Disput

Aufm Ego-Tipp

Tor oder Experte? DIE LINKE tippte zur Fußball-Europameisterschaft. Einsichten eines Einsteigers

Von Jaschin, 70 Punkte

Also, ich sag mal so: Zuhören ist meine ganz besondere Stärke. Und als meine neuen Vorsitzenden neulich gesagt haben, wir wollen jetzt mal gut zuhören, hab ich mir spontan gesagt: Das hör ich wohl, da mach ich mit. Wer will schon im Abseits stehen und sich womöglich einen Anpfiff einfangen? Noch dazu im Umfeld dieser Fußball-Europameisterschaft …?!

DIE LINKE ließ da so 'n Tipp-Spiel laufen. Im Internet. Mal wieder typisch: Internet! Uns älteren Zuhörerinnen und Zuhörern macht es dieses Medium nicht ganz leicht, weswegen ich meine Tipps lieber direkt im Karl-Liebknecht-Haus abgegeben hätte. Aber ein netter Kollege, mehr sag ich mal nicht, vielleicht blüht ihm sonst noch was, hat mir behutsam, das heißt generationenübergreifend, das ganze Drum und Dran von dieser Tippserei beigebracht. Dass ich mich erst mal anmelden und mir einen Namen bzw. Spitznamen geben muss. Dass ich dann den Ausgang Spiel für Spiel, Viertelfinale für Viertelfinale, Halbfinale für Halbfinale und erst danach fürs Finale vorhersagen soll. Und zwar – Achtung, Schwierigkeit – vor jedem einzelnen Spielanpfiff! Außerdem wollte das Internet von mir wissen, aus welchem Land der Torschützenkönig (klingt ziemlich monarchistisch-militaristisch!) kommen wird und wo die Bundesadlermannschaft landen wird und wer in den Gruppen A, B, C und D punktmäßig das Sagen haben wird. Und all das – Achtung, weitere Schwierigkeit! – vor dem allerersten Pfiff!

Wer so was kann, sagte mir meine innere Stimme, die/der müsste der Partei auch die optimale taktische Linie vorgeben können. Folglich machte ich mit. Ich hörte zu, ich tippte ein und ich jubelte – nur mal so als ein Beispiel – gleich über das 1:1 der Polen und Griechen im Eröffnungsspiel. Vier Punkte! Mehr ging nicht!

Die ersten zehn Tage sahen mich in der Spitzengruppe, worauf das Tipper-Team vom Karl-Liebknecht-Haus (die haben offensichtlich sonst nichts zu tun) mich für seine Mannschaft gewinnen wollte. – Ihr Interesse ließ bald nach.

Mein Platz nach dem letzten Abpfiff? Das tut hier, wie bei jeder anderen lautstark angepfiffenen Kampagne, nichts zur Sache. Immerhin landete ich, beinahe, im obersten Zehntel der 230 Tipperinnen und Tipper.

Geschenkt. Es gab ja nicht mal drei Sachpreise.

Doch was durfte ich dafür beim Zuhören und Zusehen nicht alles lernen von meiner Partei! Von wegen Namen sind Schall und Qualm!? Namen sind Bekenntnisse. Namen sind Verpflichtung. Frei nach dem Motto: Ein Blick ins Tipp-Namen-Buch, zwei Blicke ins Partei-Leben.

Darum hört auf diese Namen: »CharlyM« und »GlitzerC«!

Entschlüsselt diese Chiffren: »Suppenhauser65«, »Pezi1980«, »Fritzi95«, »Joschie99«!

Vernehmt diese Signale: »BarRot«, »RedJosten«, »RoteSocke« (nicht Stutzen?)! Und: »Dunkelrotseher«!

Vergesst niemals nicht: »Kulturgenosse« (ließ sich leider schon frühzeitig auswechseln), »Thaelmann1979« und »Supergenosse«!

In einem simplen Zahlenspiel scheint der geballte Ernst glühender Parteiauseinandersetzungen zu stecken, verstehe ich »Hinkebein« und »Blutgraetsche« richtig.

Zu meinem Favoriten qualifizierte sich – vier Wochen lang ganz oben – »Bunkerberg«, nach dem Finale auf Platz zwei, hinter »Sally«. Glückwunsch!

Was unsere Vorsitzenden zugehört und rein tippmäßig gesagt haben? Na ja, der eine hatte entweder ein sehr geheimes Pseudonym gewählt oder gar nicht. Und die andere endete als »Katja Kipping« bescheiden inmitten der Tipperbasis (44 Punkte, Platz 103 und damit gerade mal sieben Ränge vor meinem Vater, im EM-Juni bekannt geworden als »Hoge«). Auch Schatzmeister Sharma (im Tipp: »Raju«) übte sich – das kommt gut an, zumindest bei den vor ihm Platzierten – in norddeutscher Zurückhaltung: Platz 164, 31 Punkte und exakt punktgleich mit meiner Mutter, »Jarka«).

*

Der LINKE-Ego-Tipp brachte im Übrigen unmittelbar nach der Europameisterschaft ein Resultat von immenser innerparteilicher Bedeutung hervor: Der Sepp Blatter (Nicht-Genosse) von dieser FIFA (weder Strömung noch Zusammenschluss) setzte aus gegebenen Anlässen nämlich ratzfatz durch, dass künftig technische Hilfsmittel anzeigen sollen können, ob ein Tor auch wirklich ein Tor gewesen ist.

Und ein Selbsttor ein Selbsttor!

Nachtigall, ich hör dir trapsen! Tolle Sache, hab ich mir zugehört, tolle Sache, weil wertvoll für das große lernende LINKE-Team. Perfekt und ausbaufähig die Idee: ein kleines unverkennbares Signalchen, das ertönt, wenn irgendwo mal wieder so ein Selbsttor droht. Ein Signalchen an Rednerpult und Interviewmikrofon …

Mein letzter Tipp: Immer schön zuhören!