Disput

Ein jung gebliebener Alter

Im Jahrhundert der Katastrophen: Theodor Bergmann

Von Wladislaw Hedeler

»Man muss das Herz eines alten Mannes haben.« Diesen Ausspruch von Liu Shaoqi zitierte Theodor Bergmann während seines Vortrages im Seniorenklub am 25. September im Berliner Karl-Liebknecht-Haus. Sein Thema war der Kommunismus im 21. Jahrhundert, Bergmann sprach über Irrtümer und Lernprozesse, trug seine Überlegungen zu Bilanzen und Perspektiven vor. Der 1916 in Berlin Geborene wusste wovon er sprach, als er den Anwesenden diese und andere Äußerungen eines der wichtigsten Theoretiker der Kommunistischen Partei Chinas in Erinnerung rief. In seinem Buch »Internationalismus im 21. Jahrhundert. Lernen aus Niederlagen« kann das vollständige, von ihm kommentierte Zitat nachgelesen werden: »Häufig und ausführlich hat Liu Shaoqi seine Vorstellungen vom innerparteilichen Leben formuliert. Er forderte Festhalten an den Grundprinzipien des Kommunismus, vorbildliches Verhalten der Parteimitglieder, sachliche Debatte der wichtigsten Fragen. Es dürfe keine prinzipienlosen Kämpfe und persönliche Querelen geben, aber Verständnis und Kompromissbereitschaft für abweichende Meinungen und offene Kritik an Fehlern der Parteiführung. Gegenüber irrenden Mitgliedern empfahl er [Liu Shaoqi] Weisheit und Großmut: »Kein Mensch ist frei von Fehlern … Daher müssen wir andern im Geist der Großherzigkeit vergeben und weiterhin anderen Rat und Hilfe gewähren‹‹››‹.«

Diesem Anspruch sind beide, Liu Shaoqi und Theodor Bergmann, ein Leben lang nachgekommen. Davon künden auch die zahlreichen Bücher, in denen Bergmann seine während der Studienreisen in diesem Jahr gesammelten Eindrücke zur Debatte stellt. Kaum aus Russland zurück, zieht es ihn wieder nach China. Seit 1987 war er hier bereits 14 Mal. Sachkundig gibt er Auskunft über den Nahen Osten, über Indien, Bolivien, Vietnam. Er suchte und sucht die Diskussion über das, was er in den bereisten Ländern vorfand. Der Kreis jener, mit denen er über Jahre die Debatte pflegte, ist in seinen Büchern vertreten.

Im neuesten Buch »Strukturprobleme der kommunistischen Bewegung. Irrwege - Kritik - Erneuerung« versucht er, »eine positive Bilanz der Geschichte der kommunistischen Weltbewegung zu ziehen, ohne die Fehler, Irrtümer und Verbrechen auszusparen, die in dem Jahrhundert geschahen, das sehr stark von der russischen und chinesischen Revolution geprägt war«.

Dass er dabei zu oft gegen den Strom schwimmen musste, gehört ebenfalls zu seinen Erfahrungen. Die Geschichte der Kommunistischen Partei-Opposition (KPD-O) ist die Geschichte seiner politischen Heimat. 1987 legte er ein Buch hierzu vor. Für Theodor Bergmann war die Jahreswende 1918/19 immer ein Doppeljubiläum. Auf den Tag genau zehn Jahre nach der Gründung der KPD fanden sich gemaßregelte und bereits aus der KPD ausgeschlossene deutsche Kommunisten zusammen, um am historischen Ort, im Preußischen Abgeordnetenhaus, die KPD-Opposition zu gründen. Diese Partei verkörperte die Alternative zu Stalins Partei neuen Typs. 12 der 74 Teilnehmer an der KPD-O-Gründung hatten zu den Mitbegründern und führenden Funktionären der KPD gehört. Über die Führungsmitglieder Heinrich Brandler und August Thalheimer hat er selbstverständlich selbst publiziert und ihnen gewidmete Studien gefördert. Über die verspielten und die möglichen Alternativen hat er in zahlreichen Artikeln und in seiner »Autobiographie eines kritischen Kommunisten« geschrieben. Viele im Hamburger VSA-Verlag erschienene Publikationen, die der Verfasser beförderte oder als Mitherausgeber auf den Weg brachte, sind der Debatte dieser Alternativen gewidmet.

Es ist kein Zufall, dass die erste Auflage von »Gegen den Strom« am Vorabend der Perestroika erschien und Theodor Bergmann kurz darauf die erste Nikolai Bucharin gewidmete Konferenz, der weitere über Leo Trotzki, Wladimir Lenin, Friedrich Engels und die Revolution 1917 in Russland folgten und deren Echo überwältigend war, organisierte. In der Zeit der großen Krise im sozialistischen Lager begab sich Bergmann erneut auf die Suche nach Alternativen im Kommunismus. China, Vietnam, Kuba waren einige der Stationen. Der Titel des 2000 in zweiter Auflage erschienen Bandes über die »Ketzer im Kommunismus« ist symptomatisch. Die kommunistische Weltbewegung war ihrer Natur nach nicht monolithisch, sondern polyzentristisch.

Wenn's nicht mehr weitergeht wie bisher, muss von vorne angefangen werden. Diese von Friedrich Engels formulierten Worte schlug er als Motto für eine Tagung vor, die seinem 90. Geburtstag gewidmet war.

Mario Kessler ist zuzustimmen, dass »Bergmanns Biografie exemplarisch für jene Linke steht, die von der antidemokratischen Rechten verfolgt, von den pseudodemokratischen Spießern gemieden und von den Stalinisten in Acht und Bann getan worden ist«. Es gibt einen Wikipedia-Eintrag über ihn, eine umfangreiche biografische Skizze und selbstverständlich eine vorläufige Bibliografie seiner Publikationen.

Es wäre noch viel über ein »Leben im Jahrhundert der Katastrophen« - diesen Titel wählte Theodor Bergmann für seine Autobiografie - zu sagen. An eine in der Autobiografie enthaltene Episode sei erinnert, die im Moskau der Perestroika-Zeit spielt. Hier hörte ich zum ersten Mal von Theodor Bergmann, lange bevor wir uns begegneten. Wir kehrten fast zeitgleich von Studienreisen aus Moskau zurück: er in die BRD, ich in die DDR. Während Theodor nach Freunden zu suchen begann, mit denen er gemeinsam eine internationale wissenschaftliche Konferenz über Nikolai Bucharin durchführen könnte, dachte ich über die Fortsetzung der aufgenommenen Bucharin-Studien nach.

Nachdem mir Rolf Reißig 1988 die Einladung zu einem Bucharin-Symposium in Wuppertal in die Hand drückte und riet, »versuch doch hinzufahren«, gab ich den von Theodor Bergmann unterschriebenen Brief im Vorzimmer des Institutsdirektors mit der Bitte ab, mir die Teilnahme zu gestatten. Nach den Erfahrungen, die ich zuvor in Moskau und Berlin im Zusammenhang mit Versuchen, über Nikolai Bucharin zu publizieren, sammeln konnte, glaubte ich nicht an eine Zusage. Der »Liebling der Partei« galt in der SED, an deren Akademie ich tätig war, als »Unperson«. Sogar Erich Honeckers Hinweis auf einige Broschüren dieses Autors im Bücherschrank des Vaters wurde nicht mehr zitiert. Es war in der Tat eine Zeit jäher Wendungen. Als ich 1982 mit der Aspirantur in Moskau begonnen hatte, waren es die sowjetischen Genossen, die Honeckers Äußerung über Bucharin nicht in die in Moskau erschienene russische Ausgabe übernommen hatten.

Zum Ende meiner Aspirantur - 1985 - war alles anders. In der KPdSU löste ein Generalsekretär den anderen ab und die Konservativen versuchten, das an die Reformer verlorene Terrain zurückzugewinnen. In dieser Situation ging die tapezierunwillige Parteiführung der SED zunächst auf Distanz, später unterstützte sie die Gegner der Reformen. Den diesbezüglichen Unmut, der sich in der DKP zu regen begann, beschreibt Bergmann in seinen Memoiren. Ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt erging an die Berliner Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED die Bitte, »helfend« einzugreifen.

Was Theodor Bergmann nicht vermochte, setzte Robert Steigerwald nach Rücksprache mit den nicht für die Wissenschaft, sondern für den Westen zuständigen Mitarbeitern des ZK der SED durch. Im Vorfeld der Bucharin-Konferenz fuhr ich nach Wuppertal und Marburg, um mit Mitgliedern der DKP über Bucharin zu diskutieren. Nachdem ich diesen Parteiauftrag erfüllt hatte, war ich pünktlich zu Konferenzbeginn wieder in der Hauptstadt und um viele Erfahrungen reicher. Am nächsten, von Theodor Bergmann im März 1990 organisierten Symposium konnte ich bereits teilnehmen, ohne jemanden fragen oder um Erlaubnis bitten zu müssen. Hier habe ich Theodor Bergmann, wenn auch mit Verspätung, kennengelernt.