Disput

Unter Generalverdacht

Vor 75 Jahren begann die »Deutsche Operation« des NKWD

Von Wladislaw Hedeler und Inge Münz-Koenen

Auf der vom Arbeitskreis »Deutsche Antifaschisten im sowjetischen Exil« bei der VVN-BdA 2010 in Berlin organisierten Tagung »Das verordnete Schweigen« kam unter anderem der Vorschlag zur Sprache, eine Tafel am Karl-Liebknecht-Haus in Berlin anzubringen: »Ehrendes Gedenken an tausende deutsche Kommunisten und Antifaschisten, die in der Sowjetunion zwischen den 1930er und 1950er Jahren willkürlich verfolgt, entrechtet, in Straflager deportiert und ermordet wurden.« Im Dezember 2010 stellten wir einen entsprechenden Antrag beim Vorstand der Linkspartei.

In der Begründung heißt es unter anderem: »Der Arbeitskreis ist der Meinung, dass das Karl-Liebknecht-Haus, in dem von 1926 bis 1933 das Zentralkomitee der KPD seinen Sitz hatte, der angemessene Ort für eine solche längst überfällige Würdigung ist. Dort haben Heinz Neumann, Hugo Eberlein, Hermann Remmele, Hans Kippenberger und andere gearbeitet, die in der Sowjetunion ermordet wurden. Andere Mitglieder der KPD-Spitze, die dem Terror entgangen waren, haben nach 1945 als führende SED-Funktionäre das Verschweigen und Vergessen mit zu verantworten.«

Auf der Tagung »Nach dem Schweigen« im Herbst 2011 konnte lediglich darüber informiert werden, dass es auf diesen Antrag nur ausweichende oder hinhaltende Reaktionen aus den Führungsetagen des Karl-Liebknecht-Hauses gegeben hat.

Der bevorstehende 75. Jahrestag des Beginns des »Großen Terrors« in der UdSSR, dessen Bestandteil die sogenannte Deutsche Operation des NKWD war, ist Anlass genug, erneut auf die von der Historischen Kommission beim Parteivorstand unterstützte Initiative hinzuweisen und eine verbindliche Antwort einzufordern.

Neue Forschungsergebnisse über den Lebensweg von Deutschen, die in die Mühlen der sogenannten Säuberungen gerieten – unter ihnen Hans Grimm, Roberta Gropper, Willy Kerff und Bewohner eines Leningrader Emigrantenhauses – sind im »neuen deutschland« veröffentlicht worden. Die Beiträge der beiden Tagungen können in den Heften 148 und 167 der Schriftenreihe »Pankower Gespräche« nachgelesen werden. Neu gegenüber früheren summarischen Angaben über Vernichtungspraktiken und Opferzahlen sind zum einen die in einer jüngst erstellten Datenbank individuell nachweisbaren Lebens- und Sterbedaten der Betroffenen, zum anderen ist es die Größenordnung der »ethnischen Säuberungen«, deren Auftakt die »Deutsche Operation« war – eine nach außen gerichtete Dimension des staatlichen Massenterrors.

So konnten bisher 8.011 Namen von Deutschen ermittelt werden, die sich zwischen 1936 und 1945 in der UdSSR aufhielten. Da die biografischen Angaben oft unvollständig sind, geht die Suche ständig weiter. Gemäß dem jetzigen Stand der Recherchen sind im Laufe der »Deutschen Operation« vom 29. Juli 1937 bis 3. November 1938 1.761 Personen vom NKWD verhaftet worden. Von den 997 zwischen 1936 und 1945 zu Gulag verurteilten Deutschen waren es 1937/38 417. Von insgesamt 1.019 zwischen 1936 und 1945 in der UdSSR ermordeten deutschen Männern und Frauen wurden im Verlauf der »Deutschen Operation« 417 erschossen.

Diese »Deutsche Operation«, deren Beginn in Stalins Kabinett im Kreml am 20. Juli 1937 beschlossen wurde, war Bestandteil einer umfassenden, von der Parteiführung initiierten Vernichtungsaktion. Bereits am 25. Juli 1937 lag der geheime Befehl mit der Nummer 00439 vor. Am 29. Juli 1937 sollten landesweit die Verhaftungen aller deutschen Staatsbürger, die in Rüstungsbetrieben und bei der Eisenbahn arbeiteten oder gearbeitet hatten, beginnen. Gemäß der ersten Planung hatten die Organe vor Ort fünf Tage Zeit, um »Spione, Schädlinge und Diversanten« zu konstruieren und die Fälle zur weiteren Bearbeitung an das Militärkollegium des Obersten Gerichtes oder an die Sonderberatung beim NKWD zu übergeben. Diese extra für die Umsetzung des staatlich verordneten Terrors geschaffenen außergerichtlichen Organe fällten im Schnellverfahren die Urteile.

Es blieb nicht bei der Verfolgung der Deutschen. Vergleichbare Operationen gegen Afghanen, Bulgaren, Chinesen, Esten, Finnen, Griechen, Harbiner, Iraner, Koreaner, Letten, Mazedonier, Polen und Rumänen folgten. Diese nationalen Operationen wurden immer wieder verlängert, den »Bitten der Basis«, die vorgegebenen Quoten für Verhaftungen zu erhöhen, immer entsprochen. Stalin und sein Gefolge sahen in allen Bürgern, die im Ausland gelebt hatten, Träger einer »anderen, fremden Lebensweise«, Multiplikatoren »nichtsowjetischer« Erfahrungen. Für das Stalin-Regime, das eine maximale Unifizierung des gesellschaftlichen Lebens in der Sowjetunion anstrebte, war dies unannehmbar. In den Jahren des Terrors wurden vom NKWD in Butowo bei Moskau über 20.000, in Lewaschowo bei Leningrad über 40.000 Menschen erschossen und in Massengräbern verscharrt. Fast 800.000 Sowjetbürger wurden bis zum November 1938 von speziell eingerichteten Kommissionen zu Todesstrafe oder Gulag verurteilt.

Die in Angriff genommene umfassende »Säuberung« des Landes von allem Fremden erklärt auch die fortlaufende Präzisierung der zu Verhaftenden im erwähnten Befehl über die deutsche Operation. Alle Deutschen, die auf der Suche nach Arbeit, auf der Flucht vor dem Naziterror, als angeworbene »Spezialisten« oder Touristen ins Land gekommen waren, selbst Besucher der deutschen Konsulate – sie alle standen unter Generalverdacht. Auch Familienmitglieder und Bekannte waren der Verfolgung ausgesetzt. Während der Feiern zum 20. Jahrestag der Oktoberrevolution forderte Stalin die Praktizierung der Sippenhaft.

Von den über 8.000 in der UdSSR lebenden Deutschen kamen nach 1945 über 1.200, meist Frauen und Kinder, in die DDR. Diese heute erwachsenen Kinder sind gegenüber ihren Eltern und den eigenen Kindern in der Pflicht. Der Vorschlag des von ihnen initiierten Arbeitskreises »Deutsche Antifaschisten im sowjetischen Exil«, eine Gedenktafel am Karl-Liebknecht-Haus anzubringen, steht deshalb nicht allein. Gegenwärtig bereiten wir eine Ausstellung über fünfzehn unter Hitler und Stalin verfolgte Familien vor, die im nächsten Jahr in einigen Städten der Russischen Föderation und der Republik Kasachstan – Stationen auf den Lebenswegen der aus Deutschland Geflohenen – zu sehen sein wird. Für den 25. Juli, den 75. Jahrestag der »Deutschen Operation«, ist eine öffentliche Verlesung von meist unbekannten Namen und Lebensdaten ihrer Opfer auf dem Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin geplant.

NKWD: russ. Abkürzung für Volkskommissariat für innere Angelegenheiten. Hervorgegangen aus der 1917 gebildeten Außerordentlichen Kommission (Tscheka) und deren Nachfolgerin (O)GPU. Die politische Polizei übernahm die Vorbereitung und Durchführung des von der Führung der KPdSU(B) beschlossenen »Großen Terrors«.
Großer Terror in der Sowjetunion: Von der Parteiführung konzipierte, vom NKWD umgesetzte Terrorkampagne gegen das eigene Volk. Ein Zehntel der 1937/1938 hingerichteten Opfer kamen aus der sowjetischen Elite, während die große Mehrheit der Erschossenen und in die Gulags Deportierten Arbeiter und Bauern waren. Der erste aller »operativen Befehle« des NKWD im Juli 1937 galt der Durchführung der »Deutschen Operation«. Für die Verhaftungen, Verurteilung und Ermordung der Beschuldigten hat es vom Politbüro bewilligte Planvorgaben gegeben, die um jeden Preis zu erfüllen waren.
Gulag: russ. umgangssprachlich für Besserungsarbeitslager. Auf dem Höhepunkt des Massenterrors 1937/1938 befanden sich in den Lagern des NKWD über zwei Millionen Häftlinge. Von 1923 bis 1960 gab es in der UdSSR insgesamt 476 solcher Haftorte, die unterschiedlich lange, zwischen einem Jahr und dreißig Jahren, bestanden. Bis Ende der 1950er Jahre wurden zwischen 15 und 18 Millionen Häftlinge zu »Besserungsarbeit« in den zu unterschiedlicher Zeit gegründeten und unterschiedlich lange existierenden Lagerkomplexen mit ihren Tausenden Haupt- und Nebenlagern verurteilt.