Disput

Die Adressaten

Feuilleton

Von Jens Jansen

»Stell Dir vor, der demokratische Sozialismus bricht aus und keiner weiß, wer das verzapft hat!«

Nun ja, die Antwort fällt leicht: Der »entfesselte Kapitalismus« entfesselt eben auch seine Totengräber – alle Verdammten dieser Erde. Je ungezügelter die Diktatur des Finanzkapitals, umso unabwendbarer die demokratische Alternative. Das entspringt dem uralten Selbsterhaltungstrieb der Menschheit ebenso wie dem modernen Programm der LINKEN.

Was dieses Programm betrifft, so sind das keine »fliegenden Blätter im Wind der Zeit«. Da wurde lange gegrübelt und debattiert, verglichen und gestrichen, beantragt und redigiert. Aber nun steht es. Und was noch wichtiger ist: Die Mitglieder stehen dahinter. Die schriftliche Befragung ergab fast 96 Prozent Zustimmung. Beteiligt waren immerhin 32.728 Köpfe und Herzen.

Nun gibt es aber Zwischenrufe, die sagen: Moment mal, es wurden aber 69.889 Mitglieder angeschrieben. Da hat sich doch die größere Hälfte gar nicht geäußert? Das stimmt nur teilweise und hat vielerlei Ursachen, was aber die vereinbarte Gültigkeit des Votums nicht in Frage stellt. Die Gründe für diese »Enthaltungen« kennt jeder Kreisvorstand: Viele haben in den Basisdebatten alles gesagt, was ihnen am Herzen lag. Manche konnten die Wirkung ihrer Änderungsanträge nachlesen. Dann gibt es – wie in jeder Organisation – »Karteileichen«, die gestrichen sein sollten. Andere haben – wegen Hartz IV – ihren Wohnsitz verlegt und dem Parteibüro nicht mitgeteilt, in welcher Wohngemeinschaft sie jetzt leben. Da reicht im Bayerischen Wald die falsche Postleitzahl und schon kommen die Abstimmungsunterlagen bei einem wackeren Einzelkämpfer nicht an. Tausende Adressaten aus Ostdeutschland haben in den letzten Jahren bei der Jobsuche Asyl im Westen gefunden und sich nicht überall umgemeldet, weil keiner weiß, wie lange das trägt. Und so weiter und so fort. Außerdem ist »Stimmenenthaltung« auch eine Haltung. Mancher, der die Richtung begrüßt, zweifelt am Weg oder an den Lotsen.

Aber derlei lässt sich eben nur ergründen, wenn wir die richtigen Adressen unserer Weggefährten kennen. Deshalb entfuhr der Ko-Vorsitzenden der LINKEN, Gesine Lötzsch, der denkwürdige Seufzer: »Wir können nicht den demokratischen Sozialismus einführen, wenn wir nicht die richtigen Adressen haben!«

Somit lautet eine Schicksalsfrage der LINKEN im Jahr 2012: Wie kommen wir an die echten Adressen unserer echten Mitglieder? Dazu folgende Vorschläge:

1. Da DIE LINKE seit ihrer Geburt bundesweit vom Verfassungsschutz beobachtet wird, sollten wir unsere Adressenkartei mit den Aufpassern abgleichen. Oft genügt ja der Hinweis, wer rote Socken trägt.

2. Da die Schlapphüte auch eine Hundertschaft V-Leute bei den Neonazis installiert haben, könnten auch deren »Killer-Listen« zum Vergleich herangezogen werden.

3. Da auch Linke – wie Marx und Engels betonten – erst essen und trinken müssen, ehe sie eine Weltrevolution veranstalten, wäre eine Nachfrage bei einschlägigen Versandhändlern und Pizza-Diensten ratsam.

4. Da wegen permanenter Kritik an den Bossen die Linken zuletzt geheuert und zuerst gefeuert werden, müssten viele in Zahlungsschwierigkeiten stecken und in der Kartei der Schuldenfahndung zu finden sein.

5. Da die Linken bei ihren Protestaktionen gerne zu Trommeln und Trillerpfeifen greifen oder mit Schalmeien tröten, könnten auch die Lärmschutzbeauftragten der Umweltämter wertvolle Hinweise geben.

Übrigens: Da manche innerparteilichen Kritiker vor allem die herkömmliche Schlachtordnung und Disziplin ablehnen, sollte man auch bei den Piraten nach »Überläufern« aus der Sponti-Fraktion fragen.

In jedem Falle sollte aber in der aktualisierten Adressenkartei die Anschrift von Angela Merkel nicht fehlen, denn deren beachtlicher Anteil an der Ossifizierung des Westens verlangt am Tag der Einführung des demokratischen Sozialismus zumindest ein kurzes Dankschreiben: für die erste Bankenverstaatlichung, für die Handschellen gegen Finanzhaie, für die Abschaffung der Wehrpflicht, für die Einrichtung von Polikliniken und Gemeinschaftsschulen, für den Grünen Pfeil und den vertrauten Benzinpreis, für die Rettung des »Rotkäppchen«-Sekts und der »F-6«-Zigarette, für die Wiederbelebung der Montagsdemos und der Stoffbeutel zum Einkauf. Kleine Schritte sind oft wichtiger als große Programme. Man könnte ihr dafür – nach dem Sieg des demokratischen Sozialismus – die Umschulung des Personals im Kanzleramt als Sekretärin für Agitation anbieten. Ihre entsprechenden Erfahrungen sind unvergessen.