Disput

Bewegung ist mein Lebensstil

Pablo Miró ist Komponist, Sänger, ein Multi-Instrumentalist der argentinischen Volksmusik und Tangointerpret. Und neuerdings macht er auch Kinderlieder.

Welche Instrumente spielst du denn?
Mehrere. Mein Hauptinstrument ist die Gitarre, Klavier spiele ich auch und oft komponiere ich mit dem Klavier. Ich spiele viele einheimische Instrumente wie das Charango (kleines Zupfinstrument). Aber natürlich ist mein Gesang, meine Stimme das wichtigste Instrument.

Du bist ein Künstler zweier Kulturen, geboren in Argentinien, dann - wir gehen noch in die Details - hast du in Deutschland gelebt, bist wieder zurück nach Argentinien, immer auf Reisen, aber mit deutscher Sprache, mit spanischer Sprache und Kultur groß geworden. Was hat das für dich bedeutet, für deine künstlerische Entwicklung?
Für mich ist es eine Herausforderung, eine neue Identität. Es ist keine kollektive Identität. Wenn man zwischen zwei Kulturen aufgewachsen ist, dann muss man ganz authentisch und wahrhaftig eine Eigenidentität entwickeln, und das ist auch musikalisch so. Ich glaube, meine Klangwelt, meine Musik hat es sehr bereichert. Wie bei einem Koch, der in der Küche die Auswahl an Gewürzen erweitert hat für das, was er ausdrücken möchte.
Ich habe immer Schwierigkeiten, wenn ich komponiere, zu definieren, was ich jetzt ausdrücken will. Manchmal habe ich zu viel zum Ausdrücken von diesen zwei Kulturen. Das heißt, es ist eine Synthese, die ich endlich geschafft habe, weil es lange Jahre in meinem Leben eine Zwiespältigkeit gab, die mich ein bisschen zerrissen hat. Heute hat sich das gefügt, und deshalb ist das nächste Projekt meine erste deutsche CD in deutscher Sprache. Mit meiner lateinamerikanischen Musik verbunden, mit meinen einheimischen Instrumenten, aber mit deutschen Texten.

Es heißt, Pablo klingt wie Pablo - das heißt, wenn wir jetzt über deine Musikstilistik sprechen, das hast du ja schon angedeutet, dann ist es eine Synthese. Hast du dich in deiner Vielfalt, von Jazz bis Folklore, was du in der Vergangenheit gemacht hast, jetzt schon auf eine musikalische Stilistik festgelegt?
Ich bin nicht festzulegen. In Plattengeschäften hat man große Schwierigkeiten. Da kann man mich unter Folklore finden, unter World-Musik, unter Liedermachern. Ich tauche da in verschiedenen Nischen auf, weil ich nicht so einzuordnen bin. Das finde ich aber für mich selber sehr spannend und schön. Ich denke auch, dass das, was ich anbiete auf der Bühne, eines nicht ist: gleichgestrichen und langweilig. Der Überraschungsfaktor ist für mich sehr wichtig, und das macht meine Musik auch aus.

Wenn wir jetzt mal weggehen von der Musik, zu deinen Texten überleiten, zu den Inhalten deiner Musik, dann fällt auf, und das ist für mich kein negativ besetzter Begriff: Du bist ein politischer Künstler, der sich auseinandersetzt mit den Problemen dieser Welt, mit Krieg und Frieden, mit Solidarität, mit Unterdrückung, mit Morden, mit Geschichten aus Argentinien und Ungerechtigkeiten in Deutschland.
Wenn ich etwas nicht bereue in meiner Persönlichkeit und wenn ich das wachhalte und wenn ich es begieße wie der Gärtner die Pflanze, dann ist es meine Empörung, und ich bin eigentlich ständig etwas empört, das ist Teil meines Alltags. Und ich gehe zu den Fakten, die mich empören, es ist fast eine Sucht, wissen zu wollen, was wirklich geschieht, geschichtlich geschieht. Wir können nur eine gerechte Welt aufbauen, indem wir wachsam hinter den Kulissen schauen, was läuft, wer dahintersteckt. Allerdings mich als politischen Liedermacher zu bezeichnen, fällt mir ein bisschen schwer. Für mich ist zum Beispiel Victor Jara ein politischer Liedermacher. Alle seine Musik und seine Texte sind geprägt, der rote Faden ist dieser politische Inhalt, der sich immer auf etwas Gesellschaftliches, auf Ungerechtigkeiten bezieht.
Ich bin sehr philosophisch erzogen, ich habe eine riesige Lebensfreude und bin auch oft froh, dass ich meine Empörung loswerde und mein Leben so genießen kann wie ein gewöhnlicher Mensch, der halt ein Bier trinkt und bei Freunden ist und die große breite Palette, die das Leben anbietet, an Stimmungen, an Freuden, an Magischem im Alltag. Ich glaube, was ich möchte, ist nicht unbedingt politisches Erwähnen, sondern unsere Menschlichkeit, unsere Urmenschlichkeit, unser pures Kind, was in uns noch weiterlebt, da bin ich nicht naiv, aber da bin ich auch nicht abgehärtet. Ich habe nur Hoffnung in eine Welt, wo wir Menschen nicht nur solidarisch und engagiert immer mehr werden, sondern wo wir wieder zurückkehren können zu dem, was wir ursprünglich waren: gute Menschen, Kinder, die spielten mit anderen Kindern und gern etwas abgaben und sofort fühlten, wenn dem anderen etwas weh tat - ich arbeite ja auch mit Kindern … Meine Hauptaufgabe als Liedermacher sehe ich darin, Lebensfreude und Hoffnung zu vermitteln. Eine Riesenverantwortung, denn ich glaube an diese Lebensfreude als eine politische Energie der Veränderung.

Wir kommen zu deiner Biografie. Du bist 1961 in Córdoba, Argentinien, geboren, ihr seid nach Deutschland gegangen, wieder zurück nach Argentinien, und 1976 fand der Militärputsch statt, der euch gezwungen hat, nach Deutschland zu emigrieren. Wie haben dich diese Ereignisse geprägt in deiner weltanschaulichen Entwicklung und über dein politisches Nachdenken über die Welt und über das Schicksal Argentiniens, was ja auch deine Heimat ist?
Meine kreisförmige Geschichte fängt ja an, als meine Großeltern im Jahr 1937 nach Argentinien flohen, sie waren Juden und sozialistisch. Mein Urgroßvater war übrigens Sozialist im Parlament in Berlin, Abgeordneter. Und meine Eltern, Ärzte, waren sehr engagiert und haben Verfolgte beschützt, sie haben ihnen unser Haus zur Verfügung gestellt und auch Gewerkschaftern die Möglichkeit angeboten, sich bei uns zu versammeln. Den gewaltsamen Widerstand haben wir abgelehnt, da wollten wir nie mitmischen. 1976 kamen wir wieder nach Deutschland zurück. Der Kreis schließt sich jetzt, da ich seit zwei Jahren wieder in Berlin bin.
Was mich an dieser Geschichte natürlich philosophisch sehr geprägt hat, ist zu verstehen: Wieso das alles, wieso diese ständige Bedrohung? Ich fühle mich hauptsächlich als ein Überlebender unserer ganzen Familie. Wir waren schon Überlebende des hauptsächlich von Herrn Kissinger geplanten Plans Condor, der die Militärputsche in ganz Südamerika logistisch und danach auch praktisch in Gang gebracht hat. Für mich ist Kissinger wirklich ein furchtbarer Mensch, der hier in Deutschland nicht als das, was er wirklich ist, erkannt worden ist.

Naja, es ist ja noch viel schlimmer, er ist ja sogar Friedensnobelpreisträger geworden. Was besonders makaber ist, aber wenn wir jetzt darüber reden, müssen wir auch diesen Begriff, Desaparecidos, die Verschwundenen, verwenden. Menschen, über die es keinen Nachweis gibt. Menschen, die ermordet worden sind, die man aus Flugzeugen geworfen hat ins Meer, in Vulkane, die verscharrt worden sind anonym … Diese Geschichte hat dich auch beschäftigt? Dieses große schlimme Thema, das ja in Lateinamerika immer noch nachwirkt.
Es ist ja Teil meiner eigenen Geschichte: Meine Tante, die Schwester meiner Mutter, ist gefoltert worden, war im Gefängnis, und sie hat auch einen Bombenanschlag abgekriegt. Und eines Abends im Jahr 1976 kam ein ziviles Militärauto vor unser Haus, das wir Verfolgten angeboten hatten. Das war der Wagen, vor dem man sich fürchtete; noch heute wird es mir gruselig, wenn ich solch einen Wagen sehe. Sie haben in der Nacht mit dem Maschinengewehr das Haus beschossen; wir waren drin, wir dachten, wir überleben es nicht. 24 Stunden danach waren wir im Flugzeug. So war unser Ausgang im Jahr 1976 - die Flucht aus Argentinien.
Der Plan der Diktatur zielte nicht nur auf die speziellen Gegner der Diktatur, sondern auf alle denkenden, kritischen, engagierten, solidarischen, intellektuellen oder einfach nur praktisch engagierten Menschen, auch Pfarrer, die in den Slums Sozialarbeit verrichteten. Die Razzien waren eine Vorbereitung auf ein anderes Argentinien ohne Denken, ohne eine Generation möglicher Politiker, die zur Demokratie standen.

Du bist wieder nach Berlin gekommen, welche Beweggründe hattest du, wieder mal Argentinien zu verlassen?
Die Bewegung ist mein Lebensstil. Ich bin fast wie die Zirkusarbeiter. Allerdings bin ich mittlerweile Vater geworden, und so muss sich das alles zwangsläufig etwas beruhigen. Ich finde Berlin ist für mich ein synthetischer Ort. Argentinien ist mir ein bisschen eng geworden nach meiner langen Geschichte in Europa und in Deutschland, ein bisschen erstickend auch für mich als Künstler. Es hat ein kollektives Unterbewusstsein, was sehr stark ist in Argentinien, und ich bin nicht der erste Künstler, der woanders Luft holen musste.
Ich habe gestern Abend in Berlin ein Konzert gegeben, voll auf Spanisch, und ich sah die Freude in den Gesichtern, obwohl sie die Texte nicht verstanden. Da habe ich gemerkt, wie universal die Musik ist.

Das du jetzt eine CD »Lieder zum Naschen« gemacht, also Kinderlieder, das ist ja offensichtlich ein neues Feld. Und wenn ich an das Lied denke »Unsere Rechte«, dann ist das doch mehr als nur so ein Trallala-Lied; da geht es darum, dass Kinder ihre Interessen wahrnehmen sollen.
Die Kinder tun mir verdammt gut. Ich wollte immer ein hochwertiger Liedermacher sein, dafür habe ich viel getan. Ich bin ja Diplom-Komponist und habe klassische Gitarre studiert, dann Jazz, Bossa Nova, und irgendwann hab ich einen akademischen hohen Stand erreicht. Dann kamen plötzlich die Kinderlieder, zufällig, weil mich nämlich ein Musikschulleiter gebeten hat, ich solle an einer Grundschule in Nordrhein-Westfalen mal ein Konzert geben. Da habe ich gespürt, wie die Kinder mit all ihren Poren offen mir zuhörten. Ich war selbst überrascht bei diesem ersten Konzert: Welche Freude die Kinder mir wiedergaben und was da entstand! Es war ein Traumkonzert. Das ist eine riesige Verantwortung für mich, was ich in diesen Topf da rein tue, wie ich diese Pflanze begieße, und wenn ich das mit großer Liebe, mit großer Verantwortung mache, dann kann ich es in einem frühen Stadium der jungen Menschen schaffen, sozusagen eine Saat zu geben, die gut ist. Und deshalb gibt es auch immer Gespräche nach den Konzerten, über ihre Rechte als Kinder.

Aktuell bist du unterwegs mit einer Hommage an Mercedes Sosa und Victor Jara, auch. Kannst noch kurz etwas dazu sagen, warum du gerade jetzt mit der Musik dieser weltberühmten Künstler mit würdigem Respekt und Anerkennung dieses Programm machst?
Es ist vor allem Dankbarkeit, Dankbarkeit dafür, dass es sie gegeben hat; mir kommen oft die Tränen, wenn ich die Lieder von Victor Jara singe. Ich bin dankbar, dass ein Mensch vor mir den Mut hatte, solche Lieder zu schreiben, sein Leben zu riskieren, und der dabei sogar umgekommen ist. Und auch Mercedes Sosa hat mich lange begleitet, ihre Stimme erklang bei uns zu Hause. Ich könnte von Papa und Mama sprechen, wenn ich als Liedermacher von Mercedes und Victor spreche. Für mich ist es erst einmal sehr leicht, diese Stücke zu spielen, weil sie so verwurzelt in mir sind. Aber der tiefe Gedanke ist, all diese Lieder lebendig zu halten.
Das letzte Konzert fing an mit der Frage, wieso wurde ein Mensch wie Victor Jara überhaupt ermordet. Ich habe dann über Allende gesprochen, was Allende alles in Gang gebracht hat - also einen Liter Milch für jedes Kind täglich, gute Bildung für jeden Chilenen, die Verstaatlichung von Konzernen.

Das ist ein guter Abschluss für das Interview. Wenn du dir jetzt noch ein Frage wünschen könntest …
Wie sind denn deine Konzerte, Pablo?

Ja, wie sind denn deine Konzerte, Pablo?
Schön. Ich möchte, dass das Interview nicht so unmusikalisch wird, nicht nur politisch, ich bin ja letztlich Musiker. Mein Ziel ist es, wie gesagt, dass es irgendwo ein Fest ist - mit viel Tiefe. Normalerweise ist »tiefe« Musik ernsthaft und traurig, ein Fest ist oberflächlich und fröhlich. Für mich ist wichtig, dass beides zusammenfließt in meinen Konzerten, und das schöpfe ich aus meiner eigenen Fröhlichkeit und Lebendigkeit und auch Wildheit.
Ich möchte, dass jeder erfrischt und neu aus dem Konzert geht. Deshalb sind Ohrwürmer gut, aber gleichzeitig nicht gut, weil auch Neues kommen muss, nicht nur die alten Erinnerungen. Man möchte zum einen bestärkt werden, gleichzeitig muss etwas Neues kommen, und deshalb bin ich auch Komponist. Und wie gesagt: ein Fest mit viel lateinamerikanischem Rhythmus … voller musikalischem Reichtum.

Vielen Dank!

Interview: Gert Gampe