Disput

Du sollst nicht aushalten

Ein Essay von Spyros Papadopoulos

Vor wenigen Monaten schrieb Nikos Xydakis in der Tageszeitung Kathimerini: »Sofern man öffentlich schreibt, hat man umgehend die Krise zu erzählen: wie sie vorrückt und allmählich als fester Bestandteil des Lebens Gestalt annimmt, wie sie die politische Agenda verändert, wie sie Konzeptualisierungen verändert, wie sie Gewissheiten ins Schwanken bringt, wie sie leidenschaftliche oder verzweifelte Diskussionen anfeuert, selbst wie sie Freundeskreise und menschliche Gruppen teilt.«

Drei Monate später wandelt sich die Frage, wie wir über die Krise schreiben sollen; in ihrer Veränderung berührt sie nun den Kern des berühmten Alltags. Wie erleben wir die Krise?

Linke, weiter links Stehende und ungebundene Sympathisanten stehen vor den schwindelerregendsten Abgründen. Die Nummern sind gnadenlos. Die Anzahl der Arbeitslosen, der Armen, der Obdachlosen. Nachrichten über Entlassene, über Eltern, die ihre Kinder in Heimen und Krankenhäusern lassen, weil sie nicht mehr für sie sorgen können, über Selbstmorde. Die Realität ist noch gnadenloser. Man tut sich schwer, im Athener Zentrum spazieren zu gehen. Nicht weil man Angst hat, nicht weil man vielleicht gefährdet ist, sondern weil jeder Spaziergang unerträglich wird. Bei der Universität zwischen die Treppenstufen ausgeschüttete Menschen. Mit Gummibändern fest umwickelte Oberarme(1). Beine, die der Gnade irgendeiner alten Wunde überlassen wurden. Obdachlose, die auf engen Bürgersteigen herumliegen, im Halbschlaf oder halb ohnmächtig, mit der Hand ausgestreckt. Kinder, die auf der Akadimias-Straße schlafen. Und außer den offenkundigen Dramen: An den Tischen zählen wir uns durch, um zu sehen, wie viele von uns nach Arbeit suchen. Dann um zu sehen, wie viele unversichert sind. Und zuletzt, um zu sehen, wie vielen es gut geht.

Ich zögere davor, Michalis Katsaros zu lesen. In Wahrheit »bleibe ich in völliger Verwirrung schuldig«. Ohrfeigen, die mit Wucht Tausender von Kilometern auf unsere Gesichter klatschen. Wie viele Fünfzig-Cent-Münzen kann man abgeben? An wie vielen Bürgerbewegungen kann man teilnehmen? Wie viele Kleidungsstücke kann man aus dem Schrank nehmen? Wie viele Analysen kann man lesen? An wie vielen Streiks kann man sich beteiligen?

Nichts scheint genug zu sein, vor all dem, das wir geschehen sehen, auch wenn das Wenige, das jeder geben kann, »viel« ist vor dem Nichts, das derjenige hat, der es erhält. Und dennoch bringt nichts eine Linderung, wenn man ganz gut weiß, wenn man die soziale Verelendung mit allen Sinnen wahrnimmt.

Von dir werden Taten, Beweise, Arbeit gefordert und das Einzige, das du geben kannst, sind verwandelte Tränen. (E. Cioran)

So gibst du Tränen ab, verwandelt in Solidarität, Wohltaten, Menschlichkeit, Liebe, Pflicht, Gewohnheit oder Ideologie. All das zusammen und getrennt. Wir stehen verwundert da, mit der Stimme kurz davor, zu explodieren. Wir kritisieren die Erklärungen eines Ministers, prangern eine weitere Kürzung an, organisieren uns gegen eine vollkommen ungerechte Sonderabgabe, zeigen institutionelle Ausschwenkungen auf. Uns fehlt eine wahre Bremse, irgendetwas, das den Fall zum Halt bringt.

Ein Teil des breiteren linken Spektrums bestand darauf, zu schreien, es gebe kein Ende der Geschichte, wir hätten nicht das Ende der Suchen erreicht, und es ist richtig so. Nur dass im Endeffekt diejenigen, die das Märchen mehr als alle anderen internalisiert(2) hatten, wir selbst sind. Unsere Reaktionen sind vor der herrschenden Härte und dem gut formulierten Zynismus der Amtssprache unverhältnismäßig moderat.

Wir wissen sehr gut, wie, eine nach der anderen, die »Sonder«-Maßnahmen im Hier und Jetzt in Armut, Verelendung und Isolation für einen großen Teil der Bevölkerung gemessen werden. Wir wissen sehr gut, dass Polizeigewalt und staatliche Willkür keine vereinzelten Vorfälle oder Ausschweifungen vereinzelter Beamter, sondern eine permanente Praxis sind. Wir wissen sehr gut, wie Migranten, »Abweichende« und Randgestalten jeglicher Art systematisch auf die gröbste Art behandelt werden. Wir wissen sehr gut, wir sehen ganz klar den langsamen aber stetigen Kurs in den Autoritarismus und die verfeinerte Ausschwenkung des Systems. Und dennoch bestehen wir darauf, uns auf abstrakte Begriffe zu berufen, in guten Manieren zu ersticken, zu glauben, dass dieser Abwärtsgang mit irgendeinem Urnengang (samt maßgeschneidertem Wahlgesetz und entsprechenden Medien) zu stoppen ist. Wir bestehen darauf, uns auf eine Konvention zu berufen, welche die andere Seite demonstrativ hinter sich gelassen hat. Wenn der technokratische, nicht gewählte Prämierminister öffentlich betont, dass es keine roten Linien gibt, nehmen wir eine Abwartehaltung ein und testen unser Aushaltevermögen. In diesem Moment wurde in vielen Orten Europas Demokratie auf eine höchst verfeinerte Art und Weise auf ihren äußeren Anschein reduziert, und wir zögern davor, den Ausnahmezustand als solchen zu benennen und, vielmehr, die Gegenwart auf dieser Grundlage zu interpretieren.

Die Zeiten sind nun solche, dass die Lieblingsdichterin des Neffen des ehemaligen Nationsvaters, des heutigen Premierministers außer Dienst (3), so falsch erscheint: Wichtig ist auszuhalten, nicht zu verstehen. Und dennoch brauchen wir kein weiteres Aushaltevermögen. Wir brauchen keinen weiteren Überlebensinstinkt, keine weitere Ausdauer. Wir sind unser Aushaltevermögen satt. Es geht nicht weiter, es ist die Zeit des Stencils(4), das überall an den Gebäuden der Panepistimiou-Straße zu finden ist: »Kämpft, leistet Widerstand, jammert nicht rum«.

Und trotzdem kommen die Menschen, die Geschichte und nicht irgendein fantastisches Ende der Geschichte erleben, allen Führungen, allen Analysen, allen institutionellen Strukturen zuvor. Sie organisieren sich, sie kämpfen, sie paralysieren, sie zeigen allen Stolz, der ihnen geblieben ist, sie verzweifeln und atmen. Wie Gilles Deleuze sagen würde, »wenn dies die Realität ist, in der wir leben, dann muss eine Politik, die ein elementarer Akt von Freiheit sein will, sich auf diesem Boden mit ihr messen«.

Gegen die Sicherheit des Aufprallens, gegen die Rettung der Nation und die Zerstörung der Menschen bleibt nur das Treffen mit all diesen Menschen, die nicht müde wurden zu bestehen. Man sollte zum Syntagma-Platz mit Rena Chatzidakis Worten in den Händen gehen:

»Ich schicke meine Träume, um sie aus ihrem anständigen Schlaf wachzurütteln.«

Spyros Papadopoulos ist Autor und lebt in Athen.

Anmerkungen

(1) gemeint ist der öffentliche Konsum von Heroin

(2) sich unbewusst zu eigen machen

(3) Der Nationsvater ist der ehemalige Premier und Staatspräsindet Konstantinos Karamanlis, sein Neffe ist Kostas Karamanlis (Premier von 2004 bis 2009) und dessen Lieblingsdichterin ist Kiki Dimoula.

(4) Schablone