Disput

Alt, arm und arbeitslos

Auf großer Bremer Bühne: das richtige Leben. Mit richtigen Arbeitslosen

Von Sabine Bomeier

Was bei den LINKEN schon längst und stets ein Thema ist, schafft es nun auch auf die Bühne. Am Bremer Theater am Goetheplatz hatte das Stück »altarmarbeitslos« unter der Regie von Volker Lösch im Januar dieses Jahres Premiere. Grundlage bildet das Märchen der Gebrüder Grimm von den Bremer Stadtmusikanten.

Ein Esel, ein Hund, eine Katze und ein Hahn waren altersbedingt nicht mehr so recht leistungsfähig und gerieten in Gefahr, von der jeweiligen Herrschaft entsorgt zu werden. Kochtopf, Schlachthof oder schlicht der Rausschmiss aus der Gemeinschaft standen an. So beschlossen die vier im Grunde doch noch recht rüstigen Gesellen, das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen und es in Bremen als Stadtmusikanten zu versuchen. Ihr Denkmal steht noch heute in bronzener Form vor dem alten Rathaus. Und das, obwohl sie Bremen nie erreichten, denn auf dem Weg in die Hansestadt fanden sie eine ihnen sehr genehme Unterkunft, aus der sie, bevor sie selbst dort einziehen konnten, allerdings erst ein paar Räuber, wahrscheinlich elende Kapitalisten, vertreiben mussten. Fortan lebten sie glücklich, zufrieden und selbstbestimmt in jenem Haus und teilten, was sie hatten und erwirtschafteten, miteinander. Musik sollen sie dann und wann auch gemacht haben.

Viel anders als den berühmten Bremer Stadtmusikanten ergeht es zahlreichen älteren Menschen auf dem Arbeitsmarkt ebenfalls nicht, auch wenn diese nur selten zum guten Ende dann doch noch ein Auskommen finden. Zwar sollen wir alle künftig bis 67 Jahre arbeiten, aber dazu bedarf erst einmal eines Arbeitsplatzes bis zu diesem Alter. Statt dessen verlieren immer mehr ältere Arbeitnehmer ihren Job, werden von oft jüngeren, vor allen Dingen billigeren Arbeitskräften ersetzt.

Das brachte Regisseur Volker Lösch auf die Idee, sich der Thematik auf einer Bremer Bühne mittels des in dieser Stadt angesiedelten Märchens anzunehmen. Lösch, 1963 in Worms geborenen und seit 2008 Regisseur und Leitungsmitglied am Staatstheater Stuttgart, arbeitet immer wieder auch an anderen Bühnen, mehrfach bereits in Bremen. Er ist bekannt dafür, betroffene Laien auf die Bühne zu holen und mit diesen in Form von Sprechchören die Sachen auf den Punkt zu bringen. Stets geht es dabei um gesellschaftlich brisante Themen, oft um sogenannte Randgruppen unserer Gesellschaft.

In den örtlichen Medien wurde per Anzeigen nach alten Arbeitslosen gesucht. Kein Problem in Bremen. Laut dem Arbeitsmarktbericht vom Dezember 2011 waren im Land Bremen Ende des vergangenen Jahres 35.477 Personen erwerbslos gemeldet, rund ein Drittel davon sind Dauererwerbslose. Das entspricht einer Arbeitslosenquote von elf Prozent. Anderswo sieht es nicht besser aus. Das machten die Theaterleute dem Publikum in einer Schrift deutlich. Darin heißt es, dass es bundesweit offiziell 2.780.206 Arbeitslose gibt, hinzu kommen 1.020.757 nicht gezählte Arbeitslose, davon sollen 359.190 Menschen älter als 58 Jahre sein. Nicht gezählt wird, wer sich in einer Qualifizierungsmaßnahme befindet, einem Ein-Euro-Job nachgehen muss oder altersbedingt bereits aus der Statistik rausfällt.

Rund 40 junge und alte Erwerbslose konnten zumindest für ein paar Wochen die Tristesse der ALG-I- und -II-Welt mit den Brettern, die die Welt bedeuten, vertauschen. Beim Casting wurde darüber entschieden, wer auf die Bühne darf. Neben Lösch waren dafür Chorleiter Bernd Freytag und Choreograph Miroslaw Zydowicz sowie die Dramaturgin Beate Seidel verantwortlich.

Der Text ist eine gelungene Mischung aus dem Märchen und von den Mitwirkenden selbst verfassten Texten, die oft nahtlos ineinander übergehen, was deutlich macht, wie sehr das grimmsche Märchen die Realität alter Menschen ohne Arbeit widerspiegelt. Das Ganze wird abgerundet durch Heiner Müllers Texte aus Herakles 2/Hydra und Sätze von Karl Marx und anderen in der Schlusssequenz. Die Schauspieler treten in vier Gruppen auf, jeweils eine Gruppe stellt eines der vier Tiere des Märchens dar, verdeutlicht durch eine weiße Maske. Für diese Kostüme zeichnet Sarah Roßberg verantwortlich.

Die Texte machen deutlich, wie ausgegrenzt die Menschen sind, wenn sie keiner formal anerkannten Beschäftigung nachgehen und viel zu wenig Geld haben. »Wo lernt man überhaupt noch Menschen kennen, wo soll ich ‘n Partner kennenlernen?« oder »... wir sind immer trauriger, weil das eigentlich gar keinen Spaß mehr macht« – Solche Sätze machen die Verzweiflung spürbar, in denen Menschen sich befinden, die glauben müssen, nichts mehr wert zu sein. Keine Arbeit zu haben bedeutet, nicht mehr mit den Freunden in die Kneipe gehen zu können, weil drei oder vier Euro für ein Glas Wein viel zu viel sind. Es bedeutet, nichts zu erzählen zu haben, wenn andere berichten, was sie den ganzen Tag über getan haben. Keine Arbeit zu haben bedeutet, kein Recht auf Vergnügen zu haben. »Wozu brauchst du denn neue Schuhe, Mama?«, fragt die Tochter die arbeitslose Mutter.

Die Texte werden im Chor oder von Solisten gesprochen, darunter nur sechs professionelle Schauspieler; die machen in eigenen Szenen deutlich, dass Arbeitslosigkeit auch sie jederzeit treffen kann. Das endgültige Manuskript lag erst vier Tage vor der Premiere vor. Sie haben alle zusammen an den Texten gearbeitet, und es dauerte lange, bis sie zufrieden waren.

Wunderbar parodiert wird immer wieder Ursula von der Leyen. In sinnlose Maßnahmen stopft sie die entmündigten ALG-Empfänger, bis sie selbst oder die Mitarbeiter der Jobcenter zu einem Fall werden, der irgendwie bearbeitet werden muss. Da kommt dann auch dem oft gut situierten Theaterbesucher das Elend ganz nahe, und er begreift, dass Arbeitslosigkeit etwas ist, was es auch in seinem Leben einmal geben könnte.

Was im Märchen das Räuberhaus ist, ist bei Lösch ein Büro mit sehr jungen, sehr hippen Jugendlichen in dunklen Anzügen. Sie haben den Alten den Job weggenommen. An dieser Stelle macht Lösch es sich zu einfach. Es sind nicht die Jungen, die den Alten die Jobs wegnehmen, es ist das System. Man denke nur an all die jugendlichen Erwerbslosen, die ohne Perspektive auf der Straße rumhängen. Der Protest sollte sich also nicht gegen die Jungen richten, sondern gegen die, die es ermöglichen, dass Jung gegen Alt getauscht wird.

Volker Lösch will zwar mit dem Stück nicht gleich zum Widerstand aufrufen, das sei nicht Aufgabe des Theaters, meint er. Aber »Theater stellt die Fragen«, erklärt er weiter und will mit dem Stück zur Auseinandersetzung mit dem Thema anregen. Er stellt fest, dass bis vor Kurzem noch verpönte Worte wie Kommunismus wieder auftauchen, und fügt hinzu, dass der Begriff der Arbeit zu überdenken sei. Eine neue Definition des Begriffs gibt er nicht, und er sagt auch nicht, was er denn mit dem Wort Kommunismus anfängt.

Er betont, dass es ihm viel gäbe, mit Menschen aus den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen zusammenzuarbeiten. Ist das der bourgeoise, vielleicht auch etwas voyeuristische Blick auf eine Gesellschaftsschicht, zu der man zum Glück nicht gehört? Er habe die Montagsdemo besucht, sagt er, und er sei sehr aktiv bei Stuttgart 21 dabei.

Die Schauspieler jedenfalls sind begeistert von ihm. Sowohl die 53-jährige Anke Meyer als auch der 61-jährige Herbert Lessing, beide Mitglieder der LINKEN, erleben Lösch als sehr engagiert und am Thema interessiert. Die Industriekauffrau und der Sozialpädagoge sind seit Jahren ohne sichere Beschäftigung, haben Ein-Euro-Jobs, Fortbildungen und Qualifizierungsmaßnahmen hinter sich. Auf der Bühne fühlen sie sich wohl, sehen aber auch hier keine dauerhafte Perspektive für sich. »Da ich seit Jahren theaterinteressiert bin, hatte ich schon vorher sehr großen Respekt vor der Arbeit von Schauspielern, doch nun weiß ich, wie anstrengend das wirklich ist«, meint Herbert Lessing. Und Anke Meyer fügt hinzu, dass sie zwar sehr viele Erfahrungen bei der Theaterarbeit sammeln konnte, allerdings nie damit gerechnet hätte, dermaßen viel auswendig lernen zu müssen. Was nach der Spielzeit aus den beiden wird, ist jedoch ziemlich klar: Sie werden wohl zurück in die Erwerbslosigkeit gehen.