Disput

Stichelei zur Gauckelei

Feuiletton

Von Jens Jansen

Alle Heimatblätter sind sich einig, dass ein deutscher BUPRÄ nichts zu sagen hat und deshalb viel reden muss. Je besser er reden kann, umso weniger fällt das dann auf. Umso mehr wird er geliebt, denn er verschönert den Anstrich unseres Vaterlandes – er zwingt Grau raus und Rosa rein.

Deutschland braucht in dieser Phase diesen Kandidaten, denn: Wir sind Papst, wir sind die stärkste Merkelei der Welt, wir sind Lokomotive des Wachstums, Weltmeister im Export, Zahlmeister der EU, Zuchtmeister der Griechen und anderer Bankrotteure, Stoßtrupp der NATO, Bollwerk gegen Mindestlohn, Entsafter der Arbeitslosenstatistik. Kurzum: Unsere Lage ist großartig, aber die Stimmung ist miserabel! Das Volk muckt auf, immer öfter, immer lauter.

Das schreit nach einem Seelsorger! Nach einem, der die sieben Todsünden beherrscht. Der von Politik und Ökonomie keine Ahnung hat und deshalb den Amtsträgern nicht reinredet. Nach einem, der in finsteren Stunden nicht zum Wutbürger wird, sondern zum Weichspüler. Wie oft schon haben begnadete Redner das Schicksal unserer Nation verändert?

Dennoch haben die Konservativen gezögert, den Konservativen zu nominieren. Drum trat der neoliberale Koalitionspartner der Kanzlerin in den Hintern. Das war eine Panikattacke vor dem Untergang der FDP. Da wollte der Schwanz auch mal mit dem Hund wackeln.

Aber die Bundesrepublik ist ja – bei aller Größe – auch nur der Schwanz der atlantischen Supermacht USA. Dort tobt der Wahlkampf. Obama muss weg, sagen die Republikaner. Der Kerl hat zu viele »soziale Visionen«. Der holt aus dem gottverdammten Europa die gottverdammten »sozialistischen Ideen« ins Land. Das geht doch nicht! Die Banken wackeln, die Rüstungsfirmen stehen auf einem Bein, die Autoindustrie fährt im Rückwärtsgang, vor der Börse tobt der Pöbel! Das gab es noch nie. Reißt das Ruder endlich rechts rum!

Und schon wackelt in Deutschland die Kanzlermehrheit. Wann kommt die Vertrauensfrage, wann die Neuwahl, mit welchen Köpfen für den neuen Kurs?

Der Bundesinnenminister legt die Linken an die Kette und gibt Finanzhilfe für Rechtsextremisten. Der Bundesverkehrsminister stellt Marx und Engels ins Berliner Gebüsch und hilft beim Ausbau neuer Militärbasen. Die Familienministerin fördert mit fünf Millionen ein Programm gegen Linksextremismus und Islamismus. Der Verteidigungsminister stärkt die Rollkommandos für den US-Weltgendarm. Das letzte Öl, die größten Gaslager, die seltensten Mineralien müssen gesichert werden. Und alles auf dem Pulverfass des wachsenden Konfliktes zwischen Arm und Reich.

Es ist hohe Zeit, dass ein wendiger Diener Gottes auf den Thron steigt. Daher haben sich alle gleichgesinnten Parteien auf den Einzigartigen geeinigt. Mit solcher Mehrheit kann man jeden Priester oder Discjockey ins Schloss Bellevue bringen. Der Mann ist schon gewählt, ehe er den Saal betritt. Schade, dass die Verfassung dabei zum Fußabtreter wird, denn die verlangt für die wirkliche Demokratie eine wirkliche Opposition. Die gibt es nur in Gestalt der LINKEN. Aber gerade die wurde ja bei der Nominierungsdebatte ausgesperrt.

Sollte sie nun am Wahltag zu Hause bleiben? Das wäre feige. Sollte sie in die Stimmenenthaltung flüchten? Das wäre die Kapitulation vor dem falschen Kandidaten. Oder soll sie eine Alternative aufbieten, die auch den anderen Abtrünnigen der Kumpanei ein Bekenntnis gestattet? Klar ist, dass Frau Klarsfeld – nicht trotz, sondern wegen ihrer Verdienste – als »Hexe« verbrannt wird. Wie kann man hier fragen, welche Art Präsidentschaft willkommener ist: »Mann oder Frau? Retter oder Richter des Kapitalismus? Der Antikommunist oder die Antifaschistin?« Die deutsche Antwort ist klar. Und dennoch möchte man sie hören von jedem im Saal.

Vielleicht hilft der Mann, der Mielkes Tresore gesprengt hat, auch die Tresore der westlichen Geheimdienste zu öffnen, um endlich festzustellen: Was war da Aktion und was nur Reaktion auf die Aktionen anderer Finsterlinge? Der Mann, der manche These Sarrazins bedenkenswert findet, kann das nun mal mit den ausländischen Mitbürgern debattieren. Und beim Truppenbesuch in Afghanistan kann er staunen, wie das Land unter der NATO ausgeblutet ist. Da die West-Eliten an allen Fronten jämmerlich versagt haben, kommt nun ein weiterer Kopf der Ost-Elite ans Ruder. Keine Angst, liebe Bayern, der gehörte zu den ersten Wessis im Osten! Der beruft sich gern auf seine Erfahrung mit zwei Diktaturen. Nun kann er als Drittes die Diktatur des Kapitals näher kennenlernen. Wir wünschen ihm neue Erkenntnisse!