Disput

Demokratie

»Ich beobachte dich ...«. Politsatire im Deutschen Theater in Berlin

»Wir wollen mehr Demokratie wagen. Wir werden unsere Arbeitsweisen öffnen und dem kritischen Bedürfnis nach Information Genüge tun. Mitbestimmung, Mitverantwortung in den verschiedenen Bereichen unserer Gesellschaft wird eine bewegende Kraft der kommenden Jahre sein. Wir können nicht die perfekte Demokratie schaffen ...«
Aus der Regierungserklärung Willy Brandts vom 28. Oktober 1969

Die Geschichte führt uns nach Bonn ins Jahr 1969. Willy Brandt wird nach 20 Jahren CDU-Vorherrschaft Kanzler der Bundesrepublik. Angefeindet von Konservativen, wird er als Vaterlandsverräter beschimpft und seine neue Ostpolitik scharf angegriffen.

Nur fünf Jahre bleibt er im Amt. Günter Guillaume, sein engster Mitarbeiter und gleichzeitig Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, hat mit seiner Enttarnung den Abgang beschleunigt. Ob da noch Pressekampagnen, Frauengeschichten und Einsamkeit eine Rolle spielten, der britische Autor Michael Frayn spart das nicht aus. Jedenfalls fanden selbst Guillaume und sein Minister Wolf den Rücktritt übertrieben, war wohl so auch nicht geplant.

Mit der Inszenierung von Tom Kühnel und Jürgen Kuttner am Deutschen Theater in Berlin ist eine Politsatire, ein »vergnüglicher staatsbürgerlicher Bastelspaß«, so die »Frankfurter Rundschau«, entstanden, der nicht zur Klamotte abflacht und viel Spaß und Witz zelebriert. Kuttner, der alleinige Video-Schnipselkönig, kann grau meliert oder mit glänzender Glatze (scheint echt zu sein) auch eine kleine Einführung zu Sebastian Haffner leisten, um dann wieder in verschiedene Rollen zu schlüpfen.

Der dramaturgische Trick der beiden Regisseure lautet Crosscultur und bedeutet, politische Handlungen mit der Musikszene der damaligen und Jetztzeit aus Ost und West zu kreuzen. Herausgekommen sind Playbacks mit Titeln von Hildegard Knef, Rio Reiser, Jessica (»Ich beobachte dich ...«) bis Rammstein, die von Wehner, Brandt, Guillaume und anderen Schauspielern ins Pantomimische und Varietéhafte umgesetzt werden. Dann können wir kräftig lachen. Das machen jedenfalls die meisten im Deutschen Theater.

Gert Gampe