Disput

Agropoly

Wenige Konzerne beherrschen die weltweite Lebensmittelproduktion

Von François Meienberg, Erklärung von Bern

Die Weltbevölkerung und ihr Nahrungsmittelkonsum wachsen – wächst damit auch die Anzahl der im Nahrungsmittelbereich tätigen Firmen? Das Gegenteil ist der Fall: Konzerne kaufen kleinere Firmen und steigern so Marktanteile und Macht. Firmen können damit die Preise, Geschäftsbedingungen und zunehmend auch die politischen Rahmenbedingungen diktieren. Vieles, was wir im Norden verbrauchen, wird billig im globalen Süden produziert. Die Gewinne erzielen wenige überwiegend im Norden beheimatete Unternehmen. Die großen Verlierer sind die Plantagenarbeiter und Kleinbauern im Süden als schwächste Glieder der »Wertschöpfungskette«. In keiner anderen Bevölkerungsgruppe ist Hunger so verbreitet. Die Ökosysteme werden mehr und mehr zerstört.

Hohe Konzentration in wenigen Jahren: 1996 hielten die zehn größten Unternehmen der Saatgutindustrie einen Marktanteil von unter 30 Prozent. Heute kontrollieren die drei größten Unternehmen über 50 Prozent des Marktes. Das Saatgut wurde in vielen Fällen teurer. Die drei Marktführer beim Saatgut sind allesamt auch führende Pestizidverkäufer.

Die Mächtigen beherrschen die Kette: Bauern werden von den Konzernen unter Druck gesetzt: einerseits durch niedrige Abnahmepreise bei Soja, Weizen und Mais, andererseits durch hohe Preise für Saatgut, Pestizide, Energie, Dünge­ und Futtermittel. Die Rekord­Nahrungsmittelpreise 2008 führten daher bei Konzernen zu höheren Gewinnen und nicht bei Bauern, die die Risiken sowie negative Preisschwankungen tragen müssen.

Wer verdient? Zum Beispiel: Vietnamesische Aquakulturfarmer produzieren Pangasius­Fisch, der in Europa etwa zehn US-Dollar pro Kilo kostet. Der Farmer erhält davon einen US-Dollar. Nach Abzug der Produktionskosten beträgt der Verdienst zehn Cent je Kilo. Dabei tragen die Farmer die Risiken in der Aquakultur, wie Fischkrankheiten und Wetterprobleme; viele sind verschuldet.

Die Kette im Griff: Zusätzlich zur horizontalen Konzentration, bei der ein Unternehmen große Marktanteile beherrscht, breitet sich bei der vertikalen Integration ein Unternehmen in die vor- und nachgelagerten Bereiche aus. Dabei geht es weniger um eine Verteilung der Geschäftsrisiken über mehrere Branchen, sondern vor allem um die Kontrolle der Wertschöpfungskette und den Zugriff auf billige Rohstoffe.

Wertschöpfungskette statt Nährstoff- und Energiekreislauf: Was früher im Sinne einer Kreislaufwirtschaft auf dem Hof produziert wurde – Saatgut, Jungtiere, Futtermittel, Dünger –, ist heute eine industrialisierte und globalisierte »Wertschöpfungskette« für Nahrungsmittel und Agrotreibstoffe mit negativen Folgen für Böden, Wasser, Klima, Tierschutz und Gesundheit.

Lobby statt Wettbewerb: Der Einfluss der Nahrungsmittelkonzerne auf Politik und Öffentlichkeit wächst. Tausende von Lobbyisten setzen sich für Konzerninteressen ein. Oft werden Konzernvertreter in staatlichen Einrichtungen platziert. Mit Erfolg: Bei Nahrungsmittelstandards, Zulassungen von Pestiziden oder Gentechsaatgut, Handelsabkommen oder der Agenda der öffentlichen Forschung können sie ihre Interessen oft durchsetzen.

Der Welthandel dominiert die Preise: 85 Prozent aller Nahrungsmittel werden lokal konsumiert. Auf die Preise hat der globale Handel dennoch massiven Einfluss. Im Börsenhandel wird mit einem Mehrfachen der realen Menge spekuliert. Mais und Soja rangieren gleich nach dem Rohöl.

Dieser Beitrag ist eine Zusammenfassung der Dokumentation »Agropoly – Wenige Konzerne beherrschen die weltweite Lebensmittelproduktion«. Die Dokumentation (18 Seiten, A4) berichtet über den Konzentrationsprozess in der Nahrungsmittelbranche und zeigt, dass die Industrialisierung und Konzentration in diesem Sektor in eine Sackgasse führt. Nachhaltige Landwirtschaft basiert auf Kleinbauern und regionaler Produktion. In Deutschland wurde die Dokumentation von der Erklärung von Bern gemeinsam mit dem Forum Umwelt & Entwicklung herausgegeben. Download auf www.forumue.de

Die Erklärung von Bern (EvB) wurde 1968 gegründet und setzt sich für gerechtere Beziehungen zwischen den Industriestaaten und Entwicklungsländern ein. Zu unseren wichtigsten Anliegen gehören die weltweite Wahrung der Menschenrechte, sozial und ökologisch verantwortungsvolles Handeln von Unternehmen sowie die Förderung fairer Wirtschaftsbeziehungen. Die EvB ist eine unabhängige Schweizer Nichtregierungsorganisation mit knapp 23.000 Mitgliedern. Sie finanziert sich hauptsächlich aus Mitglieder- und Spendenbeiträgen. Weitere Informationen auf www.evb.ch.