Disput

Das Mädchen mit dem Tagebuch

Wer hat Angst vor ihr? Die Geschichte der pakistanischen Kinderrechtsaktivistin Malala Yousafzai

Von Julia Wiedemann

»Ich hatte gestern einen schrecklichen Traum mit Militärhubschraubern und den Taliban. Ich habe solche Träume seit Beginn der Militäroperation in Swat. Meine Mutter machte mir Frühstück und ich ging los zur Schule. Ich hatte Angst davor, zur Schule zu gehen, denn die Taliban hatten eine Verordnung erlassen, allen Mädchen den Schulunterricht zu verbieten. Nur 11 Schüler von 27 waren noch in der Klasse anwesend.«

Diese Zeilen schreibt die damals 12-jährige Malala Yousafzai am 3. Januar 2009 in ihrem »Tagebuch eines pakistanischen Schulmädchens«, das von der BBC in einem Blog veröffentlicht wurde. In dieser Zeit hatten die Taliban die Kontrolle über das Swat-Tal in Pakistan übernommen und bereits über 400 Schulen für Mädchen zerstört.

Der Konflikt zwischen der Armee und bewaffneten Taliban im Nordwesten Pakistans entstand in der Folge des Afghanistan-Krieges 2001. Aus Afghanistan geflohene Taliban etablierten sich in der Region. Seit 2004 kam es immer wieder zu größeren Zusammenstößen mit der pakistanischen Armee. Die Taliban verübten vermehrt Terroranschläge. Der amerikanische Geheimdienst CIA führt seit 2004 einen verdeckten Drohnenkrieg gegen die Taliban in Pakistan. Aus dieser Konfliktregion stammt das Mädchen, das zu einem weltweiten Symbol geworden ist.

In ihrem Tagebuch beschreibt Malala Yousafzai die Angst, die sie, ihre Familie und Freundinnen erleben, sie schreibt vom Geschützfeuer, das bei in der Nähe stattfindenden Kämpfen zwischen Armee und Taliban zu hören ist, und dass sie nach einigen Wochen die Schule wieder besuchen dard, dazu aber eine Burka tragen muss.

Im Mai 2009 flieht die Familie Yousafzai aus ihrer Heimatstadt. Nachdem die pakistanische Armee die Taliban aus den Städten in Swat verdrängt hat, kann Malala mit ihrer Familie zurückkehren. Gemeinsam mit ihrem Vater engagiert sie sich politisch und tritt für das Recht auf Bildung ein. Es folgen eine Dokumentation, Interviews und Presseartikel. 2011 wird sie für ihr Engagement für den Internationalen Kinder-Friedenspreis nominiert und erhält den Nationalen Jugend-Friedenspreis in Pakistan.

Mit der gestiegenen Bekanntheit nehmen auch die Drohungen gegen Malala zu - ob auf Facebook, in Tageszeitungen oder auf Zetteln, die unter der Tür durchgeschoben werden. Malala lässt sich von all diesen Drohungen nicht einschüchtern und setzt unbeirrt ihre Kampagne fort.

Am 9. Oktober 2012 schießt ein Taliban der heute 15-Jährigen in den Kopf, als sie auf dem Heimweg von der Schule war. Sie ist mit zwei anderen Mädchen gerade aus dem Bus ausgestiegen und wird von einem Mann angesprochen, ob sie Malala sei. Als sie bejaht, eröffnet der Angreifer das Feuer. Die Kugel trifft sie am Kopf, geht geradewegs hindurch und trifft dann in ihre Schulter. Auch ihre beiden Begleiterinnen werden verletzt. Wie durch ein Wunder überlebt Malala die schweren Verletzungen. Nach einer Operation in Peschewar und einer weiteren in einer Spezialklinik in Großbritannien kann sie am 19. Oktober erstmals das Krankenbett wieder verlassen und sich schriftlich mit den Ärzten verständigen.

Das Attentat löst eine weltweite Welle der Solidarität mit Malala aus. Zehntausende Menschen in aller Welt haben bereits eine Petition unterzeichnet, in der sie fordern, dass Malala den Friedensnobelpreis verliehen bekommen soll. Generalsekretär Ban Ki Moon erklärte den 10. November zum Malala-Tag, der für das Ziel stehen soll, allen Kindern weltweit Zugang zu Bildung zu verschaffen. Laut Unicef, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, sind zwei Drittel der weltweit rund 776 Millionen Analphabeten über 15 Jahre weiblich. Nicht nur Krieg oder religiöser Extremismus hält Mädchen von der Schule fern, auch die Versorgung jüngerer Geschwister oder die Unterstützung der Familie beim Lebensunterhalt.

In zahlreichen Kundgebungen und Veranstaltungen wurde in Pakistan der Malala-Tag begangen.

Eine Karikatur, wenige Tage nach dem Attentat veröffentlicht, verdeutlicht den Irrsinn hinter dem Attentat: Ein kleines Mädchen mit einem Schild in der Hand, auf dem in Englisch Bildung zu lesen ist, steht vor einer Meute bis an die Zähne bewaffneter bärtiger Männer, die mit schreckgeweiteten Augen dem Mädchen zubrüllen: »Terrorist«.

Wenn es das Ziel der Taliban war, Aktivistinnen wie Malala einzuschüchtern, so haben sie dieses Ziel mit ihrem Attentat völlig verfehlt.