Disput

Platz für »Weltverbesserer«

Wie der Unternehmer Rainer Lindner (Bayern) seinen Weg zur LINKEN fand und seinen Platz in ihr immer wieder neu sucht

Rainer Lindner gründete während des Studiums sein erstes Unternehmen und arbeitet seither in den Bereichen Softwareentwicklung, Managementtraining und zuletzt gut zehn Jahre im Consulting. In den Untiefen des Kapitalismus verwoben, beschloss vor knapp drei Jahren der »Klassenfeind« von einst, in DIE LINKE einzutreten. Eine Zwischenbilanz.

Rainer, zunächst bitte kurz etwas zu deiner Person.
Ich bin 46 Jahre alt, verheiratet, Oberfranke (Bayreuth), Landesverband Bayern, Kreisverband Coburg, stolzer Besitzer von gut tausend Stofftieren, Nachtmensch, Langschläfer, war in Jugendzeiten Musiker und habe irgendwann mal BWL studiert.

Bist du letztendlich selbst ein Kapitalist?
Klares Nein. Für mich waren Gewinnstreben, Gewinnmaximierung und gar das böse Wort Ausbeutung nie ein Thema. Sicherlich, als Unternehmer muss man so viel erwirtschaften, dass man seine Kosten decken, etwas als Overhead zurücklegen und selbst mit seiner Familie auch leben kann. Es mag komisch klingen, aber für mich stand immer der Spaß an der Arbeit, das Hinzulernen bei jedem Projekt im Vordergrund. Für mich haben Freiheit und neue Dinge zu erfahren einen höheren Stellenwert als Vermögen.

Was treibt jemanden wie dich in die Arme einer Partei wie DIE LINKE?
(lacht) Wenn ich meine Lebensgeschichte betrachte, könnte man denken »Altruismus«. Aber ich meine, es ist eine gehörige Portion Egoismus, die letztendlich den Ausschlag gegeben hat. Ich habe, auch wenn es mir selbst relativ gut geht, sehr wohl wahrgenommen, was die amtierenden Regierungen mit »meinem Land« anstellen. Ganz besonders unser Sozialsystem wurde step-by-step auf ein System amerikanischer Prägung hin verschoben. Erst die massivste Umverteilung von Vermögen im Zuge der Wiedervereinigung, dann Gesundheitsreform, Auslandseinsätze der Bundeswehr und als Gipfel die Agenda 2010 mit staatlich sanktionierter Sklavenhaltung durch Hartz IV. Als Einzelperson kann man relativ wenig dagegen tun, somit liegt der Anschluss an eine Partei natürlich nahe. Da DIE LINKE die einzige Partei ist, die sich an der ganzen Misere nicht mitschuldig gemacht hat, war klar, dass nur dort der richtige Platz für einen »Weltverbesserer« sein kann.

Klingt verwirrend. Wie kann man aktive politische Arbeit und einen zeitlich sehr aufwendigen Beruf miteinander vereinbaren?
Überhaupt nicht. Ich bin 2008 mit Mitgliedern der Partei zufällig in Kontakt gekommen. Daraus ergab sich eine Zusammenarbeit, sozusagen als »externer Berater mit Honorarverzicht«, im Bereich Parteiaufbau, Mitgliederwerbung und Durchführung politischer Veranstaltungen. So bin ich auch in Kontakt mit der bayrischen LINKEN gekommen, und beim Parteitag 2008 war der Entschluss gereift: Hier kannst du was bewegen, hier ist so viel Energie und Entschlossenheit spürbar, da kann man sich sinnvoll einbringen. Im Sommer 2009 war ich dann Parteimitglied.

Und dein Beruf?
Anfangs habe ich beide Aufgaben parallel betrieben. Ich habe aber sehr schnell gemerkt, dass beides zusammen nicht möglich ist: Im Consulting gibt es keine festen Arbeitszeiten, man ist oft für Monate irgendwo unterwegs. Deshalb beschloss ich, meine beruflichen Aktivitäten einzustellen. Meine beiden Firmen wurden inklusive Mitarbeitern von einem guten Freund, der in der gleichen Branche tätig ist, übernommen. Ein Kassensturz hat mir gezeigt, bis Ende 2014 kann ich mich voll und ganz der Politik widmen. Quasi als »ehrenamtlicher Berufspolitiker«. (lacht)

Also eine Politkarriere als zweites Standbein?
Definitiv nicht. Als Abgeordneter hat man – betreibt man den Job ernsthaft – locker 50 Wochenstunden, fast keine freien Wochenenden, Arbeitszeiten werden von Sitzungsplänen vorgegeben. Das ist nicht unbedingt meine Welt. Ich bin seit über 20 Jahren selbständig und konnte meine Arbeitszeit immer frei einteilen. Ich bin scheinbar (noch) Kapitalist genug, dass ich mir den Job eines Abgeordneten für die geltenden Diäten nicht antun würde. Dann lieber weniger Geld, aber frei und zufrieden sein. Leider gibt es in unserer Partei noch genügend Leute, die das für Koketterie halten. Da ist es egal, wie oft man sein Statement wiederholt, man wird als Konkurrent um Listenplätze betrachtet und – leider – oft auch so behandelt.

Du bist nicht mit offenen Armen in der Partei empfangen worden?
In den ersten Wochen schon. Solange man schön abnickt was andere vorsagen, ist man Everybody’s Darling. Zeigt man jedoch, dass man sehr wohl ein eigenes Gehirn hat, dieses auch zum Denken und Handeln benutzen kann, und trägt man dann auch noch seine Unabhängigkeit als Aushängeschild herum, wird man sehr schnell zum Feindbild erklärt. Zuerst ist man der »kapitalistische Klassenfeind«, dann mutiert man zum Mitarbeiter des Verfassungsschutzes bis hin zum »Zerstörer im Auftrag bestimmter Strömungen« innerhalb der Partei. Es kostet sehr viel Zeit und Energie, diese per Mundpropaganda verbreiteten Botschaften bei den GenossInnen wieder zu korrigieren. Glücklicherweise kann man diese »Imagekampagne« mit vielen Gesprächen in der Basis leicht entlarven. Aber ein schönes Gefühl ist das nicht, wenn man grundlos an vielen Ecken ausgegrenzt und ignoriert wird.

Dann war das somit eine Wandlung vom Saulus zum Paulus?
Ich habe mich ja nicht verändert. Ich bin so, wie ich bin. Mein soziales Gewissen verdanke ich meiner Erziehung. Loyalität und Solidarität sind schon immer Grundpfeiler meines Lebens gewesen, egal in welchen Bereichen.

Das verkannte Genie …?
Nein, ich bin ein Teamplayer. Ich strapaziere da immer ein wenig meine musikalischen Wurzeln. Politik ist wie ein Orchester. Ein hervorragender Geiger und eine exzellente Flötistin bringen was, reißen einen aber nicht vom Hocker. Also nehme man noch Bläser, ein Harfe, ein paar Violinen und eine gute Percussion dazu, dann klingt das schon besser. Noch eine Solistin und einen profunden Chor, voila: erfreut das Herz. Ähnlich sehe ich Parteiarbeit. Jeder hat bestimmte Fähigkeiten, die Kunst besteht darin, diese zu bündeln und dann im Team »erklingen« zu lassen. Dann kommt man vorwärts. Ich bediene einige Instrumente meiner Meinung nach sehr gut, warum soll man mich dann nicht mitspielen lassen, wenn es die Instrumente im Orchester noch nicht gibt? Und jeder spielt eben das, was er kann – bringt somit seine Stärken ein, die Schwächen des Einzelnen kompensiert weitgehend das Team. Es könnte so einfach sein.

Ich höre da viel Resignation. Ist die Karriere schon beendet?
Definitiv nein. Ich bin in die Partei eingetreten, um dort bis Ende 2014 aktiv zu bleiben. Je stärker manche versuchen, mir durch Ausgrenzung die Freude zu nehmen, desto stärker wird meine Motivation. Wer gut 15 Jahre Consulting im internationalen Umfeld übersteht, dem können fünf Jahre DIE LINKE bestimmt nicht aus der Ruhe bringen.
Wenn ich in einen Raum komme, weiß ich nach fünf Minuten die Dinge, die dort nicht stimmig sind oder verbessert werden könnten. Je länger ich dort verweile, desto länger wird die Liste. Ähnlich ist es mit unserer Partei. Anfangs war die Liste vielleicht eine Seite lang, mittlerweile füllt sie drei Bücher. Dumm ist, ich zeige diese Bücher in meiner Heimat jedermann und biete Verbesserungen an. Man sagt manchmal brav Danke, legt das Buch weg und macht weiter wie bisher. Sehr unbefriedigend, weniger für mich als für die Partei.

Zur Politik: Was sind deine Ziele, deine Positionen?
Ich verfolge die Ziele, die in unserem Parteiprogramm definiert sind. In Detailfragen (der Weg zum Ziel) gibt es marginale Abweichungen. Würde ich nicht für diese Ziele eintreten wollen, wäre ich nicht in der Partei. Mein politischer Schwerpunkt ist ganz klar das Gesundheitssystem. Gesundheit vom individuellen Vermögen abhängig zu machen ist für mich unterlassene Hilfeleistung. Dicht dahinter kommt die Abschaffung der in weiten Teilen menschenunwürdigen Behandlung von Hartz-IV-Beziehenden. Wie so etwas mit Demokratie und Menschenrechten vereinbar sein soll, entzieht sich meiner Fantasie. Danach kommen die Themen Kampf gegen Nazis, Umweltpolitik und Regulierung der Finanz-und Kapitalstrukturen. Ich vermeide den Begriff »Finanzmärkte«, da die Ursachen keineswegs im Marktumfeld gesteuert werden, sondern es sich hierbei um eigenständige, von den Märkten isolierte Machtstrukturen handelt. Das Bedingungslose Grundeinkommen sehe ich als erstrebenswertes Endziel unserer Politik, und eine grundlegende Reform der Bildungspolitik ist unerlässlich. Selbstredend hat unsere Bundeswehr außerhalb der Landesgrenzen nicht zu kämpfen.

Was sind deine aktuellen/zukünftigen Aufgaben?
Ich bin im Landesvorstand und versuche dort redlich, die Kommunikations- und Informationsstrukturen zu reformieren. Im Kreisvorstand Coburg bin ich für Medien, Kommunikation, Mitgliederbelange und Vorbereitungen der Wahlkämpfe 2013/14 zuständig. Im Vorstand der Landesarbeitsgemeinschaft Laizismus versuche ich, die Trennung Staat von Kirchen in Bayern mit voranzutreiben, und ansonsten arbeite ich noch in einigen Arbeitskreisen in diversen Landesverbänden mit.
Manche GenossInnen sehen das schon als unerlaubte Ämterhäufung an. Eventuell werde ich im April noch einmal für den Landesvorstand kandidieren, da ich absolut davon überzeugt bin, dass in Bayern in Bezug auf Struktur, Transparenz und Medien noch sehr viel getan werden muss, um Chancen auf einen Landtagseinzug zu haben (meine Prognose steht bei 5,7 Prozent).

Was ist dein Fazit nach zweieinhalb Jahren DIE LINKE?
Unsere Partei ist definitiv anders. Sie ist verrückt, teilweise chaotisch (nicht unbedingt im negativen Sinne), hat aber sehr viel spürbare Seele. Es gibt viele Meinungen, eine in weiten Teilen gesunde und produktive politische Streitkultur und eine sehr soziale Ausrichtung. Sie hat das Potenzial, das Bewusstsein unserer Bevölkerung dahingehend zu verändern, die Begriffe sozial, miteinander und Solidarität wieder mit Leben und Inhalten zu füllen. Besonders in einigen westlichen Landesverbänden fehlt noch eine funktionierende Grundstruktur und oftmals auch der Wille, diesen Status quo überhaupt zu ändern.
Nicht so gut gefällt mir das in einigen Landesverbänden permanent vorhandene Misstrauen untereinander. In vielen Bereichen der Partei steht meines Erachtens der Machtanspruch und die Schaffung von Machtstrukturen zu sehr im Vordergrund. Ich stehe da auf dem Standpunkt: Lasst uns zuerst einen Kuchen backen und dann um die Stückchen streiten, anstelle schon bei den Zutaten um einzelne Krümel zu kämpfen. So bekommt man nämlich nie einen Kuchen, um beim Bild zu bleiben.
Ich vermisse häufig die Offenheit. Transparenz ist ein wichtiger Bestandteil für gute Leistungen. In Führungspositionen wird zu oft an die eigene Karriere gedacht und dementsprechend kindische Ausgrenzung von GenossInnen gefördert. Diese Energie sollte lieber zum Wohle der gesamten Partei eingesetzt werden. Aber alles in allem fühle ich mich hier sehr wohl und bin tief von dem Engagement und der Motivation der vielen GenossInnen beeindruckt.