Disput

Bei »Fichte« bin ich groß geworden

Erwin Schulz, 99 Jahre, über sein Leben in Gewerkschaft und Arbeitersport, über seinen Kampf gegen Faschismus und Krieg

Im Verlaufe von fast zehn Jahrzehnten hast du außerordentlich viel erlebt, Gutes wie Schlechtes, Freud wie Leid. Was ist dir im Rückblick besonders wichtig?

Ich bin 1927 in die Gewerkschaft eingetreten – das war damals so üblich: Wer in den Arbeitsprozess eintritt, wird Mitglied.

(Erwin Schulz holt einen Umschlag mit einer Ehrenurkunde zur 85-jährigen Gewerkschaftsmitgliedschaft, von Frank Bsirske unterschrieben und ein bisschen verfrüht eingetroffen.)

85 Jahre in der Gewerkschaft, das wird's künftig wohl nicht mehr geben. Es sei denn, die Menschen werden 120, 130 Jahre alt. – Und ich war auch mit viel Freude im Arbeitersportverein »Fichte«.

Warum gerade »Fichte«?

Meine Schwester war bereits Mitglied, und ich trat 1920 oder 1921 ein. Bei »Fichte« bin ich großgeworden. Vieles von dem, was man als Kind dort erlebt hat, hat einen für das gesamte Leben geprägt: die Ausflüge, das Turnen, das Singen. Wir haben immer am Anfang vor dem Turnen und zum Schluss gesungen, so hat man viele Lieder kennengelernt.

Waren das vorwiegend Turnlieder, Arbeiterlieder?

Beides. (Erwin Schulz bringt ein kleineres Buch) Das ist ein »Fichte«-Liederbuch mit einer besonderen Geschichte. Ich habe es nämlich aus den USA. Ein Ausgewanderter hatte es uns ins Kriegsgefangenlager nach Fort Devens, das liegt in der Nähe von Boston, geschickt. Als das Lager aufgelöst wurde, habe ich es mitgenommen. Im Impressum steht etwas Charakteristisches für die Zeit der Weimarer Republik: »Wir haben diesen Teil unseres Liederbuches selbst zensiert, um eine Beschlagnahme desselben durch die reaktionären Organe der deutschen kapitalistischen Demokratie zu verhindern. Der Abdruck einer … Anzahl viel gesungener Kampflieder ist bekanntlich verboten. Alle freien Seiten in diesem Teil bilden eine lehrreiche Widerspiegelung …« Und da ist auch ein Zensurstempel.

In Fort Devens hatten wir auch eine Lagerdruckerei und brachten ein eigenes Liederbuch und eine Zeitschrift heraus, von Widerstandskämpfern gestaltet. Ein Exemplar des Liederbuches von dort ist in der neuen KZ-Gedenkstätte in Esterwegen ausgestellt. Ich sprach zur Einweihung der Gedenkstätte.

»Fichte« und die Gewerkschaft waren so etwas wie Schulen deines Lebens?

Beide Organisationen haben mich geprägt. Und noch etwas: In der Zeit kam das Buch »Im Westen nichts Neues« von Erich Maria Remarque raus. Dieses Anti-Kriegs-Buch hat uns Jugendliche – in der Gewerkschaft, bei den Naturfreunden, der Sozialistischen Arbeiter-Jugend, im Kommunistischen Jugendverband – sehr beschäftigt. Wir luden uns Teilnehmer am Ersten Weltkrieg ein, die erzählten uns, was sie an der Somme und vor Verdun erlebten, und sie berichteten vom Giftgaskrieg. Das hat uns in unserer antimilitaristischen Haltung bestärkt. Ebenso wie dann die Ausschreitungen der SA, die Kinos verwüsteten, in denen der Film »Im Westen nichts Neues« lief.

Später, in amerikanischer Kriegsgefangenschaft, zeigte es sich, dass viele Antifaschisten aus der ehemaligen Strafdivision 999 – Deutsche, Österreicher, Polen … – von Remarques Buch beeinflusst worden waren.

Warst du damals in einer Partei?

Nein, ich habe aber an vielen politischen Veranstaltungen teilgenommen, besonders an Antikriegsdemonstrationen.

Wie kam es dazu, dass du Anfang 1933 von der Politischen Polizei ausgerechnet in das von der SA besetzte Karl-Liebknecht-Haus vorgeladen wurdest?

Das hatte eine Vorgeschichte: Auch »Fichte« hatte die Auseinandersetzungen zwischen Sozialdemokraten, Kommunisten und anderen Linken zu spüren bekommen und war aus dem Arbeiterturn-und-Sportbund ausgeschlossen worden. Um den Jugendfahrschein (50 Prozent Ermäßigung) zu bekommen, gründete ein Sportgenosse den Bund Proletarischer Jugendwanderer, ich wurde später Vorsitzender. Die Nazis wollten von mir im Februar oder März '33 die Mitgliederlisten – es gab keine.

Ich hatte vorher überlegt, ob ich zu der Vernehmung ins Karl-Liebknecht-Haus gehe, und mir gesagt, wenn ich nicht hingehe, holen sie mich, oder ich muss emigrieren. Also bin ich hingegangen. Ein anderer wartete draußen ab, ob ich wieder rauskomme. Sie haben mich gehen lassen. Vielleicht weil es bei der Polizei zu der Zeit noch Sozialdemokraten gab; die haben wahrscheinlich auch die Unterlagen verschwinden lassen. Denn bei meinem Prozess 1935 sind sie nicht aufgetaucht.

Wie seid ihr illegal aktiv gewesen?

Mit anderen »Fichte«-Sportlern entwarfen und vervielfältigten wir Flugblätter. Wir informierten darüber, was wir über die Verfolgung von Antifaschisten und über die beginnende Aufrüstung gehört hatten.

Dazu trafen wir uns in der Wohnung meiner Eltern, die von unserem Tun nichts wussten. Wir gaben uns als Musiker aus, die üben. Ich spielte Mandoline, die anderen auch, meine Schwester Geige. Und die Hausbewohner freuten sich, wenn wir uns zum »Üben« trafen.

Verhaftet wurde ich im Januar 1935, der Instrukteur der Landesleitung von Rot Sport hatte mich verraten. Im September verurteilte man mich zu fünf Jahren Zuchthaus. Zuerst kam ich ins Zuchthaus Luckau: Ich war mit drei Gefangenen in einer Zelle, zwei mal sechs Meter groß, ein Bett unterm Fenster, ein Klappbett an der Wand, der dritte schlief auf Matratzen auf dem Fußboden. In der Ecke am Eingang ein Kübel, in den wir unsere Notdurft verrichten mussten, in einer anderen Ecke ein Wasserbehälter. Unsere Zuchthauskleidung und Schuhe mussten wir wegen Fluchtgefahr jeden Abend vor die Zellentür stellen.

1937 kam ich ins Emsland: nach Börgermoor, Esterwegen, Aschendorf, wo wir als »Moorsoldaten« unter sehr harten Bedingungen arbeiten mussten. Ich wurde zu zwei Monaten Strafkompanie verurteilt. Abends fiel ich erschöpft auf den Strohsack, die Handgelenke waren geschwollen vom Schubkarren-Fahren.

Dass ich 1940 rausgekommen bin, habe ich meiner Schwester zu verdanken. Jeden Tag hat sie bei der Gestapo nachgefragt: Wann lassen Sie meinen Bruder frei? Nur durch sie bin ich rausgekommen. Sonst wäre ich wahrscheinlich im KZ Sachsenhausen gelandet, und ob ich da überlebt hätte bis '45, das ist ganz unwahrscheinlich …

Du hast kurz deine Kriegsgefangenschaft angesprochen.

Im Herbst 1942 wurde ich zur Strafdivision eingezogen, eine harte Zeit. Ich werde nie vergessen: Wir waren erst ein paar Tage zusammen, da wurde abends ein Kamerad aus der Stube rausgeholt und von Offizieren in einem Kriegsgericht zum Tode verurteilt. Am anderen Morgen mussten wir als Kompanie antreten und zugucken, wie der Kamerad, mit dem wir am Abend noch zusammen waren, an einem Pfahl nicht erschossen, sondern – so haben wir gesagt – ermordet wurde. Ein Offizier drohte uns, so würde es jedem ergehen, der Anordnungen und Befehle nicht befolgt.

Du lebst in einer Wohnung, 8. Etage, über den Dächern von Berlin-Köpenick. Im Wohnzimmer türmen sich viele, viele Bücher und Broschüren, auf dem Tisch Zeitungen (auch »DISPUT«) und eine Brille … Wie lange liest du so am Tag: 30 Minuten, ein Stündchen?

Länger, je nachdem.

Vormittags kommt jemand von der Pflege, nachmittags kommt manchmal Besuch. Es gibt nicht mehr allzu viele Widerstandskämpfer. Darum habe ich immer gesagt, solange es geht, können die jungen Leute kommen und ich werde für die anderen mit berichten.

Mich besuchen auch Freunde von der VVN/BdA (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes / Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten) Berlin-Köpenick …

… wo du Ehrenvorsitzender bist.

Ja. Wir haben in Kürze unsere Mitgliederversammlung. Ob ich da hingehe, weiß ich noch nicht. Es fällt mir immer schwerer. Das ist ein Problem: Geistig, kann man sagen, bin ich noch voll da. Aber körperlich …

Du bist im Kaiserreich geboren, in der Weimarer Republik aufgewachsen, in der Nazizeit gepeinigt worden, bist in der DDR am Aufbau einer neuen Ordnung beteiligt gewesen – und letztlich wieder im Kapitalismus gelandet. Mit welchen Gedanken blickst du auf diesen Lebensbogen?

Wir leben im Finanzkapitalismus. Wenn man sieht, wie Hunderte Milliarden hin und her geschoben werden, wie sie dazu ein Theater veranstalten und Sondersendungen bringen, während ein Arbeitsloser gerade mal zehn Euro mehr bekommt im Monat, kann man pessimistisch werden. Wenn man sieht, wie versucht wird, den Leuten etwas vorzumachen, wie man ihnen versucht einzureden, wir Deutschen sind die Besten, aus der Krise kommen wir wieder raus, die anderen verstehen das bloß nicht …

Für die Zukunft sehe ich weitere Probleme. Wir steuern weiter nach rechts – man wird das nicht so bezeichnen, für viele Dinge findet man eben andere Begriffe.

Du bist nicht sehr optimistisch?

Ne, gar nicht. Die LINKEN werden beobachtet – so fängt das an, und dann geht's weiter. Wie viel hingenommen wird! In der Weimarer Republik gab es mehr Widerstand. Heute dagegen erfährt man kaum, wo es Widerstand gegen etwas gibt. Das wird stillschweigend beiseitegeschoben.

Warum bist du Mitglied der LINKEN?

Ende 1946 war ich frei, Krieg und Nazi-Terror waren zu Ende, und ich freute mich sehr, meine Angehörigen, Freunde und Sportkameraden wieder zu sehen. Aber viele hatten Gefängnis, KZ oder Bombenangriffe nicht überlebt.

Mit meiner ganzen Kraft wollte ich über Krieg und Faschismus aufklären. Und ich war davon überzeugt, dass die Spaltung der Arbeiterbewegung eine Ursache für die Nazi-Herrschaft gewesen war. Deswegen wollte ich mich auch parteipolitisch organisieren.

Was wünschst du dir heute von deiner Partei, was sollte sie anders, was genauso machen wie bisher?

Wichtig ist: Rückgrat zeigen. Das wird heute viel komplizierter.

Ansonsten kann ich schlecht was dazu sagen. Ich stecke ja nicht mehr so mittendrin in der ganzen Auseinandersetzung, da will ich keine Ratschläge geben, das maße ich mir nicht an.

Was früher war, das ist vorbei. Heute sind andere Umstände, andere Gegebenheiten.

Welchen Wunsch hast du vor dem »100.«?

Jeden Tag quält man sich so rum. Was das bedeutet, kann kein Außenstehender ermessen. Bis zum Geburtstag quält man sich. Da hast du nur den einen Wunsch: wenn es bloß zu Ende wäre.

Viele sagen mir: Mensch, Erwin, das kannst du doch nicht sagen … Aber so ist mein körperliches Empfinden: Du bist fertig, bist verbraucht. Alles andere ist bloß schöne Rederei.

Und das magst du nicht?

Ne.

Geistig bin ich noch voll da, verfolge alles und bringe dann auch meine Meinung zum Ausdruck. Erfreut bin ich über den Widerstand gegen die Nazi-Aufmärsche in Dresden und in anderen Städten. Da möchte ich sagen: Macht weiter so! Lasst nicht nach! Nie wieder Faschismus und Neofaschismus! Nie wieder Krieg!

Interview: Stefan Richter

Erwin Schulz, geboren am 13. Oktober 1912 in Berlin
Vater: Schlosser, Mutter: Blumenbinderin