Disput

Dogmatismus vs. Beliebigkeit?

Der fünfte Bildungstag der Partei DIE LINKE diskutiert das linke Bildungsverständnis

Von Daniel Wittmer

Welche Möglichkeiten gibt es, sich ein Buch anders anzueignen als über schnödes Lesen? Diese Frage beschäftigte sicherlich viele von uns bereits während der Schulzeit. Spätestens wenn eine Leistungskontrolle zum Buchinhalt anstand, wurde die Verfilmung gesucht oder ein entsprechendes Hörspiel angehört. Oder man fragte die besten Freunde nach einer Zusammenfassung des Inhalts. Es war gar nicht so einfach, das Lesen des Buches zu umgehen und zum richtigen Zeitpunkt das »Wissen« parat zu haben.

»Buch« könnte metaphorisch für einen beliebigen politischen Inhalt stehen, den es sich in irgendeinem Bildungsprozess anzueignen gilt. Nun handelt es sich bei der politischen Bildungsarbeit nicht (nur) um einen (Auswendig-)Lernprozess, sondern ebenso um das Entwickeln eines Verständnisses vom Verhältnis des Individuums zur Gesellschaft. Dies bedarf einer sinnvollen Aufbereitung von Themen und einer Umsetzung, die unter Berücksichtigung des Individuums eine angemessene Erreichung des Lernziels gewährleistet.

Wer heute Bildungsarbeit macht, kann auf ein großes Reservoir an Methoden zurückgreifen. Der einfache Vortrag eines Fachmenschen ist out. Pinwände und Stuhlkreise sind in, »bunte Kärtchen« und Stifte finden sich fast überall, und schön gemalte Bilder auf Flipcharts regen das Denken an. Was hier einerseits nach zeitgemäßen Standards in der politischen Bildungsarbeit aussieht, hat natürlich auch eine Kehrseite. Viele der Methoden stammen aus dem Wirtschaftsbereich. Diese schätzt ausdrücklich Strukturierung und Effizienz für die Inhalte und die motivierende Wirkung solcher Methoden auf die Teilnehmenden.

Ein weiteres Phänomen zeitgemäßer Bildungsarbeit ist die Auffassung, dass beteiligungsorientierte Methoden quasi die »Intelligenz des Schwarms« aufgreifen, bündeln und damit neue politische Konzepte entwickeln. Diese oft als Prozessbegleitung begriffene Herangehensweise ist hochgradig motivierend für die Teilnehmenden und greift auf das Wissen aller Teilnehmer/innen zurück. Dabei kommt man meist ohne große inhaltliche Erarbeitungen bzw. ohne Wissensvermittlung aus. Aber was ist, wenn der Schwarmintelligenz grundlegendes Wissen zu einem beliebigen Themenfeld fehlt? Und was, wenn es bei dem/der Prozessbegleiter/in auch so ist?

Es gibt viel mehr, aber die bereits beschriebenen Fragen und Spannungsfelder werfen zentrale Inhalte des fünften Bildungstages der Kommission Politische Bildung auf. Wenn wir von einer Durchdringung der Gesellschaft mit neoliberalen Vorstellungen sprechen, kann auch die Praxis emanzipatorischer Organisationen (linke Bewegung, DIE LINKE, Gewerkschaften, Stiftungen, Nichtregierungsorganisationen etc.) davon betroffen sein. Dabei herrscht in der inhaltlichen Zielstellung der emanzipatorischen Organisation Einigkeit: Subjektorientierung, solidarische Handlungsweise und Förderung des Individuums.

In unserer Partei ist die Debatte um die Frage »Was ist zeitgemäße, politische Bildung?« unterbelichtet und eher eine Debatte von Spezialistinnen und Spezialisten. Kurz umrissen wird gesagt, dass man eine politische Bildung á la DDR (»Rotlichtbestrahlung«) nicht mehr haben wolle und stattdessen auf den vielfältigen Methodenpool moderner Bildungsarbeit zurückgreifen möchte. Gerungen wird um - die Neuentwicklung politischer Positionen seit 1989 vorausgesetzt - die konkrete Art und Weise der Vermittlung von politischen Inhalten. Diesem Spannungsfeld - Dogmatismus versus Beliebigkeit - wollen wir am 24. November 2012 in Leipzig nachgehen.

Dabei kann uns die Beschäftigung mit zwei großen Themenkomplexen eventuell Antworten auf die Probleme geben. Als Fundament für die weitere Debatte wollen wir uns mit dem Verständnis der politischen Bildung in der BRD und der DDR seit 1968 beschäftigen. Da deren Traditionslinien - bzw. ihre Reflexion - bis heute wirken, wird auch dem gegenwärtigen Verständnis in der Rosa-Luxemburg-Stiftung und gewerkschaftlichen Bildungsstrukturen nachgegangen werden.

Teil zwei des Bildungstages soll die innerparteilichen Debatten - unter anderem der Kommission Politische Bildung - um ein zeitgemäßes, linkes Verständnis von politischer Bildung befruchten. Gibt es nicht nur einen linken Inhalt, sondern auch eine linke Form von Bildungsarbeit? Übernehmen wir mit Methoden und Begriffen aus dem neoliberal geprägten Bildungsmainstream nur Methoden und Begriffe (oder zwangsläufig auch neoliberale Denkstrukturen)? Bringt uns die selbstverständliche Anwendung von zeitgemäßen Methoden immer einen Bildungserfolg bei jeder Zielgruppe? Und schließlich die Frage, wie politische Bildung während politischer Aktionen aussehen kann.

Alles in allem erhoffen wir uns eine Weiterentwicklung von Theorie und Praxis der innerparteilichen Bildungsarbeit. Dazu sind alle Interessierten herzlich eingeladen.

Daniel Wittmer ist Mitarbeiter des Bereiches Politische Bildung in der Bundesgeschäftsstelle.