Disput

Und immer lächeln!

Über Probleme in der Fläche, den Weg nach draußen und das Schönste im Wahlkampf – Heiko Moll, Kreisvorsitzender von Aurich

Heiko, du bist seit einigen Jahren der Vorsitzende des LINKE-Kreisverbandes Aurich. Ein bisschen Heimatkunde in »DISPUT«: Wo liegt Aurich?

Im äußersten Nordwesten von Niedersachsen. Unser Kreisverband hat ca. 120 Mitglieder – und das in einem Kreis, der eigentlich von Anfang an immer SPD-geführt war. Hier wurde gesagt: Stell einen Pfahl auf, einen Helm drauf und ein Schild »SPD« dran – und der wird gewählt.

Umso mehr sind wir stolz darauf, was wir in den fünf Jahren seit Gründung der LINKEN alles erreicht haben. Wir sind mit einer Fraktion im Kreistag vertreten, wir sitzen im Stadtrat Aurich und im Stadtrat Norden. Wir haben insgesamt zehn Mandatsträger und sind niedersachsenweit einer der erfolgreichsten Kreisverbände.

Seit wir die Politik mitgestalten, hat sich schon einiges geändert. Nur als Beispiel: Aurich ist eine der ersten Städte, die keine Kita-Gebühren mehr erheben. Der Schulmittelfonds, den wir 2007 im Kreistag angestoßen haben und der armen Menschen die Sorge nehmen soll, wie sie die Schulmaterialien für ihre Kinder bezahlen können, ist durch Aurich landesweit ins Laufen gekommen. Das sind Sachen, wo man sieht, dass wir als LINKE viel erreichen können.

Rundum zufrieden?

Was ich bemängele ist, dass die »Fläche« durch den Landesvorstand oder den Parteivorstand ein bisschen vernachlässigt wird. Dabei stoßen wir gerade in der Fläche auf die meisten Probleme: Arbeitslosigkeit, öffentlicher Verkehr, sozialer Wohnungsbau …

Warum und was müsste mehr in der Fläche getan werden?

Ich wünsche mir, dass mehr Veranstaltungen in der Fläche gemacht werden und dass mehr Mandatsträger – obwohl sie sich jetzt Mühe geben – in die Fläche arbeiten. Ich weiß, wie schwierig das bei dem erforderlichen Zeitaufwand ist. Bloß: Unsere Partei holt die notwendigen Stimmen, um wieder in den Landtag Niedersachsen zu kommen, nicht allein in »Leuchttürmen« wie Hannover. Die hohen Gewinne haben wir in der Fläche erreicht. Wir brauchen die Fläche!

In unserer Parteiarbeit haben wir zum Beispiel folgendes Problem, das man wahrscheinlich nicht lösen kann: Aktive Genossen, die auch mal zu Veranstaltungen nach Hannover fahren möchten, müssen erst eine Stunde mit dem Bus zur Bahn fahren, da wir keinen Bahnhof haben, und sind dann noch zwei Stunden mit dem Zug unterwegs. Das heißt, man ist drei Stunden unterwegs, um zu einer solchen Veranstaltung in der Landeshauptstadt zu kommen. Und man muss schon 17:45 Uhr wieder zurück, weil sonst der Busanschluss nach Aurich weg ist.

Warum ist es der LINKEN gerade in der, wie du sagst, SPD-dominierten Region gelungen, gut Fuß zu fassen?

Durch ihre unsoziale Hartz-IV-Politik hat die SPD hier gewaltig an Ansehen und Stimmen verloren. Diese Lücke haben wir als DIE LINKE ausgefüllt. Und bis heute sind viele davon überzeugt, sobald DIE LINKE schwächer wird und die SPD stärker, schwenkt die sofort wieder auf den rechten Kurs ein. Das erleben wir auch im Stadtrat. Die wenigen SPD-Abgeordneten, die linke Positionen beziehen, brauchen unsere Unterstützung.

Die Leute in der Region lassen sich jedoch nicht mehr so leicht täuschen. Oft genug haben sie erlebt, dass die SPD ihnen erst den Kühlschrank leer macht und nach drei, vier Jahren, wenn sie in der Opposition ist, den ranzigen Käse in den Kühlschrank legt und sagt: Guck mal, wie sozial wir sind!

Wie ist eure Mitgliederentwicklung?

Wir sind, glaube ich, in Niedersachsen einer der wenigen Kreisverbände, die Zuwachs haben.

Wodurch erklärst du dir das?

Durch gute Basisarbeit; die ist wichtig, denn allein können wir nichts machen. Viel geholfen hat uns unsere Bürgernähe. Dass wir wirklich nach draußen gehen – das ist das A und O. Du darfst nicht nur in den Parlamenten sitzen (auch wenn das nicht unwichtig ist), du musst bei den Bürgerinnen und Bürgern sein. Darauf haben wir Wert gelegt, anders wären die Erfolge nicht zustande gekommen.

Was waren denn für euch, für dich die Höhepunkte?

Natürlich die Erfolge bei der vorigen Landtagswahl: Selbst die Direktkandidaten erzielten um die zehn Prozent. Das war ein Wahnsinnserfolg.

Und dann ist immer ein Erfolg, wenn neue Mitglieder dazukommen. Zwar nicht mehr in der Stärke wie in der Gründungszeit, aber wir steigen peu à peu.

Heute war so ein richtig schönes Erlebnis: Wir haben jetzt das jüngste Mitglied der LINKEN in Niedersachsen – das ist meine Tochter, sie ist 14 geworden und ist sofort der LINKEN beigetreten.

Dem Vater zuliebe?

Das will ich nicht sagen. Klar, dass sie familiär geprägt ist, Kinder kriegen das ja irgendwie mit. (Wie ich in meiner Kindheit auch: Ich komme aus einer eingefleischten SPD-Familie.) Ich bin jedenfalls froh darüber, dass sie die sozialen Ansichten ein bisschen mit übernommen hat.

Das sind so Erlebnisse, die Kraft geben. Und das ist wichtig. Weil: Man verliert sie auch ab und zu. Wer sagt, er hat noch nie die Kraft verloren, der lügt nach meiner Meinung.

Wann hattest du die Nase ein bisschen voll?

Ganz offen: als die Diskussion um den Parteivorsitz losging. Das war für mich so was von grausam; ich habe andere Probleme. Und die Bevölkerung hat andere Probleme. Wir wollen den Bürgern helfen: mit Themen, mit konkreter Politik – und nicht mit internen Diskussionen, wer oben sitzt, welche Schublade geöffnet werden darf … Das will keiner wissen.

Du machst so einen lebensfrohen Eindruck …

Grundsätzlich, ja.

Ich habe alle Seiten des Alltags erlebt, ich habe Lagerfacharbeiter gelernt, hatte einen Motorradunfall und umgeschult auf Bürokaufmann. Anderthalb Jahre war ich arbeitslos, habe Hartz IV bekommen, habe mich aber auch in der Zeit nie unterkriegen lassen. Ich weiß, wovon ich rede.

Was muss ein guter Kreisvorsitzender können?

Eigentlich gar nicht viel.

???

Ja. Er muss menschlich sein; das ist wichtig. Er muss jeden akzeptieren, und er muss akzeptieren, dass nicht alle gleich sind. Er braucht die Fähigkeit, sich auf andere einzustellen. Bevor ich beispielsweise über jemanden meckere, überlege ich erst mal, hat er heute einen schlechten Tag, gibt’s Ärger auf Arbeit oder zu Hause … Es gibt so viele mögliche Gründe. Deshalb: erst mal einen Tag abwarten. Und meistens erledigt sich das alles von selber. Alter Indianerspruch: Bevor du über einen herziehst, zieh einen Tag seine Mokassins an und dann läuft’s viel einfacher.

Was habt ihr für den Landtagswahlkampf im Winter vor?

Beim letzten Mal hatten wir, auch im Winter, viel mit Ständen gearbeitet. Wir mussten feststellen, das bringt nichts: Uns wurde am Stand sehr schnell kalt, und die Leute blieben auch nicht stehen. So bekommst du keine Stimmen. Dieses Mal werden wir die Aktivitäten effizienter gestalten. Wir wollen mit einem Thema auftreten – jetzt, Ende Juli, zum Mindestlohn und im September zum Fiskalpakt und den Auswirkungen. Wir planen ganz viele Verteilaktionen in den Innenstädten, um mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Auf diese Weise erreichen wir mehr Menschen als durch die Stände im Wahlkampf, wo jede Partei so was macht und die Wähler beinahe Spießruten laufen müssen. Das wollen die meisten nicht.

Außerdem werden wir, vor allem in den Städten, Klingelaktionen durchführen, wir werden in die Wohnblocks gehen und klingeln. Ich bin ja auch Direktkandidat und auf Platz 12 der Landesliste. Was gibt’s da Schöneres, als an der Haustür zu klingeln und sich vorzustellen? Und immer lächeln!

Könnt ihr von außerhalb Hilfe gebrauchen?

Garantiert, und zwar bei der Verteilaktion. Beim vorigen Mal hatten wir Helfer aus Nordrhein-Westfalen. Wir freuen uns, wenn es wieder klappt.

Interview: Florian Müller