Disput

Karneval ist keine Parteiveranstaltung

Frank Nieswandt, Kommunalpolitiker und - Karnevalist, beides mit Leidenschaft

Genosse Prinz Frank der 33., viel zu tun in diesen Wochen?
Und wie! Ende Januar, Anfang Februar haben wir Hochsaison beim FKK, dem Friedländer Karneval-Klub: Umzug, Veranstaltungen, Kinderfasching, und am 19. Februar sind wir mit einem eigenen Wagen beim größten ostdeutschen Karnevalsumzug in Cottbus dabei.

Wer verpasst dir dein Prinzengewand?
Ein Kostümverleih, da muss man ein bisschen suchen – ein wirklich gutes Kostüm kaufen ist nicht zu bezahlen.

Mal vollkommen und überhaupt ehrlich: Verkleidest du dich, um dem Verfassungsschutz die Beobachtung ein bisschen zu erschweren?
Das ignoriere ich völlig. Das ist im Karneval kein Thema. Von der ganzen Schlapphut-Nummer halte ich sowieso nichts. Das muss auf einer anderen Ebene richtig deutlich geklärt werden.

Beim Karneval ist Doppelspitze Pflicht, hat sie sich bei euch bewährt?
Natürlich – zumal wir auch im richtigen Leben eine Doppelspitze bilden.
Bei Vereinen, Parteien … bin ich eher skeptisch.

Wer ist die Prinzessin an deiner Seite?
Petra. In Friedland nennen wir uns Prinz Frank der 33. zu Vredeland und Petra die Bezaubernde.
Als Landesprinzenpaar sind wir Frank I. und Petra I.

Landesprinzenpaar? Friedland reicht euch nicht, auch außerhalb macht ihr Karriere …?
Für eine Session sind wir vom KLMV, dem Karnevallandesverband Mecklenburg-Vorpommern, als Repräsentanten gewählt worden. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es immerhin 80 eingetragene Karnevalsvereine mit über 7.000 Mitgliedern, zu ihren Veranstaltungen kommen 100.000 Besucher.
Um die Ernennung zum Landesprinzenpaar haben sich bei einem Ausscheid in Güstrow elf Paare beworben. Alle mussten eine Rede halten, ihren Verein vorstellen und tanzen (Walzer, Disco-Fox). Ich moderiere seit fast 30 Jahren und schreibe viele Reden, insofern hatte ich gute Voraussetzungen. Fürs Tanzen hat mich meine Partnerin rangenommen, da musste ich ordentlich üben.

Welche Verpflichtungen habt ihr im Land?
Wir waren bei der Landtagspräsidentin und am 24. Januar – mit den anderen Landesprinzenpaaren – bei der Bundeskanzlerin. Ich finde es richtig, dass man die Karnevalisten, die von anderen Künstlern und Vereinsleuten nicht immer für voll genommen werden, entsprechend ehrt. Es ist ja eine Massenkunst, selbst wenn das in Mecklenburg-Vorpommern nicht so zutrifft wie in anderen Bundesländern. Und ohne die Einladung ins Bundeskanzleramt hätte ich wohl auch die Einladung von »DISPUT« nicht bekommen.

Einspruch, euer Ehren! Aber das Foto vom Empfang im Kanzleramt zeigt euch schon sehr bezeichnend: du im Prinzenkostüm mit Orden und einer Gans und Angela Merkel mit sehr weit heruntergezogenen Mundwinkeln. Was hast du ihr denn geflüstert?
Das Bild täuscht ein wenig. Ich hatte ihr die goldene Gans aus Keramik mit dem Hinweis überreicht, ihre Anhänger könnten an ihr kleben und so könnte sie vielleicht ihre Koalition zusammenhalten. Und wenn man sie (die Gans) ordentlich behandelt, würde sie goldene Eier legen und das sei auch nicht schlecht in Zeiten des »Rettungsschirms«. Die Kanzlerin fand das ganz nett, ihr Gesicht verzog sich ein bisschen zu einem Lächeln – von diesem Moment erschien ein Foto im »Nordkurier«. Doch gleich danach hatte sie sich umgedreht und wieder ihr normales Gesicht gemacht, und das haben die meisten Zeitungen als Motiv gewählt.

Karneval ist wie Parteitag, hier wie da gibt's lange Reden. Was sind eure Themen?
In der Prinzenrede – das ist in dieser Session unsere Bütt – geht's um aktuelle Geschichten, die in der Stadt interessieren. Zum Beispiel die Auswirkungen der Kreisgebietsreform. Da wir eine schrumpfende Region sind – pro Jahr verlieren wir zwei Prozent der Bevölkerung, irgendwann werden sie uns mal unter Naturschutz stellen –, haben wir viel Leerstand. Deswegen schlug ich vor, der Landrat sollte seinen Sitz in Friedland nehmen und die Räumlichkeiten könnten wir ihm schenken; so hätten alle was davon.
Unser Thema lautet diesmal: »In 80 Minuten mit der MPSB durch die Welt«. Die Mecklenburgisch-Pommersche Schmalspurbahn hatte mal eines der größten Schmalspurbahnnetze in Mitteleuropa, ein kleines Museumsstück ist erhalten geblieben.

Wie bringt man als guter Genosse das Thema richtig rüber?
Das darfst du nicht aus der parteipolitischen Sicht sehen. Das wäre engstirnig, der falsche Ansatz und würde keinem dienen. Wir veranstalten ja keinen politischen Aschermittwoch, wo man vor dem entsprechenden Publikum auf die Pauke haut. Die Leute, die Karneval machen, interessiert das in der Regel überhaupt nicht. Wenn in Friedland meine Name fällt, dann einerseits als langjähriger FKK-Präsident und andererseits als einer von der LINKEN. Das sind Synonyme, das ist so gewachsen. Wie gesagt: Karneval ist keine Parteiveranstaltung.

Seit wann geht's in Friedland karnevalmäßig hoch her?
Unseren Verein gibt's seit 33 Jahren; davor gab's auch schon mal einen.

Unterscheiden sich die Themen damals und heute?
Kaum. Wir machten und machen ja alles ehrenamtlich, um das Programm müssen wir uns selber kümmern. Unsere Gruppen bauen das ganze Jahr über ihre Szenen und studieren Tänze ein, und dann brauchst du eine Klammer für alles. Mit »In 80 Tagen …« kannst du vieles machen, von Spanien bis Afrika oder sonst wo. Auch ein Sketch über den alten Bahnhof in Friedland passt mit rein. Insofern unterscheiden sich die Themen nicht groß. Zu DDR-Zeiten hatten wir mal eine Weltreise und mal eine Europareise mit Zar und Zimmermann, mit Holzschuhtanz, Kosaken und weiß der Teufel. In der Endphase der DDR war es in einigen Ecken wesentlich politischer.

Wie groß ist eure »Gefolgschaft«?
Wir sind gut 25 erwachsene FKK-Mitglieder, darunter eine Handvoll »Verrückte«, die mit ihren Ideen vorneweg rennen. Dazu helfen uns Angehörige und Freunde ein bisschen.
Seit 1994 machen wir einen Umzug durch Friedland, je nach Wetter sind es mal 500, mal 1.000 Zuschauer. Zu unseren Saalveranstaltungen kommen 100 bis 300, darauf können wir stolz sein. Die größte Veranstaltung, die ich moderiert habe, hatte fast 700 Besucher.

Wie steht's um den karnevalistischen Nachwuchs?
Wir haben 30, 35 Kinder. Da musst du dich kümmern, da musst du werben und da brauchst du Trainer für die Kinder. Das allergrößte Problem bei uns im »fernen Osten« ist jedoch: Viele Jugendliche sind nach der Schule wegen der fehlenden Arbeitsplätze weg, die meisten ganz weit weg und kommen höchstens noch mal zu Besuch. Schade.

Was ist zwischen Aschermittwoch und 11.11. in eurer Gegend los?
Na du stellst Fragen! Das normale Leben geht natürlich weiter. Es gibt Feste und Feiern, wir haben unser »Volkshaus«, das schon früher so genannt wurde, über die Zeiten retten können. Das ist nicht nur für uns als FKK ein großer Vorteil. Übrigens hat Friedland den ältesten deutschen Turnverein, 1814 gegründet und sehr genau dokumentiert.
Wirtschaftlich lebte und lebt die Region vor allem von der Landwirtschaft und ihrer Verarbeitung, die MPSB wurde einst von Ackerbaronen ringsum gegründet. Nach der Wende gab's einen großen Niedergang. Der größte Betrieb ist ein Bauunternehmen, die FGW – die Leser im Osten erinnern sich vielleicht: die Friedländer Große Wiese, das große Jugendobjekt Anfang der 60er Jahre. Aber insgesamt ist das kein Vergleich zu dem, was hier mal war.
Friedland verlor seit der Wende deutlich über ein Drittel der Einwohner. Dabei ist das noch nicht einmal das Riesendrama. Viel schlimmer ist die Überalterung. Da macht man sich Sorgen, ob und wie das in Zukunft funktionieren kann. Von den Finanzen will ich gar nicht erst reden.

Was machst du im nichtkarnevalistischen beruflichen Leben?
Ich bin Lehrer.

Und was im ehrenamtlichen Leben?
Seit Ende der 90er Jahre bin ich in der Kommunalpolitik aktiv, seit 2009 leite ich als Amtsvorsteher die Versammlungen der Bürgermeister in unserem Amt. Ich bin Stadtverordneter (Fraktionsvorsitzender) und jetzt auch im Kreistag unseres neuen großen Landkreises. Außerdem arbeite ich seit 2006 in der Bundesschiedskommission der Partei.

Ist die Karnevalsarbeit der Ausgleich zur Tätigkeit in der Schiedskommission – oder umgekehrt?
Da sag ich mal: Einerseits sind das schon Gegenpole, andererseits auch wieder nicht. In der normalen täglichen Arbeit im Karnevalsverein hast du nicht weniger zu tun als in der Fraktion oder in der Schiedskommission. Hier wie da musst du gemeinsam Lösungen finden, Konflikte austragen, Aufträge erteilen …

Die jahrelange Arbeit im Karnevalsverein hilft, abseits von Paragrafen zu erkennen, was hinter der Motivation der Leute steckt – die Auseinandersetzungen über Satzung, Paragrafen, Gesetze sind ja oft nur vorgeschobene Geschichten. Meist sind es Leute, die sich nicht leiden können oder denen die politische Stellung des anderen nicht behagt und die sie deshalb attackieren. In über 90 Prozent der Fälle stecken menschliche Geschichten dahinter. Deshalb bin ich immer dafür, dass beide Seiten vor der Schiedskommission ihre Meinung kundtun. Auf diese Weise kriegt man ein völlig anderes Bild als aus den dicken Akten. Das ist interessant und ähnelt dann auch wieder der Arbeit im Verein, da gibt es Anknüpfungspunkte.

 

Wie lautet eigentlich der FKK-Karnevalsruf?
Vredeland – Helau!

Interview: Stefan Richter