Disput

Ein Blick nach rechts - und links!

Unterwegs in Nordwestmecklenburg

Von Antje Kind

Wer keine Klischees bedienen und über Rechtsextremismus in Mecklenburg-Vorpommern schreiben möchte, steht vor einer Herausforderung. Vorurteile gibt es allerorten, aus allen Richtungen und in alle Richtungen. Nach dem NSU-Skandal kochten die Wogen hoch, offenbar noch immer nicht hoch genug. Rechtsextremismus ist kein ostdeutsches Phänomen, wie Innenminister Friedrich gern glauben machen möchte. Wie man offensiv damit umgehen kann, lässt sich in der Gegend um Wismar in Nordwestmecklenburg gut beobachten.

Bei der Fahrt durch idyllische Dörfer trügt die Stille. Wer aufmerksam hinsieht, dem begegnen - wie selbstverständlich - im Alltag verhaftete Indizien für rechtes Gedankengut. Da gibt es Hakenkreuze an Bushaltestellen, die niemand entfernt, über die sich nicht einmal mehr jemand aufregt. »Das sind doch Kinderstreiche«, sagen Anwohner. Wegweiser in Frakturschrift, Wandgemälde in Nazioptik oder ganz offensichtlich das Bürgerbüro der NPD in Grevesmühlen - das »Ting-Haus«.

Jamel, ein Ortsteil der Gemeinde Gägelow, fünfzehn Autominuten von Wismar entfernt, geriet seit 1992 immer wieder in die Schlagzeilen, erlangte traurige Berühmtheit als »Nazidorf«. Es gibt keine gewachsene Dorfstruktur mehr, fast alle sind Zugezogene. In jedem Vorgarten geifert ein riesiger Wachhund, sonst ist es ruhig im Dorf. Sven Krüger ist NPD-Funktionär und Abbruchunternehmer. Er bezeichnet sich selbst als »Mann fürs Grobe« und lebt mit seiner Familie hier, wenn er nicht gerade wie derzeit in Haft sitzt. Mehr als die Hälfte der um ihn gescharten Bewohner wurde zeitweise dem rechten Spektrum zugeordnet. Fast alle anderen Einwohner wurden regelrecht vertrieben. Im Januar 2004 war es etwas ruhiger geworden in Jamel. Böse Zungen behaupten: weil nur noch Neonazis da wohnten. Andere meinen, dass »Abbruch-Krüger« sich für seine Karriere als NPD-Politiker einen seriösen Anstrich habe geben wollen.

Das Hamburger Künstlerpaar Birgit und Horst Lohmeyer verliebte sich in Land und … ja, auch Leute, erzählen sie. Sie wussten, worauf sie sich einließen, als sie das alte Gehöft kauften. Sie kamen nicht mit dem Ziel, ein Zeichen gegen Neonazis zu setzen, aber sie wollten sich von »denen« auch nicht abschrecken lassen, wie sie sagen. Allein ihre Präsenz ist Provokation. Dass sie sich als ganz normale Menschen dort niederließen, doch ein demonstrativer Akt.

Von Gerhard Schöne gibt es ein Kinderlied von »Wellensittich und Spatzen«, in dem es genau um dieses Nichthineinpassen ins allgemeine Schema geht. Alle braunen Spatzen hacken auf den bunten Vogel ein, nur weil er anders ist. In so einer Umgebung wie Jamel stechen Lohmeyers nur allzu bunt und deutlich heraus - zum Glück! Nicht weil sie außerordentlich links wären, sondern allein, weil sie nicht rechts sind. Nicht einmal räumlich: In Jamel, das kann sich jeder merken, geht es links zu den Lohmeyers und rechts zu den Rechten. Dieses sonst so friedliche Fleckchen Erde ist Heimat für die beiden geworden. Obwohl sie oft Ablehnung erfahren, wollen sie nicht mehr weg. Vermutlich aus Angst möchte niemand etwas mit ihnen zu tun haben, sagen sie. Es ist hier sehr schwer, anders zu sein. Da hält man in so einer kleinen Dorfgemeinschaft lieber einmal öfter den Mund oder schaut weg und akzeptiert stillschweigend.

Die jahrelange Einschüchterung durch Krügers »Jungs fürs Grobe« zeigt Wirkung. Einmal im Jahr seit 2007 rücken Birgit und Horst Lohmeyer mit ihrer Wahlheimat ins Licht der Öffentlichkeit. Eine ordentliche Portion »Jetzt erst recht!« sieht man ihnen an, wenn sie davon sprechen. Sie organisieren mit viel Engagement und Unterstützung »Jamel rockt den Förster«, ein kleines aber feines Musikfestival auf ihrem Hof als Zeichen gegen Neonazis: rocken gegen rechts, und überhaupt: Kunst in jeglicher Form gegen rechts. Seit diesem Jahr gibt es auch ein Kunstwochenende.

Vernetzung ist ein wesentlicher Bestandteil im Engagement gegen rechte Strukturen. Die Kameradschaften sind sehr stark vor Ort und versuchen, jede sich bietende Lücke im sozialen Leben zu füllen. Das kann dann schon mal die Arbeitslosenberatung oder ein Kinderfest sein. Deshalb ist es so wichtig, dass wir gegen die zusammenarbeiten, erklärt Simone Oldenburg. Sie ist Landtagsabgeordnete der LINKEN für Nordwestmecklenburg und von Hause aus Schuldirektorin. Deswegen liegt ihr die Arbeit mit Jugendlichen besonders am Herzen. Die Jugendclubs sind ein ganz zentraler Punkt. Hier kommt man mit allen Jugendlichen in Kontakt - darunter denen, die Gefahr laufen, ins rechte Milieu abzurutschen. Der Verein Kuso e.V. setzt beispielsweise genau hier an. Simone erzählt von verschiedenen Projekten, die der Verein mit Jugendlichen aus der Region durchgeführt hat. So wurde gemeinsam ein Mehrgenerationengarten angelegt und ein Jugendclub in der Partnergemeinde Slano in Kroatien aufgebaut. Schüler konzipierten eine Wanderausstellung über das Schicksal des KZ-Häftlingsschiffs »Cap Arcona«, das am 3. Mai 1945 in der Lübecker Bucht versenkt wurde, 7.000 Menschen starben. Einige Großeltern dieser Jugendlichen bargen die angespülten Leichen.

Geschichte zum Anfassen und Abbau von Fremdenfeindlichkeit durch direkten Kontakt, so lautet das Konzept. Ebenso wichtig, erklärt Simone weiter, ist gelebte Zivilcourage im Alltag. Wer zum NPD-Kandidaten geht und sagt: »Bist du nicht derjenige, welcher? Ja, schämst du dich nicht?!«, der hat wirklich Courage, das erfordert Mut, und wir brauchen noch viel mehr davon – vom offenen »Nein«, vom sich gemeinsam Querstellen, keine Akzeptanz von ehedem so deklarierten »national befreiten Zonen« wie bei der Sternfahrt für Demokratie und Toleranz am 1. Mai direkt durch Jamel.

Uwe Wandel (parteilos) ist Bürgermeister der Gemeinde. Als solcher steht er mit beiden Beinen im Gägelower Leben und muss sich oft mit Problemen herumschlagen, die von rechts außen kommen. Die Gemeinde hat zum Beispiel ihr Vorkaufsrecht genutzt und mehrere Grundstücke in Jamel erworben, für die nun ein sinnvolles Nutzungskonzept entwickelt werden muss. Doch wie will man sicher verhindern, dass sich nicht doch wieder Rechte dort niederlassen? Wandels Sicht auf all diese Dinge wirkt desillusioniert. So hält er es für unrealistisch, rechtes Gedankengut nachhaltig aus den Köpfen der Menschen zu bekommen, und ein Verbot der NPD für sinnlos. Die würden einfach unter neuem Namen weitermachen, sagt er. Ein riesiges Problem sei die in der Bevölkerung so stark verbreitete, braune Stammtischmentalität. Da sei nur schwer gegen anzukommen. Dass aber der Staat gerade Anfang der 90er Jahre hier in Jamel auf dem rechten Auge besonders blind war, um die in den letzten Monaten so beliebte Formulierung noch einmal zu strapazieren, kann auch er bestätigen. Damals hätten noch einige Strukturen, gegen die wir heute Sturm laufen, verhindert werden können. Nun muss die Suppe ausgelöffelt werden. NPD und Kameradschaften bewegen sich stets am Rande des Legalen, betont Wandel. Einige hätten eine rein kriminelle Ausrichtung, wie beispielsweise die »Schwarze Schar« in Gägelow. Er ärgert sich über zu langsame Justiz, zu milde Urteile und über Polizisten, die schon mal mit den Rechten sympathisieren. An dieser Stelle hebt auch er die Wichtigkeit präventiver Jugendarbeit hervor. Klar, wer in einer Umgebung sozialisiert wird, in der Neonazis den Ton angeben und rechtes Gedankengut zum Alltag gehört, der hat es schwer, sich eine andere Meinung zu bilden oder sich neu zu orientieren - weg von der braunen Masse. Die Jugendlichen brauchten vor allem Perspektiven, Angebote und Orientierung. Das verhindere das Abrutschen in rechte Strukturen. Da dürften natürlich die Freizeiteinrichtungen nicht jedes Mal aus Kostengründen zur Disposition stehen. Initiativen, Vereine und Aktionen sollten nicht zum Aushängeschild von Politikern werden, nur um das schlechte Gewissen zu beruhigen. Da muss man ansetzen, das ist Wandel wichtig.

Er selbst ist, wie Simone Oldenburg, die Lohmeyers und noch andere Engagierte, Mitglied im Kuso e. V. Hier wird deutlich, dass schon viele Menschen in der Region Gesicht zeigen gegen Neonazis - das ermutigt. Am 20. Oktober 2012 wird es erneut Gelegenheit geben, sich querzustellen: Die in Wismar ansässigen Kameradschaften haben einen Umzug angemeldet, und es braucht wie immer möglichst viele, bunte Gegendemonstranten. Die Ostsee ist ja stets eine Reise wert, zu wertvoll, um sie den Rechten zu überlassen!