Disput

»Ich bin immer optimistisch geblieben«

Ruth Fritzsche, die gute Seele in Freiberg (Sachsen)

Es ist so etwas wie eine Premiere für mich: Zuerst war da dieses – wie ich finde – besondere Foto und damit dann der Wunsch, mehr über die Abgebildete zu erfahren. Jetzt sitzen wir, an einem stürmisch-nassen Vormittag im Januar, in der Freiberger Geschäftsstelle, du warst bereits heute früh hier nach dem Rechten sehen und anschließend einem 81-Jährigen zum Geburtstag gratulieren. Das gehört, wie ich erfuhr, zu deinem ganz normalen Partei-Alltag. Doch zunächst möchte ich dich nach eben diesem Foto fragen. Wann und wo genau ist es entstanden?

Am 19. Februar 2011 in Dresden, bei den Protesten gegen den Nazi-Aufmarsch. Wir waren mit dem Omnibus hingefahren. In der Nähe vom Bahnhof Mitte mussten wir eine Weile stehen. Ich hatte mir da die Fahne umgelegt und einer, dem das wahrscheinlich imponierte, kam und hat mich fotografiert. Das ging alles blitzschnell.
Später habe ich mich gewundert, dass ich mein Bild im Internet fand und auch im DISPUT. Ich dachte, ach du lieber Gott! Na ja, da freut man sich.

Warst du zum ersten Mal bei der Blockade gegen die Nazis in Dresden?

Ne. 2010 waren wir an der Hansastraße, wo auch unsere (sächsische) Fraktion mit der hessischen Fraktion und der thüringischen Fraktion war. Und 2009 gab's am Schlossplatz eine Kundgebung, bei der am Anfang der Müntefering gesprochen hat und am Ende der Gregor Gysi.
Dieses Jahr wollen wir wieder fahren. Ich kümmere mich um den Omnibus für Freiberg und Umgebung; das heißt: Ich habe schon die Genossen in Brand-Erbisdorf angesprochen, die in Flöha und in Frankenberg.

Hin- und Rückfahrt, manchmal stundenlanges Stehen, mitunter mieses Wetter … Warum tust du dir das an, warum gehst du zu solchen Protesten? Weil die Partei dazu aufruft, weil du als Jugendliche den Krieg erlebt hast, weil du antifaschistisch erzogen worden bist?

Mich bewegt vor allem meine antifaschistische Einstellung. Ich bin gegen die Nazis erzogen worden; meine Eltern waren beide in der Kommunistischen Partei, mein Vater war da sehr aktiv, bis '33 und auch danach.
Ich bin 1945 mit meinem Vater ins Polizeipräsidium Chemnitz gegangen – ich als Schreibkraft –, und viele Genossen kamen aus Waldheim, dem Zuchthaus. Da haben wir die Nazis verhaftet. Der Mutzschmann, der Nazi-Gauleiter von Sachsen, stand vor mir und ich musste ihn fragen, wie er heißt. Das sind solche Episoden ...
Und jetzt, jetzt sind die Nazis wieder da. Es ist für mich unfassbar, wie die sich wieder breit machen konnten. Wie in der Vergangenheit viele im Westen zu den Nazi gestanden haben, wussten wir ja. Es war ja nicht unbekannt, wer Globke war, wer Lübke war, wer Gehlen war; wir wussten, dass ehemalige SS-Leute sich immer wieder treffen und die Gebirgsjäger und, und, und. Aber dass es soweit kommt, dass die uns hier überschwemmen …

Es sind doch nicht nur »Importe« …

Ja. Bestimmt gab es auch in der DDR welche, die Nazis geblieben sind, aber direkt habe ich die nicht kennengelernt.

Du stammst aus Chemnitz. Seit wann lebst du in Freiberg, was hast du beruflich gemacht?

Mit einigen Jahren Unterbrechung bin ich seit 1946 in Freiberg. Ich hatte kaufmännische Angestellte gelernt und arbeitete in der Staatlichen Kontrolle, der späteren Arbeiter- und Bauern-Inspektion. Als ich meinen Abschluss für Ökonomie und Planung im Fernstudium an einer Fachschule gemacht hatte, kam gerade vom Politbüro ein Beschluss »Frauen in leitende Funktionen« und so wurde ich Kaderleiterin im Papiermaschinenwerk Freiberg, war danach in der SED-Kreisleitung und dort viele Jahre Vorsitzende der Frauenkommission.

Wofür warst du verantwortlich?

Es ging um Krippenplätze, um leitende Funktionen für Frauen … – da bin ich dann zu den Parteisekretären gegangen und habe mit ihnen geredet. Das war an und für sich eine schöne Arbeit, eine selbstständige Funktion. Ich war nur dem 2. Sekretär rechenschaftspflichtig, und der hat mich machen lassen.

Gleich von mehreren hörte ich: Ja, die Ruth, die ist die gute Seele in der Geschäftsstelle im Kreisverband, ist jeden Tag dort. Im Internet lese ich, dass du seit vielen, vielen Jahren das Linke-Blatt mit herstellst. Du fährst zu Parteitreffen und Demonstrationen weit weg von Freiberg, hast dich 2007 sogar gegen das G8-Treffen in Heiligendamm gestellt. Warum das alles? Du wirst doch nicht etwa 'ne feuchte Wohnung haben?

Ne, ne. Im Großen und Ganzen ist das meine politische Überzeugung.
Weißt du, als 1989 alle austraten aus der SED, war das nicht einfach. Wenn du da gehört hast, was zusammengetragen worden war ... Damals habe ich mir gedacht: Austritt? Ne, geht nicht. Ich habe immer gesagt. Ich war Sozialist, ich bleibe Sozialist und werde als Sozialist sterben. Das ist meine volle Überzeugung.
Ich kenne das auch von meiner Familie nicht anders. Politik war bei uns immer das A und O. Ich komme aus so einer Familie, väterlicherseits. Bei meinem Urgroßvater übernachtete mal der August Bebel, der hier seinen Wahlkreis hatte. Meine Großmutter war Sozialdemokratin. Sie gingen dann zur Spartakusgruppe von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, und nach der Gründung der KPD ist die ganze Familie in die Partei eingetreten; mit der reformistischen Sozialdemokratie wollten die alle nichts mehr zu tun haben. In der Beziehung war bei uns immer Politik. Selbst in der Nazizeit – zu uns in die Wohnung kamen nur Leute, mit denen man offen reden konnte. »Quatscht draußen bloß nicht rum«, hieß es für meinen Bruder und mich, »sonst kommt Vater ins Kittchen.«
Natürlich haben wir uns, wenn wir ehrlich sind, auch geirrt. Vieles hat man über sich ergehen lassen bei der SED, leider. Ich habe mich dann oft gefragt: Warum haben wir das alles verspielt. Da bin ich traurig und könnt' heulen.

Was waren solche Irrtümer?

Vor allem das Statut und was daraus gemacht wurde. Ich habe mal den 2. Sekretär gefragt: Bei uns im (SED-)Statut steht, du hast das Recht, unabhängig von der Person Kritik zu üben – Und warum können wir dann das Sekretariat der Kreisleitung nicht kritisieren? Da hat er geantwortet: Merke dir: Das Sekretariat ist das Führungsorgan des Kreises und das wird nicht kritisiert, das kritisiert sich selber.
Das war auch eine Antwort. Mit so was haben wir uns selbst geschadet. Ich empfinde das als eine ganz schlimme Sache.

Wenn dir heutzutage jemand sagen würde, den Kreisvorstand kritisiert man nicht …

Wo leben wir denn? Wir sind doch nicht mehr in der SED. Ich meine, ich kritisiere nun nicht um der Kritik willen, aber wenn es was zu sagen gibt, sage ich das auch.

Du hast so eindrücklich deine Grundhaltung erläutert. Trotzdem, oder dennoch, möchte ich dich fragen, inwieweit du dich in den vergangenen – sagen wir gut zwanzig – Jahren verändert hast.

Ich habe von Anfang an gesagt, ich kritisiere an der DDR, was kritikwürdig ist. Zum Beispiel die Defizite in der Demokratie und die politische Einmischung in fachliche Entscheidungen. Um alles Mögliche hat sich die Kreisleitung gekümmert, anstatt dass wir Politik gemacht haben. Unmöglich.
Unsere Partei hat sich grundlegend geändert. Deswegen habe ich mich auch von Anfang an zu ihr hingezogen gefühlt: zuerst zur PDS, jetzt zur LINKEN. Die Atmosphäre war auf einmal eine ganz andere.
Ich bin für Offenheit. Klar, manchmal wird auch bei uns im Land getratscht … Na ja, da sage ich: Mensch, hört auf mit eurem Käse, das interessiert mich überhaupt nicht! Wenn's zum Beispiel um Kandidaturen für den Landtag geht: Da gönnen sie sich gegenseitig die Luft nicht. Ich möchte gar nicht in dem Landtag sitzen, den Streit dort immer anhören …

Ohne dich wäre das Leben der Freiberger LINKEN um einiges ärmer, würde manches unerledigt liegen bleiben. Auch weil's zu wenige gibt, die einen Teil der Aufgaben übernehmen könnten?

Ja, ja, es könnten mehr sein.

Deine junge Mitstreiterin Susann Martin erzählte mir, wie es sie freut, nicht allein deine Geschichten hören zu können, sondern auch, wenn sie dir am Computer etwas erklären kann. Wie bist du denn an den PC geraten?

Ich kann Schreibmaschine schreiben. Also habe ich mir gedacht: Das musst du lernen! Da habe ich mich rein gelebt in das Zeug. Manchmal weiß ich selber nicht, wie wir das geschafft haben. Na, ja, ein Softwareprogramm kann ich nicht entwickeln. Doch wenn ich morgens in die Geschäftsstelle komme, gucke ich als erstes nach den E-Mails. Jetzt machen wir das Mitgliederprogramm.
Und nochmal wegen der »feuchten Wohnung«: Also, ehrlich: Die Wohnung halte ich in Ordnung. Aber wenn ich den ganzen Tag daheim hocken soll und den Mist im Fernsehen anschauen – um Gottes willen!

Gibt's wirklich nichts anderes als die Partei?

Ich bin immer ins Theater gegangen, das war sonntags und das war gut. Aber nun haben sie den Zyklus auf den Dienstag gelegt. Ich will aber nicht dienstags ins Theater. Da habe ich mich erst mal zurückgezogen.
Seit 1990 verreisen wir in einer Truppe: zuerst ausschließlich Genossinnen, Genossen und Sympathisierende, jetzt auch andere. Voriges Jahr waren wir in Koblenz, dieses Jahr wollen wir ins Alte Land. Wir waren schon überall, wir waren in Slowenien, in den Masuren, in Görlitz …

Wie viele Mitglieder hat euer Kreisverband?

In Mittelsachsen sind wir zurzeit 797.

Das hört sich gut an, aber ihr ward sicherlich schon mehr?

Nach der Kreisneubildung waren wir fast tausend. Viele sind gestorben. Nur wenige treten aus, und wenn, dann meistens aus Gesundheitsgründen. Jetzt ist eine 93-Jährige ausgetreten.

Schmerzt es sehr, wenn du den Trend bei der Mitgliederzahl siehst?

Ja, das tut mir weh. Wir haben zu wenige junge Leute, und auch das Mittelalter fehlt. Manche Genossen ziehen arbeitsmäßig in den Westen.
Klar, ab und zu bringt ['solid] mal einen, zum Beispiel in Geringswalde.

Welchen Platz hat DIE LINKE in Freiberg? Wie seid ihr spürbar?

Wir sind die zweitstärkste Partei, in der Stadt wie im Kreis, nach der CDU. Klar, wir gehen in die Öffentlichkeit. Zum Beispiel haben wir 2011 ein Bürgerforum gemacht zum Straßenausbau, zu einer möglichen Umgehungsstraße. Das kam sehr gut an. Vorher hatten wir mal eine Veranstaltung zum Grundeinkommen, auch mit viel Publikum.
Die »Freie Presse« kann uns nicht ganz umgehen. Natürlich müssen wir uns der Presse anbieten, man kann ja nicht erwarten, dass die immer von sich aus angebraust kommen.
Bekannt sind wir in Freiberg auch durch unsere regelmäßigen Infostände. An der Petersstraße oder am Obermarkt. Zu Afghanistan und zu den anderen Themen. Dort sammeln wir auch Unterschriften. Im Winter geht das natürlich schlechter.

Wer mehr über euren Kreisverband erfahren möchte, darüber, was euch und was bei euch wichtig ist, schaut am besten via Internet in eure LINKE-Zeitung. Die gibt es seit 1990 – toll!

Anfangs war das ein Informationsblatt und hatte kein Niveau, wir verteilten es trotzdem. Inzwischen haben wir fast 300 Ausgaben geschafft und jetzt eine Auflage von 800 Stück; die Auflagenhöhe ist für uns auch eine Frage des Geldes.
Als Redaktion wünschten wir uns oft mehr Resonanz. Aber glücklicherweise erlebe ich auch, dass mich Nichtmitglieder ansprechen: Ich habe Ihre Zeitung gelesen, Ihr Artikel hat das auf den Punkt gebracht.
Die Basisgruppen holen jeden Monat die aktuelle Ausgabe hier in der Geschäftsstelle ab. Ich nehme immer 50 Stück mit; ich habe eine ganze Reihe Sympathisanten im Wohngebiet, und die werden alle von mir bedient.
Übrigens: Lange Sätze kann ich nicht leiden – wenn man am Ende nicht mehr weiß, was vorn drin steht.

Was ist dir politisch besonders wichtig, was vor allem möchtest du anderen vermitteln?

Was heißt: besonders wichtig? Ich nehme da keine Wertung vor. Mich interessiert die Gesamtpolitik der Partei. Ein spezielles Gebiet habe ich nicht, ich gehöre auch zu keiner Plattform oder so. Mich bewegt die Politik der gesamten Partei. Und ich informiere mich täglich im Internet darüber, was anliegt. Ich hab das Neue Deutschland abonniert, die Freie Presse und den DISPUT, und ich bekomme die »Clara« von der Bundestagsfraktion.

Hast du nach 1990 mal über einen Parteiaustritt nachgedacht?

Ne. Ich habe die Höhen und Tiefen der PDS mitgemacht. Wenn's schlimm war, hab ich mir gedacht: Das gibt sich wieder. Ich bin immer optimistisch geblieben.

Welche Lehren hast du von anderen übernommen? Gab es Vorbilder oder Ereignisse, die dich geprägt haben?

Dass ich mich nach jemandem richte, kann ich eigentlich nicht sagen. Imponieren tun mir einige. Zum Beispiel die Sahra Wagenknecht oder der Gregor Gysi.
Bestärkt hat mich, wenn wir in den Wahlen an Stimmen zugelegt haben. In Sachsen fingen wir 1990 mit zehn Prozent an, bei der nächsten Wahl lagen wir schon bei 16 Prozent. Bei der vorigen Landtagswahl wollten wir 25 Prozent erreichen, das haben wir leider nicht geschafft.
Klar, viele gehen am Infostand vorbei, aber das stört uns nicht, wir sind eben da und die müssen uns zur Kenntnis nehmen. Und dann sagen uns manche: Das ist gut, ihr seid wenigstens hier, ihr redet mit uns. Man freut sich, wenn man bei welchen feststellt, die steh'n zu uns, die wähl'n uns. Das sind so Sachen, wo man sich sagt, die Arbeit lohnt sich.

Was ärgert dich?

Ich lasse mir das zwar nicht anmerken, aber mich ärgern blöde Diskussionen.

Du bist, was man kaum glauben mag, 85. Vor gut einem Monat, am 1. Dezember, war das Jubiläum. Herzlichen Glückwunsch nachträglich und für heute eine letzte Frage: Hast du noch Träume?

Was heißt Träume? Ich darf gar nicht an das Alter denken, sonst denke ich: Um Gottes willen!
Mein größter Traum ist, lange gesund zu bleiben und dass ich noch einige schöne Zeit miterlebe und dass wir wieder mehr Prozente kriegen. Das ist, was mich bewegt.

Gespräch: Stefan Richter