreisverband der LINKEN Westsachsen vereint 700 Mitglieder. Fast hundert von ihnen drängt es am Abend ins Bürgerhaus, sie wollen dem Vorsitzenden ihre Meinung sagen und seine hören. Ein Wunsch, den vorher Kommunalpolitiker, Abgeordnete, zwei Kreisvorsitzende sowie die frisch gewählte Landrätin aus Altenburg (Thüringen) ins Bürgerbüro mit dem schönen Namen »Ständige Vertretung« zusammengeführt hat. Was sie mitteilen, klingt zwischen Sorge und Hoffnung. So bei Frank Feldmann, Bergmann a.D. und seit 1990 im Stadtrat: »Nach dem Parteitag fiel mir ein Stein vom Herzen. Warum? Ich hatte vorher auf der Regionalkonferenz gegen die Zerstrittenheit gesprochen: Wir müssen die Partei der Kümmerer sein – nicht im Sinne von Verkümmern.« Ihm sei es immer um »die Sache« gegangen, nach der Wende habe er sich beschimpfen lassen müssen, war bei Wind und Wetter unterwegs. Kommunalpolitik sei das Kernstück: »Als Stadtrat läufst du übern Marktplatz und die Leute sagen unverblümt ihre Meinung. Das alles hängt einem irgendwie an. Und das darf nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden. Die Entwicklung vor dem Parteitag hatte mir deshalb unheimlich wehgetan. Das reizte mich zum ›Klassenkampf‹.«

»Je stärker DIE LINKE«, so OB Luedtke, »desto mehr nutzt das den Bürgerinnen und Bürgern.« Das gelte nicht allein für die Stärke vor Ort. »Das letzte Duo (an der Parteispitze) ist uns hier auf die Füße gefallen.« Weswegen Frank Feldmann, in Bergmanns Tracht, die große Hoffnung äußert, dass es »in dem jetzigen Politikstil weitergeht.«

In der »Ständigen Vertretung« ist die Rede von guten Erfahrungen bei Kommunalwahlen mit »Offenen Listen«, von der »Einsamkeit« von Bürgermeistern, von den Grenzen der »reinen Lehre« im Alltag und vom Wunsch des Landesvorsitzenden, die Positionen aus dem Osten als »selbstbewusste Argumente« und nicht als Opposition zu werten. – Der Vorsitzenden-Gast pflichtet bei: »Ich habe die Debatte ›Kommunalpolitik – außerparlamentarische Bewegung‹ nicht verstanden. Das ist doch kein Gegensatz. Im Osten ist DIE LINKE fest verankert und Volkspartei.« Ihre Kommunalpolitik sei vorbildlich, und eine gute Kommunalpolitik sei Voraussetzung für eine gute Landespolitik.