Disput

RAUS heißt nicht »AUS!«

Feuilleton

Von Jens Jansen

Das Schönste am Wahltag in Kiel war die »Elefantenrunde« im Fernsehen. Da erklärten alle Verlierer, warum sie eigentlich gewonnen haben. Bis auf Die Linke, die öfter zu ehrlich ist. In Schleswig-Holstein hatten ja nur die Piraten einen echten Gewinn. Doch die CDU feierte sich als »stärkste Partei«. SPD und Grüne bejubelten die Abwahl der Schwarz-Gelben. Der Südschleswigsche Wählerverband, der wegen der dänischen Minderheit unter »Artenschutz« steht, ließ sich als »Zünglein an der Waage« feiern. Die FDP war, trotz halbierter Anhängerzahl, stolz, im Landtag zu bleiben. Was Kubicki gelang, indem er Abstand zu Rösler hielt. Hätten auch die LINKEN jede Verbindung mit ihrer zerstrittenen Führung in Berlin leugnen sollen? Das hätte mehr Sendezeit gebracht! Sind sie zu bescheiden oder Blutspender für die Piraten?

Die Deutung übernehmen die Vorstände und die Medien. Aber die Summe der Nichtwähler lag höher als die Stimmen für CDU und SPD zusammen! Das hieß: »Euer Kurs gefällt uns nicht! Auch nicht die Mauschelei der Kapitäne! Euer Sparkurs steuert auf die Riffe, obwohl wir kaum Wasser unter dem Kiel haben!«

Zur gleichen Zeit bogen die Euro-Frachter unter französischer und griechischer Flagge nach Backbord ab, weil die linken Ufer mehr Sicherheit bieten. Das machte die LINKEN in Deutschland noch trauriger, denn ihre Seekarte sagt ja dasselbe. Aber wer hat sie allen an Bord erklärt? Nicht mal Piraten wissen, dass der legendäre Pirat Störtebecker seine Mannschaft »Likedeeler« nannte, weil sie ihre Beute von den reichen Pfeffersäcken stets in gleiche Teile »lieke Deels« an die Armen an der Küste verteilten. Solche Vorkämpfer für soziale Gerechtigkeit sind die Digitalisten noch lange nicht. Aber ihr Rückenwind sind jene Wähler, die allen Parteien abhanden kamen.

Dann kam die Wahl an Rhein und Ruhr. Und weil in NRW genauso viele Menschen leben wie in den fünf neuen Bundesländern, sind die dortigen Landtagswahlen immer Startglocke und Vorzeichen für die Bundeswahlen. Die CDU schickte Minister Röttgen als Hoffnungsträger in die Schlacht. Der kam aber nur mit Zahnbürste, weil er den Umzugswagen erst als Landesfürst bestellen wollte. Die Zahnbürste wurde zum Sargnagel. Frau Merkel verlor erneut einen Kronprinzen. DIE LINKE und ihre Wähler fragten laut: »Wann kommt Oskar?« Aber der zerstrittene Vorstand sagte: »Abwarten!« Obwohl sich im Politbarometer die Chancen der LINKEN von sechs auf drei Prozent halbiert hatten. Am Ende blieben 2,5 Prozent. Das schlägt auf den Magen und ins Kontor!

Rot-Grün ist gestärkt im Düsseldorfer Landtag. Frau Kraft hatte in Brandenburg gelernt, wie Linke zu Einfluss kommen. Die Grünen waren durch Frau Merkels Energiewende abgestützt. Die FDP ließ den reaktivierten Lindner mit dem klugen Kopf und den treuen Augen die Karre aus den Dreck ziehen. Man wählt eben immer wieder Personen und nicht Programme, die sich ohnehin gleichen.

Das Tragische an diesen Vorgängen ist, dass alle Konkurrenten der LINKEN vom »geistigen Diebstahl« bei den Linken leben. Und da man hierzulande auch ohne Quellenangabe zu Ruhm kommen kann, gilt: »Sobald mir eine Bewegung über den Kopf wächst, stelle ich mich an die Spitze und leite sie um!« Drum schnürt die CDU zur Sicherung des Fiskalpaktes schnell noch ein Wachstumspaket als Beigabe. Nicht weil DIE LINKE und der DGB seit Jahren die Stärkung des Binnenmarktes und des Mittelstandes fordern, sondern weil Frankreich und Griechenland darauf bestehen. Die SPD warnt vor dem »Totsparen« und vor Lohndumping. Aber nicht, weil DIE LINKE das schon dem SPD-Kanzler Schröder entgegenhielt, sondern weil die Mästung des Großkapitals durch ihn inzwischen zum Himmel stinkt.

DIE LINKE, die nicht ins Ziel kam, erwies sich dennoch als eine Schubkraft für den Kurswechsel der Sieger. Denn wahr bleibt, dass Deutschland und Europa wegen der Zuspitzung des Konfliktes zwischen Kapital und Arbeit nach links driftet. Das lässt immer mehr Regierungen wackeln. Die Völker weigern sich, die Zeche der Banker zu bezahlen. Die Verhältnisse sind ins Tanzen gekommen. Die neuen Mehrheiten werden unberechenbarer. Das macht die Konservativen und ihre Börsianer immer nervöser. Jetzt werden Strategie und Taktik großgeschrieben! Doch am Ende zählt nur, was dem Wähler unter die Haut geht. Das gelingt besser mit Taten als mit Plakaten – und ohne Geschlossenheit überhaupt nicht!

Raus heißt nicht »Aus!« Also: die Mannschaft zusammenhalten, den Kurs präzisieren, die richtigen Steuerleute auf die Brücke stellen und Segel setzen!