Disput

Veränderter Blickwinkel

Gibt es eine feministische Bildungsarbeit?

Von Annegret Gabelin

DIE LINKE versteht sich als feministische Partei und hat diesen Gedanken in ihrem Programm verankert. Der konkrete Zustand der Partei verlangte aber, ein Konzept zur Herstellung von Geschlechtergerechtigkeit in der LINKEN auf den Weg zu bringen, um den feministischen Zielen auch ebensolche Taten folgen zu lassen.

Auf einem Treffen der Arbeitsgruppe Frauen in der Kommission für politische Bildung im Februar stellten wir uns die Frage, was Inhalt feministischer Bildungsarbeit ist und ob wir mit unseren Angeboten auch die spezifischen Bedürfnisse von Frauen ansprechen.

Feministische Bildungsarbeit verstehen wir als gesellschaftskritischen Ansatz. Daraus ergibt sich auch die Notwendigkeit, jegliche Diskriminierung in der Bildungsarbeit sofort zu reflektieren, weil sonst Lernblockaden entstehen können.

Über eine geschlechterreflektierende Betrachtung unserer politischen Bildungsarbeit werfen wir zugleich Kernprobleme der politischen Bildung insgesamt auf. Bisherige Diskussionen konzentrieren sich vor allem auf soziale, wirtschafts- und finanzpolitische, außenpolitische und andere Fragen, denen »Frauenthemen« untergeordnet werden. Uns geht es darum, jede politische Frage in Politik, Bildung und Praxis vom geschlechterreflektierenden Standpunkt her zu betrachten.

Das Geschlecht ist grundlegend für die Identität eines Menschen. Was wissen wir von den Frauen, an die wir unsere Angebote richten? Wie erfahren wir von Frauen in der Partei, was sie für eine Bildungsarbeit möchten? Mit geschlechterreflektierendem Blick unsere gesamte Bildungsarbeit abzuklopfen bedeutet, immer danach zu fragen, an welche Alltagserfahrungen von Frauen wir mit unseren Bildungsangeboten anknüpfen, und den Raum zu öffnen für eine Bildungsarbeit, in die Frauen selber sich aktiv einbringen können. Das bedeutet keinen Ausschluss von Männern, sondern eine Veränderung des Blickwinkels von allen für alle.

Die Umsetzung eines geschlechterreflektierenden Ansatzes in der politischen Bildungsarbeit ist eine Querschnittsaufgabe. Das heißt für uns auch zu klären, welche Zielgruppen wir konkret ansprechen und welche Bedürfnisse diese haben (Insbesondere wenn Frauen sich engagieren, ist immer auch der private Bereich betroffen). Der Zusammenhang von Inhalt und Methode mit dem Ziel der Selbstveränderung und Selbstermächtigung ist ein wichtiger Ansatzpunkt.

Die Frage ist weniger, wie wir die Frauen einbeziehen, sondern wie DIE LINKE sich insgesamt verändert, damit sie für Frauen attraktiv wird. Es gilt, die Bereitschaft zur Beschäftigung mit linkssozialistischem Feminismus zu stärken und dabei auch Anregungen von nichtsozialistischen Positionen zu verarbeiten.

Ganz wichtig ist uns, Differenzen verschränkt zu bearbeiten. Keine Teilnehmerin ist nur Frau allein! Kein Teilnehmer ist nur Erwerbsloser allein! Keine Teilnehmerin ist nur Migrantin allein. Geschlechterverhältnisse und andere Diskriminierungs- und Herrschaftsverhältnisse sind eng miteinander verwoben. Mit der Kategorie Geschlecht verändert sich die Analyse des Themas.

Jedes Thema politischer Bildungsarbeit ist ein explizites Geschlechterthema. Dabei geht es auch darum, unzulässige Verkürzungen zu entlarven, zum Beispiel »wir Frauen« oder »die Hartz-IV-Empfangenden«.

In unserer Diskussion kamen wir schließlich zur Erkenntnis, dass letztendlich unser Verständnis von feministischer Bildungsarbeit emanzipatorische Bildungsarbeit bedeutet.

Wir haben damit begonnen, Seminarkonzepte der innerparteilichen Bildungsarbeit unter dem Blickwinkel geschlechterreflektierender Bildungsarbeit zu überarbeiten. Für unser Neumitgliederseminar bedeutet das zum Beispiel, im Komplex Geschichte den Kämpfen von Frauen und ihrer Lebenswelt wesentlich mehr Raum zu geben. In der Auseinandersetzung mit der Ideologie des Neoliberalismus haben wir bisher nur mit Fallbeispielen gearbeitet, die sich auf Männer beziehen. Stärker als bisher wollen wir bei allen unseren Seminaren an die Alltagserfahrungen von Frauen anknüpfen.

Speziell für Frauen haben wir ein Seminarkonzept entwickelt, das nun »Frauen fit für Vorstände – Vorstände fit für Frauen?« heißt und in dessen Überarbeitung die Erfahrungen aus unserem ersten Pilotseminar im November eingeflossen sind. Zu Beginn dieses Seminars, für das wir Teamerinnen der innerparteilichen Bildungsarbeit ausbilden, gehen wir der Frage nach, warum sich Frauen in Vorständen engagieren und was sie davon abhält. Wir überlegen gemeinsam, was für uns politische Arbeit ist und wie wir ihre Schwerpunkte bestimmen. Im Ergebnis dieser Diskussion entwickeln wir ein großes Mindmap, das die Aufgaben von Vorständen darstellt.

Anhand konkreter Textausschnitte befassen wir uns dann mit dem Konzept zur Herstellung von Geschlechtergerechtigkeit in der LINKEN und sprechen über die Aufgaben, die sich daraus insbesondere für die Landes- und Kreisverbände ergeben.

Eine wichtige Bedingung erfolgreicher Vorstandsarbeit ist eine gelingende Kommunikation zwischen allen Beteiligten. Mit Hilfe eines Kommunikationstestes kommen wir dem eigenen Kommunikationsstil auf die Spur und finden heraus, was wir selbst ändern können, um unsere Kommunikation mit den Mitgliedern zu verbessern. Ausführlich sprechen wir über Erfordernisse kollektiver Arbeit und darüber, wie wir das praktisch hinbekommen. Schließlich wird auch das Thema Konflikte nicht ausgespart. Wir machen uns bewusst, dass Konflikte zum Leben gehören, und lernen, wie wir gut mit ihnen umgehen können.

Nicht zuletzt ist ein großer Gewinn für alle Teilnehmerinnen, dass sie hier mit Genossinnen aus verschiedenen Landesteilen über ihre Erfahrungen sprechen und viele neue Anregungen für die eigene Arbeit mitnehmen können. Viele Frauen schätzen auch das gegenseitige Verständnis, die gelebte Solidarität und nutzen jede Gelegenheit, an zentralen Bildungsveranstaltungen der LINKEN teilzunehmen und im Ergebnis das dort Gelernte an die Genossinnen und Genossen in den Kreisverbänden weiterzugeben.

Nächstes Seminarangebot für Teamerinnen der innerparteilichen Bildungsarbeit: »Frauen fit für Vorstände – Vorstände fit für Frauen?« am 31. März und 1. April 2012, Buntes Haus Bielefeld. Anmeldungen: polbil@die-linke.de, 030 / 24009351