Disput

Der Bücherberg von Sachsen

Peter Sodann eröffnet im Mai seine DDR-Nationalbibliothek - mitten in der Provinz, im sächsischen Staucha

Staucha heißt das Dorf mit etwa 800 Seelen, nordwestlich von Meißen und südlich von Riesa, inmitten der ehemaligen Kornkammer Sachsens oder der Lommatzscher Pflege. Etwas Heimatkunde muss schon sein, um den exotischen Standort für eine DDR-Nationalbibliothek überhaupt zu verstehen, das ganze Anwesen, ein ehemaliges Rittergut mit Klostersaal, toskanischen Säulen, Stallungen, Scheunen. EU-Mittel, Gemeindegelder und Spenden sind geflossen, und es steckt verdammt viel Arbeit, Idealismus und Kreativität drin. Der Mann, der dieses Sisyphus-Unternehmen losgetreten hat und unermüdlich noch weitere Pläne verfolgt, heißt Peter Sodann. Wir kennen ihn alle: als Ehrlicher-Kommissar, als Kandidaten für den Bundespräsidenten 2009 (91 Stimmen) und als ehemaligen Intendanten des Neuen Theater Halle (bis 2005), wo die politische Administration ihn nicht mehr haben wollte: zu unbequem, linker Querulant eben.

Jetzt war es an der Zeit – denn am 12. und 13. Mai 2012 soll die Eröffnung der Bibliothek sein –, ihn in Staucha aufzusuchen, in der Provinz, um den Bücherberg zu sichten und Fragen loszuwerden.

Lieber Peter, wir sind nach dem Rundgang durch die Bibliothek stark beeindruckt, weil wir uns das nicht erträumt haben, als wir auf dieses Dorf zugefahren sind, was hier für ein Kulturgut lagert. Das Wort Projekt magst du ja nicht. Wie würdest du denn dieses ganze Unternehmen bezeichnen?

Als eine Werterhaltung für etwas, was Menschen gelebt haben und sicherlich in irgendeiner Weise weiterleben werden. Im Moment anders, aber ich kenne den berühmten Satz von Friedrich Dürrenmatt aus »Die Physiker«; die Rolle habe ich mal gespielt. Dieser Satz heißt: »Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.« Jetzt, im Moment nimmt man viele Sätze der damaligen Zeit zurück oder versucht, sie zu verunstalten. Aber es gibt einfach vernünftige Sätze nun mal auch in dem Gedicht über die Bürde des Kommunismus: »Es ist das Einfache, was schwer zu machen ist.«

Dieses Unternehmen – weil man ja nicht nur Idealist sein darf, sondern auch unternehmerische Fähigkeiten entwickeln muss, denn das wird hier ja nicht vom Staat gesponsert und gefördert –, wie hat es eigentlich seinen Anfang genommen? Und wie waren die Mühen der Ebene?

Seinen Anfang hat es 1989 genommen, als der Westen über uns kam. Wir hatten ihn gerufen. Er ist auch schnell gekommen. Da kam ein Mädchen zu mir – ich war noch Leiter des »Neuen Theaters« – und sagte: Meine Eltern schicken mich, Sie möchten doch bitte mal zum Gewerkschaftshaus fahren ... Dort trugen Arbeiter die Bücher, Tonbandgeräte und alles, was in der Bibliothek der Gewerkschaft war, heraus und warfen es auf die LKWs, um damit auf die Müllkippe nach Lochau zu fahren. Ich habe mich der Dinge nicht erwehren können, sonst hätten sie mich verprügelt. Ich habe natürlich alle Organisationen zur Wende angerufen, aber keiner hatte Interesse daran, die Bücher zu erhalten. Da habe ich mir geschworen: Das geht nicht, denn sie werfen ja mein Leben weg.

Ich will jetzt nicht auf das Buch »Wie der Stahl gehärtet wurde« zurückkommen. Dennoch ist einer der wertvollsten Sprüche in diesem Buch drin: »Das Wertvollste, was der Mensch besitzt, ist das Leben. Es wird ihm nur ein einziges Mal gegeben.« Dann habe ich angefangen zu sammeln, weil ich meinte, die Bücher werden wir doch, wenn auch nicht alle, brauchen. In vielen Büchern, die ich gelesen habe, sind doch vernünftige Gedanken drin, wenn ich an »Frühlingsstürme« von Walentin Owetschkin denke. Meine Weisheit habe ich ja damals aus der sogenannten Antiliteratur, Bauernliteratur oder wie wir sie genannt haben geschöpft. Nun bin ich eben so weit gegangen, dass ich alle Bücher vom Tag der Befreiung 1945 an bis zu Schabowskis Spruch »Die Mauer ist gefallen« sammle. Aber das ist nicht der genaue Termin, sondern es ist der der Vereinigung Deutschlands, der 3.10.1990. An dem Tag ist das ja gefeiert worden.

Bis dahin sammle ich alle Bücher und Zeitschriften der über 300 Verlage, die in der DDR erschienen sind und die über und unter dem Ladentisch verkauft worden sind. Da staunt man nun auf einmal, was doch in Wirklichkeit alles gedruckt worden ist, was für Westliteratur im Osten gedruckt worden ist, was für Ostliteratur nicht im Westen gedruckt worden ist. Dann kriegt man auch Achtung vor der Leistung der Bevölkerung dieses Landes und auch vorm Humor dieses Landes.

Aber von 1989 bis 2012 ist ja ein langer Weg bestritten worden. Jetzt lassen wir mal die Rolle des Don Quijote als Idealisten beiseite, sondern mehr des – auch wieder ein fürchterliches Wort – Managers oder des Unternehmers: Wie hast du über die Jahrzehnte hinweg in großen Schritten das geschafft, jetzt an diesem Ort anzukommen?

Erst mal stehst du ja mit dieser ganzen Geschichte immer allein da. Ich erinnere mich daran, dass ich 1980 begonnen habe, das »Neue Theater« in Halle zu bauen. Damals hat man mich auch als Idiot oder Dummkopf bezeichnet. Wie willst du denn das machen? Nach 25 Jahren hatte ich es dann fertig. Leider haben die Stadtmütter und -väter entschieden, dass ich die Stadt verlassen soll.

Es hatte mich dann der Bürgermeister, Herr Robrecht, von Merseburg aufgenommen, der schon den Maler Sitte aufgenommen hatte Er bot mir die Orangerie an, und es war alles schon so beisammen, dass man sagen konnte, das wäre ein Werdegang. Leider musste dieser Bürgermeister zurücktreten. Der neue Bürgermeister von der CDU hatte überhaupt gar kein Interesse.

Also musstest du da auch wieder raus.

Ja, man bot mir eine Turnhalle an, wo die Vögel durchflogen und es auch sehr feucht war. Irgendwie musste ich eine Rettung finden. Dann habe ich mich mit einer Bitte an die Bevölkerung ins Internet gestellt, wer denn wo etwas hätte oder wer mich aufnehmen könnte. Da boten sich Leute, die sich ein altes Schloss gekauft hatten, an. Aber sie wollten immer, dass ich Geld mitbringe. Doch ich habe ja kein Geld.

Der Bürgermeister hier von diesem kleinen Dorf rief mich an, ob ich denn mal vorbeikommen würde. Da sah ich den Kuhstall. Der war ordentlich hergerichtet. Da wusste ich, der Bürgermeister hat was drauf. Er behandelt dieses Dorf mit Liebe. Er hat gesagt, wenn wir Geld brauchen, dann müssen wir welches auftreiben. Dann haben wir hier oben angefangen zu bauen.

Ich habe mich über die Bürgermeister dieser einzelnen Orte – es sind 21 kleine Dörfer, die hier zusammengefasst sind – gewundert und gefreut. Die 21 haben einstimmig die Hand gehoben, dass sie das wollen. Das muss man erst einmal finden. Sie haben Eigenmittel selbst aufgebracht. Das war schon erstaunlich.

Ich bin ja auch durch Umberto Eco beraten. Nicht, dass ich ihn persönlich kenne, aber er hatte in seinen Büchern geschrieben, dass man, wenn man etwas anfängt, vielleicht doch die Dörfer mehr berücksichtigen sollte als die Städte. Jetzt gibt es auch ein paar Arbeitskräfte – ein paar Bürgerarbeitskräfte, ein paar Entgeltarbeitskräfte. Es gibt auch etliche Freiwillige, die hierher kommen. So helfen sie, die Bibliothek langsam aufzubauen. Ich möchte auch, dass es langsam geschieht.

Das klingt alles sehr durchdacht. Trotzdem könnte ich mir vorstellen, dass im Dorf dieses Unternehmen vielleicht umstritten ist. Also man hat ja immer bei solchen Geschichten – diese ist ja erfolgreich – Leute, die neidisch sind oder sich gestört fühlen.

Im Hamlet heißt es: »… und unternahmen hohen Flugs und Ziels und Gedanken drehen ab vom Kurs und verlieren den Armen Tat.« So ist es auch hier. Bei Maxim Gorki steht doch – ich kann mich an den Text nicht mehr genau erinnern: Wenn mal einer eine gute Idee hat, gibt es sofort einen, der sie nicht liebt. Also man züchtet doch, indem man irgendetwas bastelt, sofort seinen eigenen Feind immer heran. Das ist in einem Dorf wie auch in einer Stadt genauso. Die Dummheit ist unendlich.

Es gibt auch schöne andere Sätze, an die ich mich halte. Mein Wille ist ja nicht nur, die Bibliothek zu gründen. Zu dieser Bibliothek gehört noch etwas anderes. Da gehört eine Lehrausbildung dazu, also ein kleines Internat. Da gehört ein Restaurant dazu. Ich weiß, viele Menschen möchten das auch irgendwann mal sehen und möchten sich hier Bücher ausleihen. Also, es wird schon eine Bachelorarbeit.

Die Menschen interessieren sich schon langsam dafür, wenn ich jemanden fragen will, wie denn das Leben in der DDR wirklich war. Denn die Historiker, die ich zurzeit Hysteriker nenne, schreiben ja nicht das, was man eigentlich will. Sie können ja nicht mal richtig die Akten lesen.

Du hast bei deinem Tun ja auch einen Verein, du bist jetzt nicht nur Einzelkämpfer ...

Ich bin Einzelkämpfer. Im Moment lebe ich unter dem Motto: Was du nicht selber tust, tut für dich kein Anderer. Das war schon immer mein Motto im Leben. Aber ich weiß, dass dies ein falsches Motto ist. Insofern braucht man viele Andere, die mithelfen.

Ich bin ich gerade dabei, dies alles so langsam stetig aufzubauen, damit nicht ein Dummer kommt. Es gibt doch immer den sogenannten Aber-Menschen. Da quatscht immer einer dazwischen. Das möchte ich nicht.

Da ich aber auch kein Geld habe, ist es schwierig. Ich brauche normalerweise einen Bibliothekar. Dann brauche ich einen Hausmeister. Dann brauche ich noch dies und das. Aber wo soll ich hingehen? Also da wird man nicht gleich mit freudigen Armen aufgenommen, jetzt, wo alle sagen, wir haben sowieso kein Geld. Wenn mir der Bundespräsident rät, ich soll mir Sponsoren suchen, dann muss ich ja nicht mehr mit ihm sprechen, weil jeder diesen dummen Gedanken hat.

Was das Dort anbelangt, bin ich frohen Mutes. Aber dazu gehört eben noch viel anderes. Ein Hotel gehört hierher. Ein Restaurant gehört hierher. Ich habe das bis auf die Spitze getrieben, aber nur in meiner Phantasie: Hier gehört auch ein Theater hin. Aber die größte Geschichte wäre ein Golfplatz für Arme.

Ist das jetzt ernst gemeint?

Das ist ernst gemeint.

Da gibt es hier die Flächen?

Die Flächen gibt es. Man kann hier einen wunderbaren Golfplatz herrichten, aber nicht für die, die mit 100.000 Euro einsteigen. Die gibt es ja auch selten im Osten.

Das ist eine interessante Idee.

Das geht schon. Aber da muss man natürlich auch den Willen haben. Was machen wir denn mit den vielen Arbeitslosen, wenn wir sie alle nicht mehr brauchen? Das hat mit dem Golfplatz für Arme gar nichts zu tun. Ich habe immer mal einen Spruch geprägt, der hieß: Nicht jeder kann das werden, was er möchte. Aber er kann eines werden, was er eigentlich ist: ein Mensch. Im Theater habe ich immer gesagt: Die Menschwerdung des Affen ist noch nicht zu Ende. Das war mein Motto.

Mit dem Golfplatz für Arme hast du dich ja schon irgendwie verquatscht. Das ist die exotische Variante.

Das ist eine exotische Variante. Man kann ja für das Internet plädieren oder für irgendwas. Ich plädiere mehr für eine Bibliothek.

Im Internet suche ich. Aber wenn ich keine Frage habe, werde ich auch nichts finden. Von den Leuten werden durch Begriffe automatisch die Fragen ausgetrieben. Wo kann ich besser shoppen? Wo kann ich besser das? – Diese Fragen existieren. Aber wir hatten mal im Leben einen vernünftigen Gedanken gehabt. Jetzt wird es schon schwieriger. Oder: Wer ist Theodor Storm? Nur mal so. Wer ist das? Den kennt keiner. Was alles so verlorengegangen ist. Ich trat in der »Distel« auf. Das Publikum wollte eine Zugabe. Da habe ich gesagt: Na gut, ich kann euch noch ein Gedicht vorlesen, eines, was mir gefällt und was ich zu meinem 20. Geburtstag vorgelesen habe. Das würde ich jetzt machen. Aber ihr werdet das nicht kennen. Oder kennt ihr das Gedicht? Ich sage euch mal den Titel: »Die Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration«. Kennt es jemand? Von all den Zuschauern kannte es kein Schwein. Es ist von Bertolt Brecht. Dort heißt es:

»Als er siebzig war und war gebrechlich
Drängte es den Lehrer doch zur Ruh.
Denn die Güte war im Lande wieder einmal schwächlich
Und die Bosheit nahm an Kräften wieder einmal zu
Und er gürtete den Schuh.«

Ich sage noch: Wie soll man etwas finden, wenn man keine Frage hat? Die Politik von Parteien und Regierung, die wir jetzt haben, treibt den Leuten die Fragen aus.

Hier hinten steht die Schule. Das ist die alte Dorfschule. Die ist stillgelegt. Die möchte ich gerne als ein Haus ausbauen. Weil: Es haben sich ungeheuer viele Leute angekündigt. Was heißt: ungeheuer viel? Aber viele ältere Leute kommen und sagen: Wenn wir hier ein Hotel hätten oder wenn wir hier wohnen könnten, dann könnten wir Ihnen auch helfen, die Bibliothek zu katalogisieren und ähnliches. Wir würden dann einen Monat Urlaub machen. Dann würden wir ein bisschen mit dem Rad rumkutschen. Es ist eine wunderschöne Gegend. Ein Tal und ein Berg. Ich liebe diese Gegend. Ich brauche hier auch eine Jugendgruppe.

Das Stichwort Jugendgruppe ist gefallen. Warum ist es so schwierig – oder ist es nicht schwierig? –, an jüngere Leute ranzukommen, die bei so einer Bibliothek mitmachen?

Es haben sich ja schon welche gemeldet. Ich habe da eigentlich überhaupt keine Probleme, mit jungen Leuten auszukommen. Sie werden auch nicht nur das Facebook in die Hand nehmen oder das Internet. Sie werden auch schon wieder mal ein Buch in die Hand nehmen. Die Sehnsucht ist doch da.

Das ist das Gleiche, wenn ich in ein Museum gehe. Ich war vor Kurzem gerade in Weimar bei Goethe. Das klingt jetzt ein bisschen blöd. Aber ich hätte, wenn ich da reingehe, auch natürlich ungeheure Lust gehabt, mich auf den Stuhl von Goethe zu setzen. Und das darfst du nicht. Ich finde, alles, was man macht, braucht auch das Sinnliche. Wenn das Sinnliche wegkommt und wenn man den Leuten einredet, dass man sich verstöpseln muss, dass man mit dem Zug fahren muss und nur noch auf den Computer guckt und nicht nach draußen ... Die wissen gar nicht, dass es Winter ist. Die gucken gar nicht raus. Die kennen ja auch keinen Specht. Das ist aber Absicht, behaupte ich. Das ist eine sogenannte Klimaangelegenheit des Geldverdienens oder die Menschheit zu Dingen bereit zu machen, zu denen sie eigentlich gar nicht bereit ist. Wir leben in einer gewissen Versklavung in dieser Zeit.

Wie geht es weiter? Wie sieht dieses Jahr aus? Was sind so die nächsten Schritte?

Am 12. und 13. Mai ist die Eröffnung. Das möchte ich wenigstens der Öffentlichkeit sagen. Wir haben auch jetzt schon jeden Tag, außer Samstag und Sonntag, von 8.00 bis 14.00 Uhr offen.

Aber dann will ich gerne sehen, dass ich jeden Tag hier geöffnet habe. Die Leute bringen ja Bücher und holen mal eins. Es kommen natürlich mehr Bücher an, als geholt werden. Das ist auch klar.

Zu dieser Zeit will ich dann wenigstens eine kleine Bühne dort drüben haben, dass die Leute langsam den Sinn und Zweck verstehen, der hier ist. Dieses Jahr will ich noch mein Restaurant da vorne haben, also eine kleine Gaststätte oder ein Cafe, wo alles zusammen ist und wo man gut essen kann. Es melden sich auch schon Reisegesellschaften an, die gern mal hier vorbeifahren würden. Ich denke schon, das ist zu machen. Man muss natürlich viele Menschen dazu überzeugen. Wenn man kein Geld hat, ist das alles ganz schwer bei einer freihändigen Arbeit. Aber der macht das einmal, und dann hat er gefroren an dem Tag. Das Durchhaltevermögen der Menschen, etwas zu leisten, ist geringer geworden, als es einstmals war. Das weiß ich. Das ist erst mal die Vorplanung.

Zur Ruhe setzen werde ich mich sowieso nicht. Bis zum letzten Atemzug oder wenn mir die Knochen so wehtun, dass ich nicht mehr aus dem Bett komme, dann geht es sowieso nicht mehr.

Vielen Dank. Es ist so viel gesagt worden.

Interview: Gert Gampe

Peter-Sodann-Bibliothek e.V., Thomas-Müntzer-Platz 8, 01594 Staucha, psb-staucha.de

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