Disput

Wer klopfet an?

Porschs Portal

Von Peter Porsch

Weihnachten steht vor der Tür. Wenn man den Supermärkten im Lande glaubt, schon seit Ende September. Es ist aber nicht Knecht Ruprecht, der hier klopft. Mir drängt sich ein Lied ins Ohr, ein Wechselgesang. Er ist Bestandteil eines vor allem in den Alpen gepflegten christlichen Brauchtums. Die Sache heißt »Herbergssuchen«.

Im Advent geht man mit einem Marienbild durch den Ort und klopft an den Türen der Häuser. Aus dem Haus heraus wird gesungen: »Wer klopfet an?« Die Antwort von draußen: »O zwei gar arme Leut!« Und schon kommt es böse von drinnen: »Was wollt ihr dann?« Deshalb wieder von draußen: »O gebt uns Herberg heut!« So geht es von Haus zu Haus. Die immer gleiche, flehentlich vorgetragene Bitte. Erfolg stellt sich für das Paar nirgends ein. Ganz klar, denn auf die ungeduldige Frage von drinnen: »Was zahlt ihr mir?« kommt die Antwort: »Kein Geld besitzen wir!« Fazit von drinnen: »Ei, die Bettelsprach führt ihr, ich kenn sie schon, geht nur von hier!«

Wir wissen, wie es ausging, was im Brauchtum nachgestellt wird. Die von ihren Wehen ereilte Frau gebiert das Kind in einem Stall. Warum das schließlich so sein musste, steht in der ursprünglichen Quelle allerdings nicht ganz so, wie es die Überlieferung des Volkes vermeldet. Der Evangelist Lukas hinterlässt uns nur die lakonische Nachricht: »In der Herberge fand sich kein Platz für sie.« (2,7) Solches konnte doch durchaus andere Gründe haben als geldgierige Herbergsväter. Zumal ja Volkszählung war und Menschen aus allen Himmelsrichtungen in ihre Heimatstädte unterwegs waren, um sich eintragen zu lassen. Dass beim Volk aber der kaltherzige Vermieter zum Sündenbock wird, kann auch kein poetischer Zufall sein. Ich bin sicher, da steckt Erfahrung dahinter - die Erfahrung der einfachen Leute mit den Besitzenden, die Erfahrung der Armen mit den Reichen. Noch einmal der Wechselgesang: »Seht unser Elend an« - »Geht mich nichts an!«

Diese Erfahrung hält offensichtlich mehreren Tausend Jahren Menschheitsgeschichte stand, und wir sind allemal noch mitten drin in solchen Verhältnissen, die solche Erfahrung bringen. Da hilft kein »C« in den Namen regierender Parteien und da hilft kein Berufen auf christlich-abendländische Werte.

Das christliche »Sollen«, das findet sich im Mitleid mit dem Obdach suchenden Paar und dem Abscheu vor den Mitleidlosen. Es findet sich in der schönen Geschichte, dass das als »Erlöser« gesehene Neugeborene aus tiefster Armut kommt und den Armen Frieden bringen will. Die Bedingung ist, guten Willens dafür zu sein. Genau der fehlt den Reichen. Das christliche »Sein« tritt uns deshalb so brutal wie scheinheilig als »christliche« Politik gegenüber. Da singt man zwar im Advent, »tauet Himmel den Gerechten, Wolken regnet ihn herab«, in Wirklichkeit diffamiert man aber Gerechte als »Gutmenschen«, pfeift auf Gerechtigkeit und wartet nur auf den Geldregen des Weihnachtsgeschäfts. Das soll niemand vermiesen, schon gar nicht Arme und Herberge Suchende. Letztere nennt man heute Asylbewerber, Asylanten, Flüchtlinge, Ausländer, Fremde usw. Sie stören! Und man verwehrt ihnen nicht nur das Dach über dem Kopf, nein, man reißt sogar ihre Zelte ein, die sie sich bauen. Wollen sie auf dem kalten Berliner Boden schlafen, um ihr Elend sichtbar zu machen, verbietet man ihnen die Isomatte. Wer eine besitzt, wird festgenommen und behandelt, als wäre das eine gefährliche Waffe. Da kommen keine Heiligen Drei Könige mit Gold, Weihrauch und Myrrhe. Einige Spenden lindern das Elend und die Solidarität einheimischer, meist ebenso Schwacher. Nazis wollen dagegen den Herodes machen und die Asylsuchenden zur neuerlichen Flucht zwingen. »Klopfet an, so wird euch aufgetan«, ist im christlichen Europa längst verhallt. Dafür macht die Häme vom »Wirtschaftsflüchtling« die Runde. Als ob Elend, das ans Leben geht, alle Zukunft verbaut und die Menschenwürde zu einem Märchen aus fernen Landen degradiert, kein Grund sein dürfte, die Heimat aufzugeben und anderswo neue Hoffnung zu schöpfen. Wollen wir wirklich Hilfe versagen und gar zur Traufe werden für jene, die aus dem Regen kommen?

Die Krokodilstränen der Kanzlerin am neuen Denkmal sind noch nicht versiegt, da bauen die Innenminister schon die Visamauern auf, genau gegen jene Sinti und Roma, an deren ermordete Vorfahren das Denkmal endlich und viel zu spät erinnern soll. »Nicht reinlassen und schnell abschieben« (vgl. nd, 26.10.12, S. 11), ist die Devise. Es sind nur Wirtschaftsflüchtlinge - basta! Was ist eigentlich ein Wirtschaftsflüchtling genau? Wenn der reichste Franzose, Bernard Arnault, droht, Belgier zu werden, weil er keine Millionärssteuer zahlen will, so ist der doch auch ein potenzieller Wirtschaftsflüchtling. Der abwertend-kritische Unterton, der das Wort begleitet, ist bei ihm außerdem sehr viel eher angemessen als bei den üblicherweise damit Benannten.

Akkurat zu dem Zeitpunkt, als in Berlin Zelte der verzweifelt demonstrierenden Asylsuchenden abgerissen und ihre Isomatten konfisziert wurden, baute Deutschland in Indien eine Zeltstadt auf. Sie sah aus »wie von Außerirdischen errichtet«, berichtet MDR-Info am 27. Oktober dieses Jahres. Ihr Zweck: indischen Wissenschaftlern, jungen wie alten und wohl wirklich nur Männern, Deutschland so schmackhaft zu machen, dass sie bereit wären, ihre Heimat für eine bessere Arbeit und ein besseres Leben in Richtung Deutschland zu verlassen. Wirtschaftsflüchtlinge? Nein! Nur die Guten ins Töpfchen - und die Schlechten lässt man ins Meer fallen.