Disput

»Die Fahne weg, die Fahne weg!«

Vom Scheitern einer Uraufführung - Hans Werner Henze und die 68er

Von Stefan Amzoll

1.

Wohl kaum eine Ansammlung von Zufällen verhinderte die für Dezember 1968 angekündigte Uraufführung (UA) des Oratoriums »Das Floß der Medusa« von Hans Werner Henze auf einen dramatischen Bericht, den Ernst Schnabel zu einem Libretto geformt hat. Vielmehr war das Werk Dorn im Fleisch derer, denen die ganze Richtung nicht passte. Beide Autoren widmeten ihre »Medusa« dem Revolutionsführer Ernesto Che Guevara, der im Jahr zuvor in Bolivien ermordet worden war. Die Verhinderung war eindeutig ein politischer Fall und schien offensichtlich gelenkt.

Henze vollendet das Werk im heißen Sommer der Studentenrevolte 1968. Die Nachrichten darüber prasseln nur so über ihn herein. Die vermeintlich revolutionäre Situation markiert deutlich die Kontur der Partitur. Jugend rebelliert vielerorts, sie stellt politische Forderungen, schreitet zur Aktion, die Welt zu ändern. Henze unterhält Beziehungen zu Protagonisten der 68er Bewegung, zu Grete und Rudi Dutschke, zu den Dichtern Hans Magnus Enzensberger und Gaston Salvatore, dem Chilenen. Henze über sein Werk:

»Das Oratorium berichtet vom dramatischen Todes- und Überlebenskampf von Menschen aus der Dritten Welt, die auf einem Floß an der westafrikanischen Küste von Vertretern einer herz- und gedankenlosen Herrschaftskaste ihrem Schicksal überlassen worden waren. ›Le Radeau de la Meduse‹, das große im Louvre zu bewundernde Gemälde von Théodore Géricault, hatte ich deutlich vor Augen, als ich anfing, mir Gedanken über die Musik zu machen. Die Menschenpyramide auf dem Gemälde, an deren Spitze unser Held, der Mulatte Jean-Charles, erkennbar ist, wie er den roten Fetzen einem in großer Entfernung daher segelnden Boot zuschwenkt, das poetisch die Hoffnung bedeutet und in der Tat vielleicht sogar die Rettung. Der Chorsatz, an den Bachschen Passionsmusiken geschult, geht von der reinen Deklamation bis zur Arie und von der reinen Arie bis in naturalistische Stimmengeräusche, in Wimmern und Schreien. Unsere Protagonisten sind Kinder der sogenannten Dritten Welt. Schnabel und ich fühlten uns mit diesen Menschen und ihrem Kampf innerlich solidarisch verbunden.«

2.

Fanalartige Rhythmik, unregelmäßiges Stampfen, als stolpere ein Hammer schräg über den Äquator, und die Aussage des Werkes laden geradezu zur Aktion ein. Am Schluss ruft Charon (Sprecher): »Die Überlebenden aber kehrten in die Welt zurück: belehrt von Wirklichkeit, fiebernd, sie umzustürzen.«

Ernst Schnabel hat wenig später ein Büchlein über jenen Akt der Verhinderung von Kunst geschrieben. Und die Zeitungen waren ohnehin voll davon. - Der Fall ist nicht vergessen. Die geplante Uraufführung zu Fall gebracht zu haben, hätte einen der größten Kunstskandale der Nachkriegszeit ausgelöst. So ist heute noch zu lesen, wenn der Komponist einen runden Geburtstag hat. - Der Chor des Berliner Senders RIAS weigerte sich, unter einer von rebellischen Studenten angebrachten roten Fahne zu singen. Es kam zu Tumulten im Publikum und die Polizei schritt ein. Henze, der das Orchester dirigieren sollte, verließ entsetzt die Messehalle im Park Planten un Blomen.

Die Uraufführung des »Floßes der Medusa« fand 1971 in Wien statt. Eine weitere, an sich noch für 1969 geplante Aufführung erfolgte im Januar 1974 in Leipzig mit Solisten, dem dortigen Rundfunkchor und dem Rundfunk-Sinfonieorchester unter Herbert Kegel, die beste, weil genaueste und farbigste Wiedergabe, die es von dem Werk gibt. Sie erregte im Westen wiederum Anstoß, sie galt schon als Propagandaakt der DDR, als noch gar nicht feststand, ob und wann sie in Leipzig kommen könnte.

3.

Ingeborg Bachmann:
»Kommt her, ihr Böhmen alle, Seefahrer, Hafenhuren und Schiffe
unverankert. Wollt ihr nicht böhmisch sein, Illyrer, Veroneser,
und Venezianer alle. Spielt die Komödien, die lachen machen.
Und die zum Weinen sind. Und irrt euch hundertmal,
wie ich mich irrte und Proben nie bestand,
doch hab ich sie bestanden, ein um das andre Mal.«

Die Freiheit funkelt, ob sie auch am Boden liegt. Keine Macht der Welt kann ihren Drang aufhalten. Sie durchbricht mächtige Wände und versetzt Berge, wie die Menschen es nur von der Liebe annehmen.

»Zugrund - das heißt zum Meer, dort find ich Böhmen wieder.
Zugrund gericht, wach ich ruhig auf.
Von Grund auf weiß ich jetzt, und ich bin unverloren.«

Unendlich dieses Motiv in der Freiheitsliteratur. Ingeborg Bachmann, Freundin und Verbündete Hans Werner Henzes, nimmt es in ihr Gedicht »Böhmen liegt am Meer« von 1964 und führt damit unmittelbar in Henzes »Floß der Medusa«. - Der Komponist weiß um die Schreibkrisen der Dichterin. Am 2. August 1968, also wenige Wochen vor der geplatzten Uraufführung, schreibt er ihr:

»Es wäre sehr wichtig, dass jetzt eine Arbeit von Dir herauskäme, die allen hilft, wie Böhmen am Meer, die Mut und Klarheit und Solidarität gibt, wenn Du sie hast. Ich glaube, dass die Zeiten des Zauderns vorbei sind. Der Künstler ist nicht schlauer als die Welt - und der Künstler ist nichts, wenn er nicht den anderen hilft, die noch unterdrückter sind als er. Wenigstens hat der Künstler eine Stimme, was die anderen nicht haben, auch nicht die Theoretiker.«

4.

Woher rührt Hans Werner Henzes Engagement? - Die Vorbehalte wider die deutschen Zustände liegen tief. Sein Vater war engagierter Sozialdemokrat und wurde fanatischer Nazi, was Henze erst richtig begriff, als er mit ansah, wie sich da in seinem Heimatland manches restaurierte, was er doch schon von damals her kannte. Henze in seiner Autobiografie: »Überall war das Alte noch nicht alt genug, während das Neue in eine Zukunft wies, von der man sich nicht viel versprechen mochte. Die schönen freien Jahre nach dem Kriegsende waren vorüber, man wurde verantwortlich gemacht, sollte gedungen werden, innere und äußere Verhältnisse des öffentlichen Lebens begannen sich zu restaurieren, man bekam es schon mit der Angst.«

Nazis liefen im zwangsdemokratisierten Weststaat ungestraft frei herum. NS-Schwerstverbrecher wurden vorzeitig aus den Knästen entlassen. »Gesichter erzeugen Angst; das schlechte Gewissen, rüdes, protziges Ableugnen der Schuld, Mitläufer, hinterm Bierglas eingestuft.«

Der Komponist spürt, wie wenig das Bewusstsein seiner sexuellen Differenz, seine Homosexualität, die ihn zum potenziellen Opfer der SS-Vernichtungspolitik machte, unter diesen restaurativen Verhältnissen eine Tolerierungschance hat. Eine Erfahrung, die ihn außerordentlich empfindlich macht, die ihn beunruhigt, die ihm Schmerzen bereitet. Der 18-jährige Henze wird noch 1944 zum Arbeits- und Kriegsdienst eingezogen. Nach dem Kriegsende arbeitet er als Korrepetitor am Stadttheater Bielefeld und setzt seine Musikstudien bei Wolfgang Fortner am Kirchenmusikalischen Institut in Heidelberg fort. 1947 beginnt er sich mit der Zwölftontechnik auseinanderzusetzen, ein zäher, nie abgeschlossener Prozess der Aneignung. Übervorsichtig meidet er es, die strengen Bahnen des kompositorischen Serialismus zu betreten, und wird dafür in den Kreisen um Pierre Boulez und Karlheinz Stockhausen sträflich gescholten.

5.

1953 verlässt Hans Werner Henze Deutschland und übersiedelt nach Italien.

»Im Frühjahr die Überquerung der Alpen, am ersten Abend Venedig.« Zwei Koffer enthalten die gesamte Habe, es sind Bücher und Partituren. Stundenlanges Stillsitzen auf den fremden weiten Plätzen. Gänge im Labyrinth menschenleerer Calli. Alles Gewesene soll nun vergessen sein, alles wird anders werden, die Sonne hebt alles auf. Durchquerung der Toscana, eines weiten und gewaltigen Behälters für Grazie und Ebenmaß. »Italien ist das Land Antonio Gramcis, das Land der intellektuellen Offenheit, das Land des gesunden Menschenverstands und der kulturellen Weisheit.«

Henze findet Ruhe zum Arbeiten, und er bleibt bis auf Weiteres unruhig, robust, freigiebig. Es entstehen in regelmäßiger Folge Kompositionen. Er reist, getrieben von Aufführungen und Einladungen, in Städte und Länder der Welt. Und er besucht immer wieder auch den deutschen Betrieb, um Werke zu zeigen. Von Italien aus entbietet er den Jugendprotesten in den USA, Frankreich, der Bundesrepublik große Sympathie und schaltet sich als Künstler mit ein. Henze in seiner Selbstbiografie: »Auch in der deutschen Kolonie zu Rom lösten die Nachrichten von der großen Berliner Massendemonstration gegen den Schah von Persien am 2. Juni 1967 heiße Diskussionen aus. Es entfachte sich etwas, etwas Neues, etwas für deutsche Verhältnisse noch nie Dagewesenes. Es entstand ein Gefühl: Hier beginnt das Ende von etwas.«

Die Ermordung des Studenten Benno Ohnesorg in den Kellergaragen unter der Deutschen Oper, als oben die Sellner‘sche Inszenierung der »Zauberflöte« ablief: ein Werk der humanistischen Aufklärung, das von der Menschwerdung zweier Liebender handelt und von Vergebung, Güte und Toleranz. Diese Tat erregte große Empörung und Beunruhigung weit über die Grenzen Berlins und Deutschlands hinaus. Ein Klimawechsel hatte begonnen.

Bei seinem nächsten Besuch in Berlin im Herbst 1967 - Henze war schon mitten in der Arbeit an der »Medusa« - wurde er geradezu darauf gestoßen. Grenzen waren geschlossen worden, Konsequenzen gezogen, Fronten abgesteckt.

Nach dem Attentat auf Rudi Dutschke beherbergte Henze den Angeschlagenen monatelang in seinem toskanischen Heimatdorf Marino, damit er genas: »Zwei Tage vor der UA veröffentlichten zwei Hamburger Journalisten eine Art chinesisches Denunziationsplakat gegen meine Person, meine Musik und besonders gegen die künstlerischen Inhalte der Partitur meiner kurz vor der Uraufführung stehenden ›Medusa‹, die sie gar nicht kannten.«

6.

9. Dezember 1968. Auf dieses Datum ist die Hamburger Premiere des Oratoriums »Das Floß der Medusa« von Hans Werner Henze gelegt worden. Die Proben liefen auf Hochtouren. Die Generalprobe, sie wurde wie üblich mitgeschnitten, trotzdem ein Glück, denn so gibt es wenigstens ein Zeitdokument, wurde normal absolviert. Am Abend danach dann der Eklat. Es finden sich sehr unterschiedliche, meist tendenziöse Beschreibungen, Darstellungen aus unterschiedlichen Perspektiven. Hans Werner Henze in seiner Selbstbiografie:

»Die Damen und Herren des RIAS-Chores sagen, sie liebten mich zwar, aber unter der roten Fahne zu singen, das könnten sie nicht, während draußen bereits der Sturmangriff der Bereitschaftspolizei beginnt, die plötzlich ganz einfach deswegen da ist, weil sie von Anfang an in einem Nebenraum einsatzbereit mit Knüppel und Schild und Plastikfolie stationiert worden ist. Aber warum ist die Polente denn eigentlich in Aktion getreten?«

Schlechthin Skandal ist, dass in einem Konzertsaal, der für Musik vorgesehen ist, nicht für die Umzingelung und Festnahme von Dieben und sonstigen Kriminellen, ein Polizeitrupp anwesend ist. Das war nicht mal 1930, bei der Aufführung der revolutionären »Maßnahme« von Brecht/Eisler, der Fall. Obwohl die damalige Situation prekärer war als die 1968/69.

Hans Werner Henze über einen besonders finsteren Aspekt der Nachwäsche: »Morgens hatte der NDR-Programmdirektor Reinholz in Hamburg eine Pressekonferenz gegeben, zu der man, nebenbei bemerkt, mich nicht geladen hatte, das ›Medusa‹-Band der Generalprobe vorgeführt und den Journalisten mitgeteilt: Für die nächsten zehn Jahre ist Henze für das deutsche Musikleben erledigt.«

Henze hatte daraufhin selber eine Pressekonferenz einberufen, um den Leuten den Sachverhalt aus seiner Perspektive zu beschreiben. Aber mit Journalisten wollte er nichts mehr zu tun haben.

Übrigens hat der NDR anfangs tatsächlich versucht, den Komponisten für den in Planten un Blomen entstandenen Schaden verantwortlich zu machen, hatte aber dann bald eingesehen, dass es ein sinnloses Unterfangen gewesen wäre. Henze: »Lächerlich und schändlich das Ganze, überflüssig, ungeschickt und schäbig, fand ich damals und finde ich heute noch. Der erwartete und gefürchtete BRUCH hatte massiv, geräuschvoll und mit teutonischer Wucht seinen Anfang genommen.«

Hans Werner Henze, geboren am 1. Juli 1926 in Gütersloh, starb am 27. Oktober 2012 in Dresden. Er gehörte zu den bedeutendsten deutschen Komponisten des 20. Jahrhunderts.