Disput

Selbst wenn …

Feuilleton

Von Jens Jansen

Eines Tages wird die Eurokrise nicht mehr kriseln, wird die Gier der Plusmacher zum Brechreiz führen, wird der Papst, wie einst Jesus, die Wucherer mit der Peitsche aus dem Tempel jagen. Eines Tages werden die LINKEN als Anwalt der Ausgelaugten ein Drittel aller Stimmen in allen Parlamenten haben und der Vernunft mehr Schubkraft geben …

Doch dann wären zwei Drittel des Besitzes und der Beschlusskraft immer noch bei den Gesundbetern und Nutznießern des Kapitalismus. Dann würden immer noch eine Milliarde Menschen hungern und verseuchtes Wasser trinken. Dann würde immer noch mehr Geld für moderne Vernichtungsmittel als für gesunde Nahrungsmittel ausgegeben. Dann würde das Profitstreben immer noch das Überleben dieses Planeten torpedieren. Denn das liegt ja nicht allein an Frau Merkel, an dem Papst, an Siemens oder an der Börse in New York, sondern an dem Zusammenspiel der ganzen Herde von Geschäftsführern dieses menschenfeindlichen Systems.

Der UN-Umweltgipfel Rio+20 im Juni 2012 hat es erneut bewiesen. Da trafen sich - 20 Jahre nach dem ersten »Erdgipfel« - über 100 Staats- und Regierungschefs mit den Experten aus 190 Ländern zur Bilanz und zum Schwur. Aber die Bilanz war fast Null und der Schwur ein Luftballon.

Seit Rio 1992 wurden weitere drei Millionen Quadratkilometer Urwald abgeholzt. Diese Fläche ist achtmal so groß wie Deutschland! Und was wird hierzulande abgeholzt und betoniert? Der Ausstoß des klimaschädlichen Kohlendioxyd stieg seit 1992 von 22 auf 31,6 Milliarden Tonnen. Die Senkung deutscher Fördergelder für Solar-Energie wird das nicht bremsen. Die Zahl der Menschen, die von weniger als 1,25 Dollar am Tag leben müssen, ist zwar geschrumpft, aber liegt immer noch bei 1,3 Milliarden. Und die von den Industriestaaten versprochene Entwicklungshilfe von 0,7 Prozent des Bruttoinlandproduktes zahlt kaum eines dieser Länder. Deutschland auch nicht.

Bei uns schimpfen Presse und Politik auf China, weil dort mit dem Aufstieg zu einem bedeutenden Industriestaat der wachsende Energiebedarf mit einem hohen Anteil von Kohlekraftwerken gedeckt wird. Deutschland kann auf seine »Dreckschleudern« ebenfalls nicht verzichten. Aber China ist gleichzeitig der größte Nutzer von Wind- und Wasserkraft. Was die USA mit einem Viertel der Einwohnerzahl Chinas an Treibhausgas in die Luft blasen, ist das Vielfache. So lange wir unter dem einen Himmel leben, muss das Geben und Nehmen nach fairen Maßstäben ausgeglichen werden!

Die NATO-Staaten bezahlen eine Armada von Kriegsschiffen für den Kampf gegen die Piraten vor den Küsten Afrikas. Diese Piraten waren vor wenigen Jahren noch friedfertige Fischer. Dann kamen die Fangflotten vom Norden, die zu Hause alles abgefischt hatten, und plünderten die südlichen Meere. Der Verbrauch an Meeresfrüchten stieg um 32 Prozent - die Wut der afrikanischen Fischer noch mehr. Sie bauten Enterhaken, um sich das Geld von den Reedereien zurückzuholen. Das muss man verurteilen, aber auch begreifen.

Die Globalisierung hat die Welt zu einem Dorf gemacht. Da gelten andere Gesetze als im Dschungel der westlichen Metropolen. Ohne mehr soziale Gerechtigkeit und demokratische Mitsprache ist ein ökologischer Umbau zur Rettung der Welt nicht zu schaffen. Rio+20 hat so gut wie nichts dazu beigetragen.

Dem widerspricht Entwicklungsminister Dirk Niebel mit dem Hinweis, dass eine ökologische Wirtschaftsweise nicht vom Staat verordnet werden kann: »Wir müssen die Privatwirtschaft einbinden«. Man merkt: Der Mann ist schon eingebunden. Die Kanzlerin ist erst gar nicht hin geflogen nach Rio, weil sie als Maskottchen unserer Fußball-Nationalmannschaft nicht abkömmlich war. Dabei hätte sie für ihre Pirouette bei der Energiewende durchaus den Beifall des Forums verdient. Die Grünen runzeln die Stirn über die Abschlusserklärung, die schon vor Beginn fertig war. Der Papst ist abgelenkt durch den Maulwurf im Vatikan. Die Christdemokraten streiten um die »Herdprämie«. Die SPD trinkt auf die Börsensteuer von 0,01 Prozent. Und DIE LINKE sucht im Archiv des Bundestages die Protokolle, die beweisen, dass wir in diesen zwei Jahrzehnten meist als Erste und Einzige die nötigen und möglichen Alternativen zu dem tödlichen Dilemma von Mutter Erde zur Sprache gebracht haben. Der häufige »geistige Diebstahl« durch unsere politischen Gegner wäre ja hinnehmbar, wenn er wenigstens mit Quellenangabe erfolgte. Aber dann käme womöglich raus, dass die grünsten Grünen die Roten sind - selbst wenn sie sich das nicht immer anmerken lassen.